[Phoenix|R]: Farmund Wunnsam

Hier finden sich alle Vampir-Charaktere, die dem alten Kodex treu sind oder auch dem Alten Rat angehören bzw. diesen und dessen Meinung vertreten. Abkürzungen: F = Engster Kreis des Alten Rats/Familie | A = Auftragnehmer | R = radikal gegen Untreue | N = neutral gegen Untreue.
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Farmund
Vampir
Beiträge: 61
Registriert: 15.09.2016, 00:12
Posts: 1-2x/Monat
Charname: Farmund Wunnsam
Pseudonym: Gramps, Der Höllenhund, Der Spielmann
Alter: 40-50
Vampiralter: fast 700
Augen: graublau
Haare: dunkelblond
Größe: fast 180
Stadt: Phoenix
Rasse: Vampir
Kodex: klassisch
Beruf: Spielmann
Fähigkeiten: 1. Aura unterdrücken
2. Ausgereifte Form des Gedankenlesens
3. Trugbilder und Halluzinationen
Kleidung: Spielmannsgewand aus Wams und Hose mit dunkelroten, dunkelgrünen, dunkelblauen, sonnengelben und schwarzen Längsstreifen. Ärmel über komplette Länge geknüpft und am Wams angeknüpft.
Sonstiges: Farmunds Fangzähne sind stets sichtbar, weil er sie nicht zurückziehen kann.
Hauptchar: Farmund
Charblatt: viewtopic.php?f=60&t=232
Notizen: viewforum.php?f=504
FAQ: http://faq.vampir-rollenspiel.de

[Phoenix|R]: Farmund Wunnsam

Beitragvon Farmund » 16.09.2016, 23:16

Steckbrief

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» Name, Alter, Rasse
» Einstellung
» Herkunft, Beruf/Finanzen
» Aussehen
» Eigenarten
» Bevorzugte Opfer
» Fähigkeiten/Stärken
» Schwächen
» Waffen
» Vorlieben
» Abneigungen
» Charakter
» Ziele
» Sonstiges
» Leben in Phoenix

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Name

Farmund Wunnsam, oder Faramund Wunnsam. Spitznamen: „Gramps“, „Der Spielmann“, „Der Höllenhund“.

Viele Namen hat dieser alte Vampir im Laufe der Jahrhunderte angesammelt. In Deutschland nannte er sich oft "Farmund Wunnsam". Er war in Deutschland und in England aber auch als "Faramund" bekannt. Ansonsten nannte man ihn in England „Raedwulf“, in Frankreich hieß er “Baisescu“, im Norden nannten ihn die Vampire „Grettir“. Nur seine engsten Freunde könnten je seinen ursprünglichen, wahren Namen gekannt haben.

Er hat mehrere Spitznamen. Da war „Der Spielmann“ auf Deutsch, oder auf Lateinisch „Joculator“. Eine Art Berufsbezeichnung, denn er spielte als fahrender Vampirmusikant an vielen Orten auf: bei gläubigen Vampiren bei der Liturgie und bei verschiedenen Festen, aber auch bei heidnischen Vampirclans war er zu Gast und musizierte zu verschiedenen Gelegenheiten. Es war aber auch ein Spitzname, den die Jünger des fanatisch gläubigen Vampirordens, dem er per Geburt angehörig war, mit zynischen Grinsen in den Mund nahmen, wann immer es gegen die Ketzer ging. Denn der Spielmann war ein starker Vampir, der mit vielen seiner Gegnern förmlich spielen konnte.

Feinde nannten ihn den “Höllenhund“. Andere Namen, die seine Gegner ihm gaben, waren „Wandelmann“ oder „Natternkönig", weil er in der Lage war, Wandel- und Gaukelbilder von Geistern und Gewürm herauf zu beschwören, darunter auch Heerscharen von Ratten mit rot glühenden Augen. Letzteres führte dazu, dass er manchmal auch den Titel „Der Rattenmeister“ erhielt. Die schattenhaften dämonischen Kreaturen wurden oft genug für echt gehalten, für wahrhafte Ausgeburten der Hölle und für verdammte Seelen, die er herbeigerufen hatte, um Vernichtung über den Feind zu bringen - zweifelsohne finstere schwarze Magie der schlimmsten Sorte! Im Rückblick von heute besehen war dies alles gutes Marketing, in Kombination mit seiner natürlichen Gabe, Trugbilder und Halluzinationen in den Gehirnen anderer zu erzeugen. Denn Magie beherrscht Farmund natürlich keine.

Menschliches Alter
Zwischen 40 und 50 Jahren. Er kann sich selbst nicht daran erinnern, wie alt er genau in sterblichen Jahren ist.

Rassenbedingtes Alter
Fast 700 Jahre (er selbst besteht darauf, dass er nur „über 600“ sei).

Art/Rasse
Gebissener Vampir

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Einstellung

Speziell/Kodex:
Kodextreuer Vampir alter Schule

Menschen:
Trotz seines hohen Vampiralters ist Farmund sehr menschlich geblieben (was ihm bisweilen von jüngeren Vampiren Gelächter einträgt). Er stellt sich nicht unbedingt über die Menschen. Er neigt dazu, einfach von den „Leuten“ zu sprechen und Vampire und Menschen damit gemeinsam zu meinen. Sofern er satt ist, ist er harmlos. Haben Menschen erst einmal erfolgreich verhindert, von ihm ausgetrunken zu werden, behandelt er sie im allgemeinen als gleichberechtigte Gesprächs- und Verhandlungspartner. Er sieht sich auch an das Wort gebunden, dass er einem Menschen gibt, selbst wenn kein weltliches Gericht ihn für den Bruch des Versprechens verurteilen könnte. Auch kann er viele Jahre lang Menschen als Freunde haben.

Diese Ignoranz gegenüber den Unterschieden zwischen Menschen und Vampiren könnte man auch als eine fromme Bescheidenheit bezeichnen. Farmunds Sicht ist in der Philosophie seines Ordens verwurzelt, die die Vampire nur als Werkzeuge Gottes ansahen, um die Menschheit zu versuchen und den christlichen Glauben zu reinigen. Die Vampire waren für die Menschheit da, nicht die Menschen für die Vampire. Durch ihre Blutgier besaßen Vampire in geringerem Maß einen freien Willen als Menschen, damit galten sie spirituell als weniger wert. Ihre größeren Kräfte taten da nichts zur Sache.

Die modernen Menschenfrauen von heute, die Hosen anhaben anstatt Kleider, verwirren Farmund und stellen ihn oft vor Schwierigkeiten. In seinen Augen müssen das eigentlich alle Hexen und Prostituierte sein. Wo ist nur die kirchliche Inquisition geblieben? Das bedeutet nicht, dass er etwas gegen Prostituierte hätte oder sich die Inquisition herbeiwünschen würde. Er stammt aus einer Zeit, wo die Kirche viel Macht hatte und Frauen, die sich Männerkleidung anzogen und männliche Macht anmaßten, gegen das göttliche Gesetz verstießen.

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Vampire:
Auf neue Bekanntschaften mag Farmund anfangs verschlossen wirken. Hat er die Wahl, beobachtet und prüft er zuerst wachsam, wen er da vor sich hat, bevor er überhaupt Kontakt aufnimmt. Doch taut er bald auf und wird dann gesprächiger. Dann erweist er sich als gutmütig, ja duldsam, hilfsbereit und altmodisch höflich. Farmund hat gerne andere Vampire um sich. Das macht ihn zugänglicher, als er im ersten Moment wirkt.

Für einen Vampir ist Farmund ungewöhnlich sozial. Fremden Bluttrinkern begegnet er zwar anfangs mit Vorsicht, weil es bei Jägern der Nacht nicht anders geht, er sieht sie aber auch immer auch als potentielle Freunde. Er sucht die Gesellschaft anderer Vampire, möchte für sie Musik aufspielen, mit ihnen tanzen und singen und feiern, so wie er es immer getan hat. Jüngeren Vampiren gegenüber entwickelt er Beschützerinstinkte. Man muss ihm schon sehr übel mitspielen und ihn tätlich angreifen, um ihn aggressiv zu machen. Dann geht aber alles sehr rasch, brutal und gründlich. Hier besitzt Farmund die Direktheit und die Derbheit des Mittelalters, aus dem er stammt. Wenn er bedroht wird, tötet er ohne Wimpernzucken.

Farmund ist zu Hundert Prozent kodextreu, da aber der Kodex ihn dazu ermächtigt selbst zu wählen, was er unternimmt, reagiert er viel lieber mit Anleitung und Erziehung anstatt mit Bestrafung. Bevor er handelt, hört er zu. Auch ist er zu einer Diskussion bereit, bevor er sein Urteil fällt. Wenn er nicht weiß, was jetzt richtig war, enthält er sich des Urteils. Andere Vampire werden sich von ihm eher ein finsteres Gesicht der Missbilligung einhandeln als fanatische Attacken. Lieber wirkt er durch ein gutes Vorbild auf andere ein. Tatsächlich wird er vielleicht sogar eher auf den Kodex-Fanatiker losgehen anstatt auf den Übeltäter, weil er der Ansicht ist, dass man auf so eine Weise ganz gewiss nicht die Meinung der Untreuen über die alten Gesetze verbessert. Umbringen würde er aber keinen der beiden.

Farmund ist sehr engagiert und fühlt sich für das Schicksal der vampirischen Rasse mitverantwortlich. In dieser Hinsicht wird er tun, was er kann, um Leid abzuwenden und das Geheimnis der Vampire zu wahren.

Dabei arbeitet er in kleinen wie in großen Maßstäben. Einen verwaisten Frischling würde er vollkommen selbstverständlich adoptieren. Farmund war immer ein guter Erschaffer und Lehrmeister. Das einzige, was ihn da aufhalten kann, ist die Befürchtung, alte Feinde, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben, könnten sich auf seine Fersen heften und er könnte für einen Adoptivzögling mehr Gefahr bedeuten als Nutzen. Auch muss er sich in der heutigen Welt die Frage stellen, was er überhaupt lehren kann - den Teufel anbeten? Doch wohl eher nicht. Allerdings hat er als langjähriger Novizenmeister seines Ordens Routine damit, junge Vampire darin auszubilden, ihre Kräfte zu entwickeln. Er besitzt ein scharfes Auge dafür, welche Talente in einem jungen Vampir schlummern mögen. Diese Erfahrung ist zeitlos.

Gegenüber Vampiren, die wirken, als ob sie und gleich stark oder stärker wären als er selbst, ist Farmund sehr vorsichtig und zurückhaltend. Er kennt die Warnzeichen und Gepflogenheiten der heutigen Vampire nicht gut genug und befürchtet, sich den gefährlichen Zorn des anderen zuzuziehen. Außerdem ahnt er, das die alten Satansanbeter, den „Kindern der Nacht“, denen er von Geburt an zugehörig war, in der heutigen Welt keinen guten Ruf genießen. Er als der alte Höllenhund der Kinder der Nacht schon gar nicht. Er hat genug „Ketzer“ auf dem Gewissen. Klar auch, dass er sich genau überlegen wird, ob er sich leisten kann, deren Vergehen gegen den Kodex zu ahnden, was nicht bedeutet, dass er sie gut findet oder billigt.

Von den Jahrzehnten als lebender Mensch auf den Straßen des Mittelalters hat Farmund einen guten Überlebensinstinkt geerbt. Damals war ein Menschenleben nicht viel wert, und die Unvorsichtigen, die Dummen und die Pechvögel starben früh. Im Allgemeinen lässt sich er sich nicht auf einen Kampf ein. Wenn er nichts hat, wofür er kämpfen muss, räumt Farmund eher das Feld. Wenn ihn etwa andere Vampire in einer Bar anpöbeln, wird er das Weite suchen, auch wenn es Jungvampire sind, die ihm weit unterlegen sind. Passiert dasselbe in dunkler Gasse und sie kesseln ihn mit gezogenen Waffen ein, wird er angreifen und sie alle auslöschen.

Weiblichen Vampiren gegenüber zeigt Farmund ausgesuchte, altmodische Höflichkeit und begegnet ihnen mit ehrlicher Wertschätzung. Er erweist sich als Gentleman der alten Schule.
Männlichen Vampiren gegenüber, vor allem wenn er sie besser kennt, wird er wesentlich raubeiniger. Er scheut nicht davor zurück, sie in freundschaftliche Raufereien zu verwickeln und die Kräfte mit ihnen zu messen. Ebenso gerne teilt er unliebsame Spitznamen aus, wo es dann nicht lange dauernd, bis er selber welche erhält, über die er dann nicht immer glücklich ist.

Wirkliche Probleme und Kopfschmerzen bereiten ihm die Vampiressen heutzutage, die sich in Hosen kleiden und wie Männer benehmen (oder vielmehr: sich für seine altmodischen Begriffe wie Männer benehmen). Da weiß er nicht, wie er sie einordnen soll.

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Glaube/Religion/Symbolik:

Farmund ist tief christlich gläubig. Kruzifixe und Kreuze fürchtet er, genauso Weihwasser und Abbilder der Mutter Gottes. Er hängt auch der veralteten Meinung an, dass Vampire eine Kirche nicht betreten können. Schutzzeichen wie Drudenfüße, Amulette und Schutzzauber des Volksglaubens hindern ihn daran, ein Haus zu betreten.

Die christlichen gläubigen Vampire, denen er einst angehörig war, nannten sich „Kinder der Nacht“ oder „Nati Noctis“, ein lateinischer Name, denn Latein war damals die universelle Sprache Europas. Sie bildeten vor Jahrhunderten ein Netzwerk von mönchischen Vampirorden über ganz Europa. Sie glaubten gemäß der christlichen Religion, Vampire wären verdammte Seelen in Diensten des Satans und mit Gottes Duldung beauftragt, wie Menschheit zu plagen und zu prüfen. Sich unter Menschen zu begeben war ihnen verboten, die Welt der Lebenden war nicht mehr die ihre. Sie hausten unter Friedhöfen, in Katakomben und Höhlen und jagten als Gespenster auf den ihnen zugeordneten Friedhöfen oder auf Überlandstraßen und dunklen verlassenen Gassen. Der Kodex, dem sie gehorchten, war zu einem engen, fundamentalistischen und grausamen Gesetzeswerk erweitert, das das Leben ihrer Jünger in ihrer Persönlichkeit sehr einengte und von Minute zu Minute bestimmte. Ungläubige wurden je nach Zeit und Ort abgelehnt und mehr oder weniger stark verfolgt.

Aus der Zeit heraus betrachtet – Mittelalter und frühe Neuzeit – ist dieser Glauben nicht unbedingt irrational oder besonders fanatisch. Nach den heutigen Maßstäben waren mehr oder weniger alle Christen damals fanatisch. Auch die Idee dahinter war nicht schlicht unlogisch. Die Naturwissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen. Es gab keine Erklärungen für Blitze und für Seuchen. Und Vampire hatten lange Eckzähne und gierten nach Menschenblut. Das Licht Gottes zu schauen war ihnen verwehrt, die Sonne tötete sie. Wie konnte ihre Blutgier erklärt werden, ins christliche Weltbild eingebaut werden? Was lag näher, als sie als Verdammte, als Dämonen zu betrachten, deren Vorgesetzter nur der Leibhaftige in der Hölle selbst sein konnte? Es schuf eine Erklärung, einen Sinn in dieser Welt.

Vampirorden, die sich als Diener des Satans glaubten, entwickelten sich aus dem christlichen Glauben heraus im gesamten Europa. Manche Orden waren recht alt und existierten für viele Jahrhunderte, auch wenn die Mitglieder immer wieder wechselten. Von den nichtchristlichen Einzelgängern und Vampirclans wurden sie nicht gern gesehen. Doch sie auszurotten grenzte an den Versuch, die Hundert Köpfe einer Hydra abzuschlagen; einer Hydraschlange, die groß war wie ganz Europa. Die Kinder der Nacht waren keine sehr starken Vampire - dazu waren sie sich mit ihrem Glauben selbst im Weg - aber sie rekrutierten sich aus der einfachen, abergläubischen christlichen Bevölkerung ständig neu. Es waren einfach zu viele.

Nicht überall gingen sie aggressiv gegen Nichtgläubige vor, jagten aber dennoch die Verrückten und die Größenwahnsinnigen, die eine blutige Schneise durch die Menschenwelt zogen oder anders Aufsehen erregten. So waren sie in vieler Hinsicht auch recht nützlich, sofern man sie sich selbst vom Hals halten konnte.

Im 18ten Jahrhundert stellte sich die Frage auch überhaupt nicht mehr, wie man den Teufelsanbetern Herr werden sollte, denn die Aufklärung und die damit einsetzende Mentalitätsveränderung erledigte sie effizienter als alle zornigen alten Vampire auf der Welt. Sie waren ein Produkt ihrer Zeit, so wie die Hexenverfolgungen. Spätestens im 19ten Jahrhundert hörten die letzten Orden dieser Art auf zu existieren. Manche Sekte mit derartigem Gedankengut mag es noch heute geben, doch lässt sich nicht mehr von einer gesamten Bevölkerungsschicht gebissener Vampire sprechen, die ihre christliche Frömmigkeit in die Nacht getragen hat.

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Farmund ist nicht unbedingt ein dogmatischer Teufelsanbeter. Er hat nur in seiner Biographie nie etwas anderes kennengelernt. Schon als er noch ein Mensch war, stand er als Spielmann und Vagant außerhalb der Gesellschaft. Für die Kirche galten die Spielleute bereits als verdammt, da der Klerus Musik und Tanz als Verführung zur Sünde ansah - obwohl Farmund nie etwas anderes als überleben hatte wollen.

Dazu kam das immer wieder im christlichen Denken auftauchende Bild der Vorbestimmung, nämlich dass einige Menschen von Geburt an zur Verdammnis bestimmt wären, wie es später etwa auch vom Reformator Calvin vertreten werden sollte. Farmund hat nie die Verdammnis gewählt und ist nie zum Teufelsdiener geworden, sondern bekam von der Gesellschaft mitgeteilt, dass er es bereits wäre - nun, wenn das Schlimmste bereits eingetreten ist, verliert es an Schrecken. Und es bringt auch eine gewisse Freiheit mit sich. Man gewöhnt sich an alles. Irgendwann war es ihm egal. Als er ein Vampir wurde, setzte sich für ihn sein Leben eigentlich genauso fort, wie es zuvor gewesen war.

Damit an Hand ging ein gewisser Fatalismus, mit dem er den Kindern der Nacht stets treu ergeben war. Wenn er schon dem Leibhaftigen diente, wollte er ein guter Diener sein. Er hat nie Jungfrauen geopfert oder versucht, Tore zur Hölle zu öffnen. Seiner Meinung nach erfüllten die Vampire ihren Dienst bereits sehr gut dadurch, dass sie einfach Vampire waren - so wie er als Mensch bereits durch seinen Überlebenskampf dem Teufel gedient hatte. Der Kodex war für ihn unantastbar, an das Gesetz der Satansanbeter hielt er sich im Allgemeinen, doch einige Regeln und Verordnungen der Kinder der Nacht waren ihm eher zuwider und er umging sie, wo er konnte. Vor allem aber waren die Kinder der Nacht die erste und einzige Heimat, die er je hatte.

Vieles der modernen Welt, dem er begegnet, findet er bizarr. So bizarr, wie die modernen Vampire ihrerseits ihn finden. Auch wenn er kein Dogmatiker ist, war er doch tief gläubig. Es war nicht einmal Glauben, sondern Selbstverständlichkeit, so wie der Mond am Himmel und das Gras auf der Erde. Und Vampire, die Kreuze berühren können, sind genau so eigenartig für ihn wie Gras, das nicht mehr grün, sondern rot ist, oder ein Mond, dem plötzlich die Mondphasen fehlen. Und dann brüllt sein Verstand auf und versucht, Ordnung in die Sache zu bringen, wozu ihm jedoch oft einfach das Wissen fehlt. Er zieht durchaus logische Schlussfolgerungen, aber nicht unbedingt die richtigen. Und von seinem Glauben wird er sich nur Stück für Stück lösen, von dem einen schwerer als von dem anderen. Er wird nicht in Panik und Verzweiflung verfallen, dazu ist er zu sehr ein in sich ruhender Charakter. Er weiß, dass die Welt nicht verrückt ist, sondern er sie nur nicht versteht. Also beginnt er sie systematisch Stück für Stück zu verdauen und nach Prioritäten zu ordnen; und er sucht auch sofort Anschluss an andere Vampire, um Fehler zu vermeiden und von ihnen zu lernen.

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Herkunft

Niemand sonst weiß, wo seine Heimat ist und wo er geboren ist. Wenn überhaupt, ist seine Heimat die Straße, seine Familie die Kiesel, die Blätter und all die anderen Vaganten und Spielleute, die Venuskinder waren wie er. Einiges spricht allerdings dafür, dass er oder seine Vorfahren aus dem hohen Norden stammen.

Er selbst weiß, dass er irgendwann in den ersten Jahren des 14ten Jahrhunderts geboren worden sein muss. Seine Kindheit verbrachte er auf den Straßen Mitteldeutschlands. Irgendwann, noch bevor er zehn war, verlor er seine Eltern. Er weiß nicht, woher seine Eltern stammen und kann sich nur wenig an sie erinnern, so wie er sich überhaupt nur an wenig aus seiner Kindheit und Jugendzeit erinnert. Da er musisches Talent besaß, wurde er zu einem Spielmann. Er war Musikant, Gaukler und Geschichtenerzähler und trat auf Jahrmärkten und in Gasthöfen auf. Farmund war kein zartfühlender Minnesänger aus dem Adel, sondern ein Straßenmusikant aus dem einfachen Volk. Er hat die harten Schule der mittelalterlichen Straße durchlaufen und wurde auf dem Amboss dieses Lebens zurechtgeschlagen.

Beruf/Finanzen
Farmund versucht sich nun wieder als Gaukler. Finanzielle Rücklagen in irgendeiner Form besitzt er nicht. Alle Einnahmen werden von ihm sofort in Ausrüstung investiert.
Seine langes Unleben durch die Gezeiten der Geschichte berücksichtigt, war dieser alte Vampir in erster Linie Spielmann, in zweiter Linie Bote und Gaukler und in dritter Linie Kämpfer. In dieser Reihenfolge auch die Häufigkeit, als was er gearbeitet hat. Man könnte ihn auch einen Vampirkrieger nennen, denn eine solche Ausbildung hat er (zwangsweise) durchlaufen, doch hasst er militärische Begriffe.
Er wurde oft zu den Meistervampiren der Kinder der Nacht gezählt, doch vor allem von Außenstehenden, die sich damit nicht besonders gut auskannten. Wenn er so alt und bekannt ist, muss er doch einfach ein Meistervampir sein, oder? Einen offiziellen Titel als Meistervampir der Kinder der Nacht hat er nie erhalten (und auch nie angestrebt). Er hat seine Existenz lang niemals unter den Kindern der Nacht ein höheres Amt bekleidet.

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Aussehen - Übersicht
  • Augen:
    graublau
  • Haare:
    dunkelblond
  • Frisur:
    Haar bis knapp über die Ohren, etwas zerzaust
  • Größe:
    fast 180
  • Figur:
    schlank und sehnig
  • Gesicht:
    glattrasiert, bleich. Sein Alter ist durch feine Falten und Linien in sein Gesicht eingegraben.
  • Stimme:
    tief und sanft und ruhig
  • Kleidung:
    Buntes Spielmannsgewand, Mischung aus Mittelalter und früher Neuzeit
  • Schmuck:
    Goldener Golden angemalter Ring im linken Ohr
  • Piercings:
    -
  • Tattoos:
    -
  • Narben:
    Schußnarben auf der Brust
  • Besonderheiten:
    Fangzähne stets sichtbar, da zu groß geraten. Lispelt manchmal ein bißchen wegen ihnen.


Aussehen – Beschreibung
Farmund misst knapp 180 cm und wirkt je nach Ernährungszustand wie Anfang 40 oder eher gegen 50; ein Alter, das im Spätmittelalter nur etwa von einem Viertel der Bevölkerung erreicht wurde. Seine Augen sind graublau wie die Nebel des Nordens. Das Haar ist kurz geschnitten bis knapp über die Ohren, dunkelblond und oft etwas zerzaust. Farmund ist glatt rasiert, wie es die Mode seiner Zeit verlangte. Die Umwandlung zum Vampir hat die wettergegerbten Züge seines Gesichts verfeinert und geglättet. Feine Linien durchziehen sein Gesicht, deutlich sind die Lachfalten in seinem Gesicht erkennen, die ihn durchaus sympathisch erscheinen lassen. Unter bestimmten Bedingungen - unter Kerzen- oder Fackellicht - wirkt er sehr menschlich. Ein Effekt, der sich unter Mondlicht oder kaltem Kunstlicht nicht einstellt, wenn seine bleiche Haut fahl zu leuchten scheint, die Miene starr wie aus weißem Stein ist und die stechend blaugrauen Augen sein Gegenüber einfangen und wie unter Bann erstarren lassen. Wenn er wütend wird, scheint die Iris seiner Augen aus lauter blau schillernden Eiskristallen zu bestehen. Das ist die beste aller Warnungen.

Wie alle Vampire wirkt Farmund auf Menschen schön und verführerisch. Er strahlt eine Aura von unbehauener, erwachsener Männlichkeit aus. Wenn er lächelt, wirkt er warmherzig und freundlich - und wenn er dann noch breiter lächelt schlägt das Bild plötzlich um, denn dann sieht man seine Fangzähne, die selbst für einen Vampir recht lang sind.

Farmund ist ein guter Sänger und Schauspieler und seine Stimme ist vielfältig. Im Normalzustand ist die Stimme tief und sanft und ruhig. Sie klettert ein wenig nach oben und wird schneller und verliert an übernatürlichen Timbre, wenn er schlagfertig Antwort gibt oder mit Menschen spricht.

Er ist nicht mager, aber auch nicht auffallend muskulös. Der Körperbau ist schlank und wohl proportioniert. Als Mensch war er gut trainiert, denn er musste oft weite Strecken zu Fuß zurücklegen und das in kurzer Zeit. Würde man ihn ohne Hemd sehen, zeichneten sich matt die weißen Narben von Schusswunden ab, die ihn knapp vor seinem langen Schlaf niederstreckten. Sie werden mit den Jahren verblassen, wenn er in der modernen Welt überlebt und sich gut ernährt. Auf der Brust, am Armrücken und Handrücken ist ebenfalls dunkelblondes Haar zu sehen. Die Hände sind breit und kräftig. Im Gegensatz dazu stehen die langen Fingernägel, die er zum Klettern, zum Tasten und als Plektrum beim Gitarren- und Lautenspiel benutzt.

Der alte Vampir bevorzugt Kleidung zusammengesetzt aus der Mode vergangener Jahrhunderte: Ein buntes Wams und die bunte Hose eines mittelalterlichen Straßenmusikanten, vermischt mit Elementen aus der Kleidung eines Straßenmusikanten des 16ten Jahrhunderts.
Gefertigt ist seine Kleidung aus Loden (Wolltuch). Streifen in Dunkelrot, Grün, Gelb, Blau, Weiß und Schwarz wechselten einander ab, alles sehr farbenfroh, doch sorgfältig aufeinander abgestimmt. Das Wams ist vorne und an den geschlitzten Ärmeln geschnürt wie im 16ten Jahrhundert; die Hose ist farbig wie das Wams, folgt aber mit dem anliegenden Schnitt mehr dem 15ten Jahrhundert oder der Moderne. Beides ist aus zusätzlich mit Zierstreifen mit gestickten Runen und Bannsprüchen versehen. In die Zwischenschichten des Wams sind Stahlplättchen eingearbeitet, um ihn Stichen und Schlägen zu schützen, denn Farmund heilt für einen Vampir nur langsam. Unter seinem Wams befindet sich ein mittelalterliches weißes Leinenhemd, an den Ärmeln weiter geschnitten als moderne Hemden und geschnürt, nicht geknöpft. Sein bevorzugtes Schuhwerk sind moderne robuste schwarze Stiefel, von schlichter Eleganz und zweckmäßig.

Im linken Ohr trägt er einen kleinen goldfarbenen Ring. Damit sieht er ein wenig aus wie ein Pirat. Besonders, wenn er grinst und seine Hauer zeigt.

Im Gürtel steckt eine Flöte, denn ohne Musikinstrument geht der Spielmann nirgendwo hin. Laut alter von ihm geschürter Gerüchte wäre seine knochenbleiche Flöte aus Vampirknochen gefertigt, der mittels dunkler Behandlungsmethoden konserviert worden ist. Möglicherweise ist es tatsächlich Vampirknochen - vielleicht ist es aber auch nur Knochen aus einem Schwanenflügel.

Für unterwegs setzt Farmund einen schwarzen Hut mit weißer Feder auf und hängt sich einen schwarzen Hubertusmantel vom Flohmarkt um, ebenfalls aus Loden, den Lodenstoff ist bei Bewegung lautlos wie der Flügelschlag einer Eule.

Aus Loden auch die große bunte Tasche, die er mit sich herumträgt. Darin befinden sich seine Gauklerausrüstung und Musikinstrumente zum Verkauf. Außerdem befindet sich darin ein „Langes Messer“. Beim "Langen Messer" handelt es sich um ein einseitig geschliffenes Kurzschwert, gefertigt von einem Schmied, der auf Reenactment-Waffen spezialisiert ist. Weitere Messer versteckt Farmund unter dem Wams und im Stiefelschaft, damit sie ihm nicht ausgehen. Farmund stammt aus einer Zeit, wo man durchaus leicht durch das Schwert umkommen konnte, auch wenn man kein Schwert führte.

Der alte Vampir empfindet die moderne Mode in vielerlei Hinsicht als Einschränkung. So betont der Schnitt der Hemden zwar sehr elegant die Schultern, schränkt aber die Bewegungsfreiheit der Arme ein und raschelt bei Bewegung, was er als Risiko ansieht. So kann ein Vampir nicht seine volle Beweglichkeit entfalten und sich nicht lautlos fortbewegen! Der Künstler in ihm möchte sich auch keineswegs mit der eingeschränkten Farbauswahl moderner Männermode zufriedengeben. Langweiliges Grau und Braun sind ihm, dem farbenfrohen Spielmann, ein Gräuel. Mit Krawatte wird man ihn niemals sehen. Und vermutlich ginge er lieber an die Sonne, als einen Anzug anzuziehen. Sein Gewand hat er immer selbst geschneidert, weil es nur dann genau so ausschaut, wie er es haben will.

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Eigenarten

Farmund hat die kleine körperliche Macke, dass seine Zähne sich nicht zurückziehen. Sie sind schlicht zu groß geraten. Das macht es ihm unmöglich, sich so unter die Menschen zu begeben wie andere Vampire es können. Mit seinen recht großen Fangzähnen kann er wunderbar Eindruck schinden und damit angeben, was er auch tut, zum anderen kam man schich auch zschiemlich blamieren, wenn man nischt mehr gescheit schprechen kann und tschu lischpeln anfängt. Bei Latein, alten Deutsch und altem Französisch hat er das ganz gut unter Kontrolle, doch bei modernem Englisch tut er sich schwer. Das zwingt ihn, eher langsam und gesetzt zu sprechen, was sein Gegenüber je nach eigenen Vorurteilen als abgehoben und eingebildet oder aber als begriffsstutzig und dumm einschätzen mag.

Des weiteren hat der alte Vampir den kleinen Tick, zum Lesen einen Brille zu benutzen, obwohl er keine braucht. Da kann man ihn im Extremfall in mittelalterlichem Gewand, aber mit gut sitzender moderner Designerbrille erwischen.
Als er einst in die Reihen der Untoten aufgenommen wurde, war sein Meistervampir der Meinung, Klein-Farmund müsse jetzt die Kunst des Lesens lernen. Farmund war auf der Straße aufgewachsen und glaubte nicht, dass er dazu jemals in der Lage sein würde, schon gar nicht in seinem Alter. Doch wie er auch bald lernte: Ein Meistervampir der Kinder der Nacht hat immer Recht.
Er sorgt dafür, dass er Recht hat.
Als Farmund dann lesen konnte, hob er ab, weil er glaubte, nun mit den Gelehrten in einer Liga zu spielen. Er besorgte sich eine Brille - als Vampir, mit Adleraugen ausgestattet - weil alle Gelehrten schließlich eine Brille tragen. Das ließ sein Meister ihm dann durchgehen. Farmund freute sich so diebisch, dass er diese Gewohnheit niemals mehr losgeworden ist.

Der bluttrinkende, mittelalterliche Spielmann nennt sich selbst einmal gerne einen „alten Knacker“. Für die Menschen des Mittelalters war er tatsächlich schon ein alter Mann. Allerdings hört er es gar nicht gern, wenn jemand anders ihn so nennt.

Was er noch nicht gerne hört ist, wenn man ihn ungebildet nennt. Er ist nämlich sehr stolz darauf, dass er lesen und schreiben kann und ist etwas pikiert, weil das heute nichts Besonderes mehr ist.

Sein hohes menschliches Alter nutzt er bisweilen schamlos aus, um seine Kumpane aufzuziehen. Männliche Vampire, sofern sie unter optischen 30 Jahren sind, laufen immer Gefahr, als „Jungchen“ tituliert zu werden. Große, starke Männer, die Hunderte von harten Jahren in der Nacht überdauert haben, werden dann schon einmal zu einem „Knäbchengesicht“, einem „Rotzbengel“, zum „Milchbübchen“ oder einem „Prinzesschen“ - was sie selten erfreut. Dadurch fängt Farmund sich selbst dann Ehrennamen ein wie „alter Knacker“, „Spielmännchen“, oder gar „vertrocknete Mumie“. Irgendwo, tief drin, weit weggesperrt, beneidet er doch dann und wann die an sterblichen Jahren jüngeren Vampire ein bisschen um ihr schönes, glattes Gesicht. Auch wenn er dem Teufel tun würde, als das zuzugeben.

Eine gute Möglichkeit, um ihn zu ärgern ist, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er jetzt nach seinem Erwachen fast 700 Jahre alt ist. Dann kann es schon passieren, dass er den anderen anbrüllt, gefälligst die Klappe zu halten. Obwohl er fast 700 ist und das ganz genau weiß, besteht er darauf, nur „über 600“ zu sein; vermutlich bis zu seinem 699ten Lebensjahr. Oder er versucht, sein Alter überhaupt zu vergessen. Bei seinem Orden, den Kindern der Nacht, herrschte die Meinung vor, dass Vampire nicht älter als 200 bis 300 Jahre werden, dann würde sie der Wahnsinn holen. Und jetzt ist er aufgewacht und mehr als doppelt so alt. Und hat auch noch 300 Jahre unter der Erde gelegen. Manchmal befällt ihn Schwindel und Panik angesichts dieses hohen Alters, weil er es gar nicht glauben kann. Man sollte ihn in dem Fall besser nicht trösten, denn dann jammert er noch schlimmer. Das beste Gegenmittel ist, ihn tüchtig zu verspotten. Ein Kinnhaken hilft auch.

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Bevorzugte Opfer

Bei der Wahl seiner Beute hat Farmund grundsätzlich keine bestimmte Jagd- oder Auswahlstrategie, es ist egal ob männlich oder weiblich, alt, jung, schön oder hässlich. Farmund trinkt seine Beute aus bis knapp vor dem letzten Herzschlag und tötet effizient mit maximaler Geschwindigkeit, üblicherweise ohne zu verführen. Kinder sind vor ihm sicher, es sei denn, sie wären schwer krank. Zu seiner Zeit gab es keine Antibiotika. Er könnte glauben, das Kind sei ohnehin dem Tod geweiht und er würde sein Leiden abkürzen. Außerdem sieht er Teenager ab 13 nicht mehr als Kinder an. Ab diesem Alter galt man zu seiner Zeit als rechtsmündig und konnte alle Strafen der Erwachsenen erleiden, so dass nach seinem Begriff der Schutz des Kodex für sie nicht mehr greift.

Nur eine Wahl traf er einst unter Erwachsenen: Vom Herzen gläubige und fromme Personen durften nicht genommen werden. Nur die Sünder, die Heuchler, die Ungläubigen waren den Bluttrinkern zur Beute gegeben. Dem Glauben nach, in dem er unterrichtet wurde, war der göttlich bestimmte Daseinszweck der Vampire, als Schrecken in der Nacht die Menschheit zu prüfen und ihren Glauben an Gott zu zu stärken. Menschen, in deren Gemeinschaft immer wieder einige ohne klare Ursache tot aufgefunden werden, beten mehr.

Als Farmund erwacht und die Welt mit all ihren Lichtern und Geräuschen so voller Magie und Hexenwerk zu sein scheint, weiß er nicht, welche Menschen überhaupt genießbar sind – sind die mit den grünen (grün gefärbten) Haaren etwa giftig? All das helle Licht, diese Mischungen aus Metall und menschlichem Fleisch (Autos), die Geräusche aus diesen magischen Kisten (Radios, Fernsehen...). Da müssen doch viele Menschen Hexer und Hexen sein, die sicherlich mit Bannsprüchen vor Vampiren geschützt sind.

Da er in der Gegenwart nicht weiß, welche Menschen er sicher nehmen kann und welche nicht und mit welcher Vorsicht er sein Opfer verbergen muss, besteht seine Beute in der modernen Zeit aus Obdachlosen und Pennern, Drogenabhängigen auf der Straße, Menschen im Altersheim, die das Bett nicht mehr verlassen können, sowie aus Krebskranken im letzten Stadium im Krankenhaus. Da das dünne Blut dieser Opfer nicht besonders nahrhaft ist und nicht mehr besonders viel Lebenskraft enthält, muss er mehr davon trinken. Penner und Drogenabhängige zieht er hinab in die Kanalisation, um sie dort geschützt auszusaugen, da der eintretende Rauschzustand ihn angreifbar macht. Allerdings verträgt der vampirische Spielmann wohl mehr Alkohol und Opium im Blut als viele verwöhnte moderne Vampire, da er solche Beute nie verschmäht hat. Er hat auch immer schon Menschen gebissen, die durch Typhus, Pest oder und Botulismus im Sterben lagen. Hier hat Farmund eine recht hohe Toleranz entwickelt, so wie die Pferde, denen man früher Botulismustoxin spritze, um Antikörper aus ihrem Blut zu ernten. Gegen Silber kann Farmund natürlich genau sowenig immun werden wie Menschen gegen Blei und Cadmium. Er würde auch nicht unbedingt jemanden austrinken, der von einer exotischen Giftschlange gebissen wurde.

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Spezialisierte Begabungen & weitere Stärken
  • 1. Aura unterdrücken
  • 2. Ausgereifte Form des Gedankenlesens
  • 3. Trugbilder und Halluzinationen
Aura unterdrücken
Während er dazu direkt nach seinem Erwachen nicht fähig war, hat sich Farmund ein halbes Jahr später so weit erholt, dass er seine Aura wieder vollständig unterdrücken kann.

Trugbilder und Halluzinationen
Gefürchtet und berüchtigt war er einst dafür, Farmund der „Höllenhund“: Er machte die Schatten tiefer und verdunkelte das Licht, er beschwor Gespenster und Poltergeister, ließ von ihm erdachte Dämonen verlassene Treppen hinabspringen, an Fenstergläsern schaben und diese Geschöpfe dabei kreischen und trompeten. Auf offenem Feld quoll vor den Augen gegnerischer Orden Gewürm aus der Erde: Schlangen, Salamander, Käfer, Tausendfüßler, Würmer, aus den Schatten glitten Schemen, Gespenster, Raben, Geisterhunde, skelettierte Pferde und Horden von Ratten. Dies war seine Stärke, seine besondere Gabe vor seinem unfreiwilligen, langen Schlaf: bei Vampiren und Menschen schreckerregende Trugbilder und Halluzinationen zu erzeugen, die sowohl dem Angriff als auch seiner Verteidigung dienten.

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Er hat diese Kraft sein langes Leben hindurch bis ins Detail ausgelotet, trainiert und verfeinert und wird das nach seinem Erwachen auch wieder tun. Diese Fähigkeit ist auch noch vor allen anderen bei ihm wieder zurückgekehrt. Er konnte noch nicht richtig laufen und wußte seinen eigenen Namen nicht, aber Trugbilder konnte er schon kurz nach seiner Auferstehung wieder hervorrufen, auch wenn die Entfernung auf wenige Meter beschränkt war und nicht ganz seiner Kontrolle unterlagen.

Die Visionen Farmunds wurden historisch oft als schwarze Magie angesehen. Dadurch konnte er einst auch bei hoher zahlenmäßiger Überlegenheit Erfolge erzielen, da er die Gegner in Panik zu versetzen vermochte. Allein der Gedanke an schwarze Magie ließ den Feind schon in Angst und Schrecken zittern, wenn er noch gar nichts getan hatte. Gegen feindliche Orden zog er oft offen in die Schlacht, begleitet von seiner schattenhaften Armee aus Geistern und Kreaturen. Nur ein Bruchteil ihrer Kampfkraft stand den gegnerischen Bluttrinkern zur Verfügung, wenn Farmund ihre Reihen zersprengte und sich einen nach dem anderen vornahm. Hier war er, psychologische Kriegsführung nutzend, eine Kampfmaschine der Kinder der Nacht.

Heidnische Vampire, die nicht an verdammte Seelen und beschworene Dämonen aus der Hölle glaubten, versuchte der Höllenhund hingegen mit List und Tücke beizukommen. Er beobachtete sie und lauerte darauf, dass der Gegner unaufmerksam wurde, Gefühle und empfindliche Erinnerungen offenbarte, Schmerz zeigte oder seine Zuneigung für bestimmte Vampire oder Menschen an die Nacht legte. Dann setzte der Höllenhund an, sie aus der Reserve zu locken und zur Unvorsicht zu verleiten, um sich in den anderen Geist zu bohren: Er ließ die schlimmsten Befürchtungen wahr werden, die schrecklichsten und schaurigsten Erinnerungen auferstehen und erschuf für jeden Feind den ganz persönlichen Albtraum. Er plagte den Gegner mit Halluzinationen seiner größten Ängste und Fehler, so dass er den Geist nicht wieder verschließen konnte. Und dann, wenn der gegnerische Vampir in seiner persönlichen Welt des Schreckens gefangen war, schlich er heran, steckte ihn mit einer Fackel in Brand oder schlug ihm den Kopf ab. Oder, wenn er sich überlegen genug fühlte, jagte er ihm die Zähne in die Kehle und soff ihn aus. Der Höllenhund kam nicht ritterlich offen und forderte zum Duell, er attackierte aus dem Hinterhalt wie ein Ninja, der den Samurai im Schlaf meuchelt.

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Die Trugbilder unterliegen bestimmten Beschränkungen:
  • Die Opfer
    Vampire sowie auch einige Menschen können ihren Geist verschließen und sind dann gegen diese Illusionen unempfindlich. Grundsätzlich geht das Hand in Hand mit dem Schutz der eigenen Gedanken vor fremdem Zugriff. Um vor den Illusionen ebenfalls sicher zu sein, ist lediglich ein höherer Energieaufwand notwendig. Das ist besonders für Menschen sehr anstrengend, diese halten daher nur ein paar Minuten durch. Ein älterer Vampir hingegen schafft das unbegrenzt, vorausgesetzt er denkt daran, dass dies ganz vernünftig wäre. - Der Hauptgrund, warum Farmund etliche feindliche Vampire erwischt hat, die sogar stärker waren als er, war weil sie ihn unterschätzt hatten und meinten, sie wären anderen Vampiren soweit überlegen, dass sie nicht mehr aufpassen und sich nicht anstrengen müssten.

    Junge Vampire beherrschen ihre eigenen Kräfte oft noch nicht genug, um sich auch vor Farmunds Illusionen zu schützen, oder wissen überhaupt nicht, dass es die Halluzinationskraft gibt. Allerdings kann auch ein gut ausgebildeter Jungvampir diese Kunst beherrschen, sofern er von einem Meister darin unterrichtet wird. Im Gegensatz zu einem älteren, stärkeren Vampir muss er aber merklich mehr trinken, um diese Abschirmung aufrecht zu erhalten.

    Ghoule sind durch die Verbindung zu ihren Meistern geschützt. Einen Ghoul zu schützen bedeutet zusätzlichen Kraftaufwand für den Meister. Ghoule sind genauso betroffen wie ihre Meister, wenn diese sich ablenken und überrumpeln lassen und dadurch den Geist nicht mehr ausreichend abschirmen.
  • Zeitrahmen
    Die größte Einschränkung ist die Zeit. Der Höllenhund braucht ein, zwei Minuten Konzentration, um eine seiner Illusionen zu weben. Wird er selber überrascht, bleibt ihm nichts anders übrig, als mit seinen physischen Kräften zu kämpfen. Ist die Illusion erst einmal erschaffen, kann er allerdings zugleich kämpfen und sie zumindest teilweise weiter aufrecht erhalten. So wie Menschen zugleich Auto fahren und telefonieren können.

    Die Illusionen zehren an seinen Kräften. Im Allgemeinen dauern sie nicht länger als zehn Minuten. Wie sehr sie an Kraft verbrauchen, ist von deren Reichweite und Komplexität abhängig. Gilt es nur einen einzelnen menschlichen Geist zu verwirren, hält er durchaus auch die gesamte Nacht durch; vorausgesetzt er hat gut getrunken. Hatte er einen ganzen Orden gegen sich und spielte dabei seine volle Macht bis zur Grenze aus, musste der Sieg nach spätestens einer Stunde erreicht sein. Das war die praktische Grenze. Die theoretische Grenze kennt er nicht, weil er stets aufhörte und die Flucht ergriff, bevor er durch Erschöpfung kampfunfähig wurde.
  • Entfernung
    Die zweite Einschränkung ist die Entfernung. Die gegenwärtige maximale Reichweite seiner Illusionen beträgt etwa 100 bis 150 Meter, wobei sie jenseits der 100 m aber schon sehr schattenhaft sind. Die Stärke nimmt mit dem Quadrat zur Entfernung ab, so wie ein elektromagnetisches Feld. Innerhalb von 10 Metern um den Höllenhund herum sind die Illusionen sehr massiv und realistisch und können die Wirklichkeit völlig ausblenden. Zum Beispiel kann er einem Vampir, der ihn am Hemd hochgestemmt festhält, weismachen, er wäre von Feuer umgeben und stünde selbst im Flammen, damit dieser ihn entsetzt loslässt und Farmund Gelegenheit zum Gegenschlag erhält. Einem Vampir mit einer Beretta in 50 m Entfernung kann er hingegen nicht mehr weißmachen, er stünde ganz woanders, damit er daneben schießt. Auf größere Entfernung kann Farmund die Wirklichkeit nur mit Illusionen anreichern, sie aber nicht ausblenden. Die schattenhaften Kreaturen sind durchsichtig und nebelhaft und können die Gestalt ihres Urhebers vor den Augen des Angreifers nicht verbergen.
    Auch folgen die Trugbilder nicht allen optischen Gesetzen der Lichtreflexion und haben nur in unmittelbarer Nähe zu ihm Oberflächendetails wie Kleiderfalten oder einzeln erkennbare Haare. Farmund kann nicht einen ganze Straßenabschnitt in einen Wald mit Blättern und Gras verwandeln. So weit reicht seine Macht nicht. Vielleicht würde sie das, wenn er die vergangenen 300 Jahre wach gewesen wäre, aber das war er nicht.

    Farmunds Illusionen sind grundsätzlich geographisch begrenzt. Sie treffen den Geist nicht über einen unsichtbaren Äther, sondern der oder die Gegner müssen sich in einer Reichweite befinden. Zwar gibt es einen gewissen Widerstand durch die Aura der anderen Vampire, wenn mehr Geister getroffen werden müssen, doch mehr erschöpft den Höllenhund, einen Illusion von so großem Durchmesser aufzubauen, dass alle Gegner darin eingeschlossen sind. Die Anzahl der zu verwirrenden Köpfe selbst ist dabei zweitrangig. Die Ausnahme ist der Ghoul eines Meisters, der sich gerade im Kampf mit dem Höllenhund befindet. Der kann sich selbst in größerer Distanz befinden und trotzdem zumindest zum Teil mitbekommen, was sein Meister sieht oder erleidet. Die Anzahl der Vampire, die er zugleich treffen kann, ist davon abhängig, wie viele sich in seiner Reichweite aufhalten und hat selten 20 überstiegen. Bei Menschen ist die Anzahl der Geister, die er zugleich verwirren kann, natürlich größer, weil sie empfindlicher darauf reagieren.
    Farmunds Gabe ist gerichteter und kontrollierter als die Effekte von strahlenden Radioweckern, die Alpträume und Illusionen im Halbschlaf hervorrufen, und als die Störstrahlung von Computern und Mobilfunkmasten. Genauso wie bei technisch erzeugter Störstrahlung, die Gehirnwellen durcheinanderbringt, könnte jedoch speziell gefertigtes Eisen- oder Kupfergitter möglicherweise dafür sorgen, dass Person dahinter vor den Illusionen Farmunds abgeschirmt ist. Man könnte Farmund dann in einem engmaschigen Eisenkäfig gefangenhalten und bräuchte seine Illusionen nicht fürchten.
  • Selektivität
    Eine dritte Einschränkung ist, dass seine Illusionen nicht selektiv sind und gegen jeden in der Nähe wirken, der seinen Geist nicht verschlossen hält, sei es Mensch oder Vampir. Er kann die Hauptwucht steuern, aber nicht spezifisch jemanden ausschließen. Sind zu viele Menschen in der Nähe, kann er sie daher nicht benutzen. Genau so wenig, wenn Vampire in der Nähe sind, die nicht betroffen sein sollen. Das schränkte stets seine Einsetzbarkeit mit anderen Kämpfern der Kinder der Nacht ein. Selbst wenn diese wussten, dass die Visionen harmlos waren und nicht ihnen galten, waren sie ihnen nicht angenehm, bedienten sie doch alte Archetypen des Schreckens. Der Glauben saß zu tief und die Fähigkeit, den Geist abzuschirmen, oft nicht fest genug. In der heutigen säkularen Zeit mag das anders sein und mancher mag nach dem ersten Schrecken eher fasziniert sein als entsetzt.
  • Vergessen lassen
    Die Gabe des Vergessens an sich macht im Glaubenssystem der Kinder der Nacht keinen Sinn, da Vampire ihre Beute auf jeden Fall töten sollen und nicht von aufrechten Menschen Blut nehmen und sündige überleben lassen. Trotzdem kann Farmund in gewissen, eingeschränkten Maß die Erinnerung von Menschen löschen, in dem er sich eines Tricks bedient und einen Umweg geht. Es funktioniert allerdings nicht bei jedem Menschen: Er erschreckt ihn schlicht und einfach mit einer Illusion so sehr, dass der Sterbliche vergisst, was knapp vorher passiert ist.

    Ein ordentlicher Schreck verhindert, dass im menschlichen Gehirn die Erinnerungen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überschrieben werden. Das ist ein wohlbekanntes Problem etwa bei Verkehrsunfällen, weil die Menschen sich oft nicht mehr erinnern können, was unmittelbar vor dem Unfall passiert war. Etwa die letzten 20 Minuten vor dem Schock bleiben verloren, so lange brauchen Erinnerungen, um ins dauerhafte Gedächtnis zu gelangen. Farmund kann aufgrund seiner Erfahrung anhand Herzschlagfrequenz, Schweißabsonderung und dem angstbeladenen Chaos hinter dem Stirn des Menschen einschätzen, ob der Schreck stark genug war, um die Erinnerung zu löschen. Voraussetzung ist, dass seine Illusionen den Menschen überhaupt Angst einjagen. Manche Menschen, sei es von Natur aus oder speziell ausgebildete Vampirjäger, erreicht er damit nicht und sie sind folglich auch gegen die Manipulation des Gedächtnisses unempfindlich. Bei Vampiren funktioniert dieser Trick nicht, außer vielleicht bei ganz großen Sensibelchen.

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Andere Stärken und Fähigkeiten
Farmund ist sehr rasch auf den Beinen. Geschwindigkeit und Ausdauer waren die Fähigkeiten, die in seiner Laufbahn als Vampirbote am meisten gefordert waren. Für seine Geschwindigkeit sind vor allem seine Wendigkeit und Geschicklichkeit verantwortlich. Er muss weniger oft abbremsen als Vampire, die einer anderen Berufung folgten, und nutzt das Gelände stets gut aus. Ohne seine große Ausdauer wäre er auch schon lange Asche, denn die Schlachten unter den Kindern der Nacht konnten die ganze Nacht dauern. Hartes Training und stetige Übung haben ihn dorthin gebracht, wo er heute ist.

Als Vampirmusikant und Bote ist er immer viel gereist. Er hat viele Orte Europas gesehen und viele Gebräuche und Meinungen kennengelernt. Dadurch war ihm immer klar, dass es mehr als eine Sicht der Dinge gibt, was ihm auch zu seiner persönlichen Einstellung zur Einhaltung (oder Nichteineinhaltung) der Gebote der Kinder der Nacht verhalf. Seinegeographischen Kenntnisse sind in der heutigen Welt natürlich veraltet, doch wird diese relative Weltoffenheit ihm weiter zustatten kommen.

Er spricht Deutsch, allerdings eines, das ein paar Jahrhunderte alt ist, ebenso beherrscht er Englisch, in recht altmodischer Weise, und ein ebenso altbackenes Französisch. Es reicht, um sich zu verständigen, allerdings benutzt er Redewendungen und Wörter, die aus der Mode gekommen sind. Umgekehrt muss er zahlreiche neue Wörter und Redewendungen erst lernen. Er spricht Latein, denn das war die allgemeine Sprache der Kinder der Nacht in Europa. Seine Muttersprache dürfte nordisch sein, aber niemand weiß Genaueres. Er kann in all diesen Sprachen lesen und schreiben, genauso wie er zu Rechnen beherrscht. Rechnen sowie Lesen und Schreiben auf Latein hatten ihm die Kinder der Nacht beigebracht, als er ein junger Vampir war. Er hat sein Wissen dann später selbstständig auf weitere Sprachen erweitert.

Farmund sieht sich selbst als Künstler und sein Gebiet ist die Musik. Dabei ist sein Lieblingsinstrument eine schlichte Flöte. Das liegt nicht an einer Neigung zu musikalischem Minimalismus, sondern daran, weil er er sie überall und zu jeder Gelegenheit dabei haben kann, ohne von ihr behindert zu werden. Er beherrscht aber auch Schalmei, Laute, Gitarre, Fiedel, Trommel, Pauke, Sackpfeife und Cister. Er kann Noten lesen und schreiben, das hat er sich selbst aus Büchern beigebracht. Seine Musikinstrumente hat Farmund immer selbst gebaut. Schließlich konnten die blutsaufenden Teufelsanbeter nicht einfach in ein Geschäft gehen, um sich ihre Ausrüstung zu kaufen. In der modernen Zeit entwickelt er rasch Interesse an den verschiedenen modernen Musikrichtungen und an den neuen Musikinstrumenten, auch die Möglichkeiten, die die Elektrotechnik dabei bietet.

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Schwächen

Körperlich:

Aura:
Farmund kann andere Vampire nicht mehr wahrnehmen, wenn er seine Aura vollständig unterdrückt hält, es sei denn mit den Augen. Dazu reichen seine Kraft und sein Trainingszustand nicht aus. Möglicherweise hat er durch seinen langen Schlaf auch einen Dauerschaden erlitten. Macht er sich unsichtbar, sind für ihn die Auren anderer Vampire ebenso verborgen wie für sie die seine. Genauso wenig kann er in diesem Zustand Gedanken lesen, egal wie offen sie sind. Sobald er hier etwas wahrnehmen möchte, muss er seine Tarnung zumindest teilweise aufheben (seine Aura ist dann 10mal schwächer, aber sie ist da).

Elektromagnetische Strahlung:
Des weiteren mag er keine starken magnetischen Felder und keine hochfrequente Strahlung. Dann schlägt sein hochempfindlicher Apparat der Halluzinationsgabe auf ihn selbst zurück und er bekommt Kopfweh und Albträume. Zum Glück hat er nicht die Jahrzehnte erlebt, wo alle elektrischen Geräte die reinsten Strahlenbomben waren, er hätte andauernd einen Brummschädel gehabt.

Langsame Heilung:
Farmund hat die Achillesferse, dass er für sein Alter – und überhaupt einen Vampir – sehr langsam heilt. Viele Neugeborene heilen schneller als er. Das war auch schon vor seinem langen Schlaf so. Während blaue Flecken und leichte Wunden innerhalb von Stunden verschwinden, braucht eine tiefe Fleischwunde schon mehrere Nächte, bis der Muskel geheilt und wieder vollständig einsatzbereit ist. Und ein gebrochener Arm oder gebrochenes Bein wäre für ihn eine Katastrophe, weil die Knochen sich von allein nicht wieder zusammenfügen oder zumindest Nächte dafür bräuchten, und ein oder zwei Wochen vergingen, bis der Schmerz in ihnen tatsächlich verschwunden wäre.

Nach seinem langen Schlaf ist Farmunds Selbstheilung auch nach viel frischen Blut auf einem Niveau, wie sie es im 14ten Jahrhundert zuletzt war. Während seiner Existenz als Vampir wuchsen seine physische Kraft und seine Schnelligkeit und seine Trugbilder wurden immer weitreichender und komplexer, aber seine Regenerationsfähigkeit hat sich mit zunehmendem Alter nie großartig verstärkt. Hier wäre ihm lieber gewesen, seine Kräfte hätten sich etwas anders aufgeteilt. Aufgrund dieser starken Schwäche bei der Regenerationsfähigkeit meidet Farmund Kämpfe und Duelle, wo es geht. Im Fall des Falles ergreift er lieber die Flucht. Dadurch wirkte er einst und wirkt er noch heute manchmal für andere Vampire etwas übervorsichtig, vor denen er diese Schwäche natürlich geheim hält.

Höhenangst:
Außerdem hat er Höhenangst. Ab etwa ab dem zehnten Stockwerk. Hochhäuser in dieser neuen Welt sind sehr glatt und sehr steil. So gut er sonst auch klettern kann, wie er feststellen muss, hängt er vollkommen gelähmt vor Angst am Fleck. Hoffentlich kommt ihn ingame jemand retten, bevor die Sonne aufgeht.

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Psychisch:

Weit oben auf der Liste seiner Schwächen steht Farmunds Reaktion auf Kreuze, Kruzifixe und Weihwasser. Ein Kruzifix hat eine durchschlagende Wirkung auf ihn, blendet ihn, verjagt ihn, schlägt eine regelrechte, deutlich wahrnehmbare Wunde in seine Aura und verursacht alles, was ausgeprägter Placeboeffekt eben anrichten kann. Farmund fürchtet Kreuze aber nicht minder, auch wenn es in beiden Fällen auch darauf ankommt, wer das heilige Zeichen trägt. Hier ist der Glaube durchaus komplex, da Kreuze und Kruzifixe unter bestimmten Umständen auch entweiht werden können (durch einen stark sündigen Träger, wenn z.B. der Vampirjäger gerade aus dem Bordell kommt). Genauso hat er große Angst vor Weihwasser, als wäre es Säure, das sich bis auf seine Knochen frisst. Möglicherweise bekäme er durch den Placeboeffekt tatsächlich gerötete Haut und Brandmale. Kann er diese Angst überwinden? - Sicher nur schwer, so wie alte Menschen, die den Krieg miterlebt haben, nach Jahrzehnten immer noch zusammenzucken, wenn sie eine Sirene hören, das sie sie an den Fliegeralarm erinnert. Die Furcht hat Farmund durch die Jahrhunderte begleitet und nicht wenige Male hatte man sogar schon versucht, ihn so abzuwehren, als er noch ein Mensch war. Was ist, wenn es nun doch stimmte?

Er befürchtet auch schlimmste Folgen, sollte er eine Kirche betreten. Vielleicht nicht unbedingt plötzliche Vernichtung durch Blitzschlag, aber doch Wahnsinn (der ebenfalls durch Placeboeffekt entstehen kann), oder statt ihm würde seinen nächsten Zögling für seinen Frevel die Strafe ereilen (selbsterfüllende Prophezeiung). Drudenfüße (Pentagramme) auf den Schwellen müssen verwischt werden, damit er in ein Haus kann. Umgekehrt könnte ihn jemand in einem Zimmer einsperren, in dem er an alle Türschwellen und Fensterbänke Drudenfüße und/oder Bannsprüche malt.

Eine Schwäche ist auch Farmunds generelle Unwissenheit über diese Welt, in der er erwacht ist. Leicht könnte ihm jemand den größten Unsinn erzählen, ohne dass er Möglichkeit hätte nachzukontrollieren, ob es auch stimmt. Hier stehen ihm höchstens seine allgemeinen Kenntnisse der Körpersprache zur Verfügung, um zu urteilen, ob jemand lügt. Ihm ist das Konzept sich fort entwickelnder Waffentechnik bekannt, da diese im Laufe seines Lebens immer weiter verbessert wurden, was für Fernseher, Autos, grün gefärbte Haare und Telefone allerdings nicht gilt. Auch das elektrische Licht ist für ihn zunächst etwas Unfassbares, weil er keine Vorstufen davon kennt. Der Begriff des Fortschritts als solcher ist ihm unbekannt, in seiner Welt existierte diese Idee noch gar nicht. Daher hält er alle diese Errungenschaften des technischen Fortschritts zunächst einmal für Magie. All das lenkt seine Sinne ab, verwirrt ihn und macht ihn angreifbar. Trotz seiner Vorsicht können ihm Schusswaffen noch schwer zum Verhängnis werden, denn die Geschosse der Schusswaffen von heute verlassen den Lauf mit der zweifachen und bis zu zehnfachen Geschwindigkeit von einst. Vor Jahrhunderten war Farmund so schnell, dass er den Kugeln oft noch ausweichen konnte. Das ist heute undenkbar.

Farmund erinnert sich im Großen und Ganzen an seine gesamte Existenz bei den Kindern der Nacht. Auch daran, wie er lebendig begraben und versiegelt wurde. Seine Erinnerung ist hier wacher als ihm lieb ist und sehr schmerzhaft. Die Gefühle um das wahrscheinliche Ende seines Ordens sind derzeit noch weitgehend in seinem Unterbewusstsein blockiert, zu seinem eigenen Selbstschutz. Er schiebt dieses Wissen von sich, weil es sein Überleben gefährden würde. Irgendwann werden diese Wunden durchbrechen - wenn so richtig einschlägt, dass er nicht nur auf Reisen in fremden Ländern ist, sondern dass er niemals heimkehren und seine Liebsten nicht mehr wiedersehen wird.

Generell ist eine Schwäche von ihm, dass er nicht gewohnt ist selbstständig zu denken, so wie moderne Vampire und Menschen es tun - Unter den Teufelsdienern konnte es ungesund sein, eine eigene Meinung zu haben. Natürlich versucht er es jetzt, aber es fällt ihm schwer. Er bringt eine Mentalität aus einer anderen Zeit mit. Farmund wurde im Mittelalter in eine statische, festgefügte Welt hineingeboren, in der jedem von Geburt an ein fester Platz zugewiesen war. Das Individuum selbst und seine eigene Entfaltung zählten nichts. So etwas zu wünschen war ein Aufbegehren nicht einfach gegen einen Vorgesetzten, sondern gegen die gesamte natürliche Ordnung der Welt.

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Er hatte nicht frei über seinen Leib und seine Seele zu verfügen. Als Leibeigener des Teufels war er geboren und würde das auch immer sein. Nicht gehorchen zu wollen war Sünde. Es ist nicht so, dass Farmund nicht eine eigene Meinung formulieren könnte. Das Problem sitzt viel tiefer. Er muss das schlechte Gefühl dabei loswerden, das schlechte Gewissen. Die Tendenz, der eigenen Meinung und dem eigenen Wollen wenig Wert zuzumessen und die damit verbundene Unsicherheit und den Impuls, die eigene Meinung verstecken zu müssen. Und da diffuse Gefühle schwer fassbar sind, sind sie auch schwer angreifbar. Sie neigen dazu, sich dem Verstand zu entziehen und genau dann zurückzukehren, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.

Farmund neigt immer noch dazu, sich selbst als „nur einen Spielmann“ zu sehen und bei verantwortungsvollen Aufgaben, sofern es nicht gerade um Musik geht, überkritisch mit sich selbst umzugehen. Oft kommt es vor, dass er Führerpersönlichkeiten mehr Fähigkeiten und mehr Kompetenz zuweist, als sie tatsächlich besitzen. Er neigt dazu, sich jemandem, der arrogant genug und mit ausreichend selbstverständlichem Autoritätsanspruch auftritt, kampflos unterzuordnen, so als ob dieser ein Adeliger wäre - wenn auch mit insgeheimer Abscheu und passiver Aggressivität. Vielleicht ist es doch so, dass gebissene Vampire auf irgendeine Art und Weise immer in dem Zustand festgefroren bleiben, mit dem sie in die Nacht übergetreten sind. Sie tragen den Geist und das Herz des Zeitalters in sich, dem sie angehörig waren. Wie ein Zeitreisender treten sie aus dem Fluss des Lebens zur Seite, um zu Beobachtern von dessen verschlungenen Mäandern zu werden...

Würde das Syndikat Farmund schnappen und jemand aus deren Führungsriege auf ihn mit anmaßendem, selbstbewussten Auftreten einreden, wie richtig und wichtig es wäre, dass die Vampire über die Menschen herrschten, er würde alsbald klein beigeben. Er würde denken, dass ihm nicht zustünde, zu beurteilen, was gut für die Vampire oder die Menschen sei. Dass er das gar nicht könne, weil er nur ein einfacher Spielmann sei, ein Mann von der Straße. Und doch würde unbewusst und halbbewußt seine persönliche Meinung da und dort hochkommen. Er würde sich bei so manchem Befehl dumm stellen und in passiver Aggressivität Aufträge vermasseln, wie er es auch früher getan hat, als er in Diensten fanatischer, grausamer Satansanbeter stand.

Alte Gewohnheiten und Erwartungen aus seiner menschlichen Zeit holen Farmund immer dann ein, wenn er unter Stress steht. Auch nach 700 Jahren verrennt er sich noch in alten menschlichen Fehlern, ja direkt mittelalterlichen Standesdünkeln, direkt aus dem 14ten Jahrhundert importiert. Hier ist er auf andere Vampire angewiesen, die ihn darauf aufmerksam machen, denn von alleine findet er aus diesen Denkfehlern nicht heraus. Bisweilen braucht er dann schlicht einen Tritt.

Leider kann Farmund aber manchmal stur und uneinsichtig sein, wenn er mit gleichrangigen Vampiren zu tun hat (beziehungsweise mit Vampiren, wo er glaubt, dass sie mit ihm gleichrangig wären). Manchmal bleibt er schlicht bei den falschen Dingen hartnäckig. Von Wirtschaft und von Geld etwa hat er keine Ahnung und hier gereicht ihm sein hohes sterbliches Alter, das ihn so stur macht, durchaus zum Nachteil, weil er sich störrisch auch einfach damit nicht auskennen will. Das Geld seiner Opfer steckt er wahrscheinlich in den Opferstock, sofern er sich je in eine Kirche hineintraut. Was ihn natürlich in der modernen Welt in Geldnöte bringt.

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Waffen

Die größten Waffen Farmunds waren stets die Angst, der Zorn und der Hochmut seiner Gegner. Er ist ein verschlagener Trickser, der aus dem Hinterhalt attackiert und die Kräfte und die Vorstellungskraft seines Gegners für sich nutzt. Die beste Waffe gegen den Höllenhund umgekehrt war und ist geistige Selbstdisziplin. Wer seinen Geist verschließt und nicht fahrlässig agiert, ist vor seinen Illusionen sicher. Farmund wird ungern offen angreifen, wenn er nichts über die Stärke des Gegners weiß.

Und Farmund ist dieser Nächte nach vorsichtiger und noch weniger angriffslustig als früher. Sein Wissen um moderne Schußwaffen ist so gut wie nicht existent, und das weiß er auch.

Farmund ist ein alter Straßenkämpfer. Ohne Messer und fühlt er sich nackt und hilflos. Es ist ihm gelungen, am WJAC-Festival Freundschaft mit einem menschlichen Schmied zu schließen, der auf historische Waffen spezialisiert ist. Dadurch konnte er sich nur nicht nur mit einem angepassten Kampfmesser ausrüsten, sondern auch mit seiner alten Lieblingswaffe, dem „Langen Messer“: Einer Blankwaffe, die von der Ferne aussieht wie ein Schwert, aber nur einseitig geschliffen ist wie ein Säbel.

Farmunds trägt sein Kampfmesser unterm Wams und zieht es wie eine Schußwaffe. Sein modernes „Langes Messer“ ist 80 cm lang und er trägt es in einer großen Tasche, zusammen mit seiner Feuerspuckerausrüstung und/oder den Flöten, die er verkauft. Das gefällt ihm absolut nicht, aber heutzutage kann man nicht mehr offen mit einer Blankwaffe am Gürtel herumlaufen. Verteilt unter seiner Kleidung und im Stiefelschaft trägt er noch eine paranoide Vielfalt weiterer Messer mit sich, damit sie ihm nicht ausgehen.

Seine Natur als praxisorientierter Straßenkämpfer führt auch dazu, dass Zier- und Schauwaffen, die nicht funktionstüchtig sind, für ihn vollkommen uninteressant sind.

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Das „Lange Messer“ war bereits zu Farmunds Lebzeiten seine Waffe der Wahl. Es war die Waffe von Bürgern, Landsknechten und Bauern des ausgehenden Mittelalters und der frühen Renaissance, denn nur Adelige durften Schwerter tragen. Doch auch mit dem Langen Messer lässt sich gut fechten und Farmund kann auch gut mit ihm umgehen. In alter Zeit besaß er davon mindestens drei Stück: Ein Langes Messer von 80 cm Länge, ein Großes Messer von 120 cm Länge, beide bester norischer Kohlenstoffstahl, und eine Prunk- und Zeremonialwaffe aus Torsionsdamast von 95 cm Länge mit angesetzter gehärteter Schneide. Auch letztere war voll funktionstüchtig, rostete aber leichter.

Farmund blieb auch in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts dem „Langen Messer“ treu, als sich bei den Menschen zunehmend Rapier und Degen durchsetzten. Rapiere verlangten eine größere Kampfdistanz, als er bevorzugte, und der Degen war vor allem eine Stoßwaffe, mit denen man Bluttrinkern nicht viel anhaben konnte – die Stiche richteten nicht viel Schaden an. Das „Lange Messer“ hingegen war eine Hieb- und Stoßwaffe und war vor allem für kräftige Hiebe geeignet. Hiebwaffen, die dem Gegner tiefe, stark blutende Wunden zufügten, ihn in Stücke schlugen oder gleich köpften, waren gegen Vampire wesentlich wirksamer. Eine Tatsache, die sich für die jungen Vampire des Barock, die als Lebende den Degen gewohnt waren und ihn weiter verwendeten, sehr unangenehm bemerkbar machte und sie gegenüber älteren Vampiren wie Farmund in Nachteil brachte.

Zu Farmunds Ausrüstung zählten einst auch geschwärzte Panzerhandschuhe, die er mangels Geld noch nicht ersetzen konnte. Sie schützten seine langsam heilenden Finger vor gegnerischen Hieben und waren auch gut, wenn man einem stärkeren Vampir ans Kinn hauen wollte, ohne sich selbst dabei alle Knochen zu brechen.

Obwohl Farmund sich mit Schwertern gut auskennt, hat er nie selbst ein Schwert benutzt. Ob das Standesstolz oder Standesdünkel ist, ist vermutlich Ansichtssache.

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Kampftechnik:

Farmund kämpft nicht ritterlich, nicht fair, sondern tückisch und gemein. Alles was zum Ziel führt, ist erlaubt: Hinterhalt mit Illusionen, Knie und Ellbogen, Kopfstöße, gegen die Genitalien, Hebeltechniken und Ablenkungsmanöver und Finten aller Art. Farmund hütete vor seinem unfreiwilligen Schlaf auch den Ruf, etwas - oder auch mehr - verrückt zu sein, wodurch er für Fremde schwerer kalkulierbar wurde.

Gerne wählt er im günstigen Moment den Hinterhalt und greift zuerst mit Visionen und Illusionen an. Wenn er die Wahl hat, beobachtet er lange und gründlich, bevor er sich zum offenen Kampf stellt. Im offenen Kampf trickst er mit Kehrtwendungen und Spielchen, die für den anderen verwirrend und unsinnig wirken mögen und doch nichts anderes sind als eiskaltes Kalkül, um die Stärke des Gegners abzutasten und seine Schwächen herauszufinden.

Was die Kampfkraft Farmunds vor allem ausmacht, ist seine Erfahrung, die er in zahllosen Scharmützeln und Kämpfen erworben hat. Als Veteran zahlreicher Kämpfe hat Farmund ein Auge dafür, die Kraft und die Gefährlichkeit eines anderen Vampirs einzuschätzen. Die Teufelsanbeter waren keine friedlichen Mönche. Sie bekämpften unermüdlich andere Orden, deren Lehre von der ihren abwich, und stellten und vernichteten einzelne, nicht ordensgebundene „Ketzer“, wenn sie sie erwischten.

Zu Kämpfen hat Farmund aber schon als Lebender gelernt, nicht weil er wollte, sondern weil er musste. Da hieß es töten oder getötet werden: gegen andere Straßenkinder, gegen Räuber, gegen marodierende Soldaten und gegen Raubritter, für die Menschen nur Kleckse waren, an denen man die Waffe testen konnte. Ihn trainierte von kleinauf die harte Praxis der Straße des Mittelalters. Später erhielt er eine richtige Ausbildung zum Vampirkrieger bei verschiedenen Meistern, die dabei erlernten Kampftechniken brauchte er auf den Schlachtfeldern der zahllosen Glaubenskriege auch dringend. Die bewaffneten und waffenlosen Kampfkünste, die dabei zum Einsatz kamen, gerieten nach der großflächigen Einführung von Schusswaffen in Europa in Vergessenheit und wurden in ihrer Art erst wieder im 20ten Jahrhundert aus dem fernen Osten importiert. Sie finden sich heute sich nur mehr in alten, verstaubten Handbüchern, die nach und nach 21ten Jahrhundert von Vereinen für historisches Fechten in alten Bibliotheken wiederentdeckt werden.

Farmund war immer ein Einzelkämpfer, der niemals andere Vampire in der Schlacht und nur selten bei kleineren Aufträgen befehligte. Er kann sich einer Truppe einordnen, reißt sich aber nicht um die Führung. Darin ist er nicht erfahren. Wenn hinter ihm andere Vampire folgten, dann nur, um aufzuräumen, was er übrig gelassen hatte.

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Vorlieben
  • Musik:
    Musik aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Wobei nicht überraschend wäre, wenn Farmund sich nach einiger Zeit dem Mittelalterrock zuwendet. Am WJAC-Festival hat er moderne Musik einiger Stilrichtungen gehört - und war fasziniert. Leider war er dort WJAC-Festival Feuerspucker und selbst Aussteller und konnte die Musiker daher kaum beobachten. Am nächsten Festival klettert er aber bestimmt über den Zaun, um zu lauschen!
  • Farbe:
    Bunt!
  • Ambiente:
    Vages Kerzenlicht. Farmund mag das moderne grelle Licht nicht. Da fühlt er sich so - deutlich sichtbar.

    Gruften und Katakomben sind für ihn einladend, da fühlt er sich Zuhause. Leider sind diese in einer jungen, modernen Stadt wie Phoenix Mangelware. Daher hat er zur Steigerung der Behaglichkeit in seiner Bleibe Erde und Lehm auf dem Boden ausgestreut, auf dem er barfuß wandelt. Des weiteren hat er im Wohnzimmer einen Sarg aufgestellt, den er aus einem Buchregal selbst gezimmert hat. - Übrigens Jeromes Buchregal.

    Farmund träumt davon, einen richtigen, schmucken Sarg zu besitzen, wie sie in den gläsernen und glitzernden Auslagen der Bestattungsunternehmen in der modernen Zeit zu finden sind. Eine Maßanfertigung, mit gedrechselten Verzierungen und mit rostfreien Nägeln, aus hartem, dauerhaften Holz und – wie sündhaft! - sogar fein mit Samt und Seide ausgepolstert.

    Die Vorzüge eines menschlichen Betts hat er noch nicht kennengelernt. Er hat noch nie in seiner Existenz in einem Bett geschlafen. Als Mensch war er schon über einen Haufen Stroh im Stall froh, wenn er nicht im Gras am Wegesrand übernachtete. Irgendjemand sollte ihm zeigen, wie weich und bequem menschliche Betten heutzutage sind, denn von alleine würde er wohl kaum auf die Idee kommen, eins zu benutzen. (Das Bett in Jeromes Unterkunft beherbergt jetzt die Bücher. Vom Buchregal. Das jetzt ein Sarg ist.)
  • Eigenschaften:
    -
  • Aussehen:
    Farmund, aus einer Welt der Pocken und Plattern und Mangelkrankheiten stammend, findet alle Menschen heutzutage schier unwirklich schön. Und die Frauen haben … noch alle … ihre Zähne.
  • Geschlecht:
    -
  • Hobbies:
    -
  • Allgemeines:
    Fließendes, heißes Wasser aus der Leitung. Nachdem er sich für Jahrhunderte in kalten Flüssen waschen musste, die ein ganzes Stück von den Katakomben entfernt waren, in denen er hauste, hält er dies für eine der besten Menschheitserfindungen überhaupt.

    Außerdem mag er Pferde. Als Mensch hat er von einem Pferd nur träumen können. Die waren für einfache Leute viel zu teuer, geschweige denn für Straßenmusikanten. Die Teufelsanbeter bildeten ihn zum Vampirboten aus und gaben ihm ein schwarzes Ross. Darauf war er dann mächtig stolz. Er kann gut mit Pferden umgehen und ihnen behutsam die Scheu vor seiner Aura nehmen.

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Abneigungen
  • Musik:
    -
  • Farbe:
    Grau.
  • Ambiente:
    Ihm ist generell in luxuriösen, reichlich geschmückten Räumlichkeiten unwohl. Er hat das unbehagliche Gefühl, das dies nicht für ihn bestimmt ist und dass dies nicht die richtige Welt für ihn ist.
  • Eigenschaften:
    Die feine Gesellschaft gefällt ihm nicht. Noble Empfänge mit Adeligen, politischen Würdenträgern und dergleichen sind für ihn äußerst unangenehm. Er fürchtet ständig, sich nicht richtig zu benehmen und etwas zu verpatzen. Diplomatisches Versteckspiel ist ihm ein Gräuel, obwohl man ihn auch dafür schon einzusetzen versuchte. Dazu kann er nicht gut genug reden und argumentieren und sobald er nervös wird, ist seine Körpersprache offen wie eine Tür. Da braucht das Gegenüber gar nicht mehr Gedanken zu lesen. Nur als Leibwächter hielt er noch in dieser Umgebung durch, da er einfach steif dastehen konnte und nichts sagen musste.
  • Aussehen:
    Anzugträger im Allgemeinen. Er hält sie für freudlos, spießig und fad. Sie erwecken für ihn den Eindruck, ranghöher zu sein, was er sich aber nicht immer gefallen lassen will. Möglicherweise werden sie von ihm zappelnd und keifend in Farbeimer getunkt, wenn er glaubt, dabei ungeschoren davonzukommen.

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  • Geschlecht:
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  • Aktionen:
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  • Allgemeines:
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Charakter

Kurzbeschreibung:
  • ruhig, heiter und ausgeglichen vom Temperament
  • in sich ruhend und gefestigt
  • diszipliniert, verlässlich und verantwortungsbewusst
  • besonnen, geht keine unkalkulierbaren Risiken ein
  • viel Sinn für Humor, guter Unterhalter
Ausführliche Beschreibung:

Vom Temperament her ist Farmund ruhig, heiter und ausgeglichen und nur wenig aufbrausend. Selbst offene Beleidigungen nimmt er oft nicht ernst. Er ist ein in sich ruhender und gefestigter Charakter, der sich selbst kennt, sich angenommen hat, wie er ist und weiß, was er will. Farmund überlegt, bevor er handelt. Nur in höchster Not wird er zu impulsiven Entscheidungen greifen. Er ist diszipliniert, verlässlich und verantwortungsbewusst, vielleicht etwas zu sehr. Sein Verhalten richtet er nach festen Moralvorstellungen aus.

Als ein Vampir, der erst in höherem Lebensalter die dunkle Gabe erhielt, bringt er ein Maß an sterblicher Lebenserfahrung in die Nacht mit. Deswegen und aufgrund der Tatsache, dass sich seine Existenz auf den Straßen der Nacht so ähnlich fortsetzte wie auf den Straßen der Lebenden, ist er in einiger Hinsicht sehr menschlich geblieben, im positiven wie im negativen Sinne.

Er reagiert auf die modernen Welt eher mit Verwirrung und mit Neugierde, als mit Aggression oder Abscheu. Als Spielmann war er immer schon ein wenig der Frevler, der parodierte und sich lustig machte, wo es ging. So kommt es, dass er aufgeschlossener ist als manch eigenbrötlerischer Einzelgänger, der niemals der Doktrin der Teufelsanbeter unterworfen war. Es wird nicht lang dauern und Farmund genießt die neue Freiheit, nicht mehr dem Teufel dienen zu müssen und kriecht aus dem Schneckenhaus heraus, um mehr selbstständiges Denken zu lernen.

Farmund hat großen Respekt vor den persönlichen Grenzen und der Würde anderer Vampire. Nie würde er ungebeten die Gedanken eines anderen Vampirs durchforsten, wenn er nicht direkt sein Feind ist. Für ihn wäre das ein Verbrechen vergleichbar einer Vergewaltigung. Das bedeutet nicht, dass er nie die Gedanken eines anderen Vampirs liest, doch wägt er ab, in wie weit das für den Selbstschutz notwendig ist und ignoriert dabei, was ihn nichts angeht.

Selbst bei einem Feind wird er nicht persönlich und greift zu keiner Beleidigung, die ihn im Kern trifft. Das ist nicht einfache Ethik, er hat auch festgestellt, das solche Attacken langfristig auf ihn selbst zurückschlagen.

Es würde Farmund niemals einfallen, mit seinem Opfer zu spielen, es zu quälen oder ihm seine Würde zu nehmen. Die Vampire der alten Zeit stellten die schrecklichsten Dinge mit anderen Vampiren an, die nicht ihrem Glauben gehorchten, aber gegenüber den menschlichen Opfern waren sie barmherzig - zumindest verglichen mit Seuchen, Soldaten und den Strafpraktiken der damaligen Justiz. Er würde auch nie auf die Idee kommen, einen Menschen zu töten, nur weil ihm z.B. dessen Jacke gefällt. Er würde zum Menschen hingehen und fragen, wo er die Jacke gekauft hat. Das Gelächter vieler moderner Vampire ist ihm gewiss, denen der alte verstaubte Kodex völlig egal ist, was ihn jedoch nicht im geringsten beeindrucken wird. Beeindrucken werden ihn nur Argumente.

Werden Vampire bedroht, die unter seinem Schutz stehen, ist er der fürchterlichste aller Gegner. Dann mag es sein, dass er letzten Endes nicht mehr den Regeln der Vernunft gehorcht und auch einen viel stärkeren Vampir angreift. Die Kaltblütigkeit eines Generals, auch seine Soldaten zu opfern, besitzt er nicht und hat er nie besessen. Natürlich kann das leicht damit enden, dass er irgendwann selbst dabei stirbt – das ist Farmund bewusst. Und tut es trotzdem, denn ansonsten könnte er sich selbst nicht mehr ins Gesicht blicken.

Die persönlicheren Seiten Farmunds kommen nur für den zum Klingen, der ihn näher kennt. Er ist ein erfahrener und fürsorglicher Macher und war auch immer ein guter Lehrmeister. Er kümmert sich gerne um jüngere Vampire und vermisst es direkt, wenn er allein ist. Farmund besitzt Sinn für Humor und ist jederzeit für einen Schabernack oder eine harmlose Rauferei zu haben. Er hat ein großes Herz, in dem nicht nur seine Zöglinge, sondern gleich eine ganze Kompanie Vampire Platz hat.

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Ziele
- Ziel Nummer Eins: Am Unleben bleiben in dieser fremdartigen Welt. Dazu seine alte Gauklerausrüstung und seine Bewaffnung ausbauen und ergänzen.
- Herausfinden, wie er an eine gefälschte Sozialversicherungskarte kommen kann, damit er offiziell arbeiten kann.
- Mehr über Schußwaffen lernen.
- Lernen, Auto zu fahren.
- Sich mit Vampiren in Phoenix anfreunden.
- Herausfinden, wer unter den Vampiren in Phoenix mächtig ist.
- Kontakte in Venedic knüpfen. Heraufinden, wer unter den Vampiren in Venedic mächtig ist.
- Überlebende Zöglinge und Bekannte von ihm finden. Mit Hilfe von Kontakten in Venedic.
- Kodex verteidigen.
- Falls er herausfinden sollte, dass Vampire auch ohne schwarze Magie zeugungsfähig sind: vielleicht sogar einmal eine Frau finden und eine Familie gründen.

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Sonstiges
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Leben in Phoenix
Farmund verschlug es nach seinem Erwachen nach Phoenix, nachdem er von jungen Vampiren in Europa von dieser Stadt gehört hatte - von dieser Stadt in Amerika, wo Vampire sehr häufig sein sollten. Nach einer verwirrenden und anstrengenden Reise hauste er die ersten Wochen im Kanal und ernährte sich von Obdachlosen und Junkies. Im Kanal begegnete er der Vampirin Daciana und dem jungen Vampir Mattis.
Kanal - IIIHHHH - sation!

Beim WJAC-Festival in Phoenix trat Farmund als Feuerspucker auf und verkaufte selbst hergestellte Flöten. Er ließ seine Aura frei strahlen und begegnete dadurch einigen Vampiren. Ihm gelang, wichtige Kontakte zu bestimmten Menschen zu knüpfen, etwa zu einem Schmied namens Coinneach, der ihm später seine Waffen herstellte.
[Kommerzieller Plot]: WJAC-Festival ~ open air & end ~

Nachdem er keine alten Vampire gefunden hatte, die in der Lage waren, ihm drängende Fragen zu beantworten - was war aus den Nati Noctis und im Besonderen aus seinem Orden geworden? - beschäftigte sich Farmund in den nächsten Monaten vor allem mit Menschen. Er stellte sich mit denen gut, die ihm helfen konnten. Er lernte durch sie die Stadt kennen, wo es was gab, und die seltsamen modernen Sitten und Gebräuche.

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A Glasgow Vampire... by angus mcdiarmid, auf Flickr, CC BY-NC 2.0

Ein halbes Jahr später hat Farmund die verlassene Unterkunft eines Vampirs gefunden und hat nun ein richtiges, sicheres Zuhause, wo er seine Werkstatt aufgebaut hat (nicht ganz so verlassen – es ist Jeromes alte Wohnung).

Farmund fürchtet nicht mehr auf Schritt und Tritt, von alten Feinden erschlagen zu werden. Er hat begriffen: die wenigen Altvampire in Phoenix kümmern sich nicht um ihn. Er plant Abstecher nach Venedic, um dort Kontakte zu finden.

Dass allerdings das Gerücht in der Stadt umgeht, ein alter Vampir sei zugezogen mit dem Spitznamen „der Spielmann“ und „der Höllenhund“ - das behagt ihm nicht sehr.

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~ Lieber Flöte als Trübsal blasen ~

~ Wer den Teufel zum Freund hat, hat's gut in der Hölle ~


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Stadt: Phoenix
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Kodex: klassisch
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Fähigkeiten: 1. Aura unterdrücken
2. Ausgereifte Form des Gedankenlesens
3. Trugbilder und Halluzinationen
Kleidung: Spielmannsgewand aus Wams und Hose mit dunkelroten, dunkelgrünen, dunkelblauen, sonnengelben und schwarzen Längsstreifen. Ärmel über komplette Länge geknüpft und am Wams angeknüpft.
Sonstiges: Farmunds Fangzähne sind stets sichtbar, weil er sie nicht zurückziehen kann.
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Re: [in Arbeit] Farmund Wunnsam

Beitragvon Farmund » 17.09.2016, 09:54

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Lebenslauf

Kurzübersicht

Frühes 14tes Jh:
- Sterbliche Geburt.
- Als Mensch Spielmann von Beruf, weite Streifzüge durch Europa.

Mitte des 14ten Jh:
- Umwandlung zum Vampir in der Stadt Trier.
- Erlebt die Pest als junger Vampir.

Zweite Hälfte des 14ten Jh:
- Als Bote der Nati Noctis und Vampirmusikant in ganz Europa unterwegs. Kam nach England und sogar bis nach Island.
- Half den Orden der Nati Noctis gegen Heiden und einzelne verrückte Vampire, aber mehr zur Verteidigung denn als zum Angriff.

Ab 1400:
- Der dunkle Prophet in Rom reißt die Macht über die Nati Noctis an sich und verbreitet eine besonders fundamentalistische Lehre.
- Im Auftrag Roms in zahlreiche Schlachten verwickelt, die zur Ausweitung von Roms Macht gefochten werden.
- Dient im laufe der Jahre unter vielen verschiedenen Meistervampiren.

Frühes 16tes Jahrhundert:
- macht Nürnberg zu seiner Wahlheimat, unter der Meistervampirin Wilbeth.
- wird eingesetzt als Bote, Leibwächter oder Ehrenwache bei Verhandlungen, seltener als Kämpfer gegen „Ketzer“ und gegen Vampirjäger.
- reist weiterhin für seine Aufträge durch ganz Europa: besonders im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Südfrankreich, Skandinavien und in Spanien.
- erwirbt den Ruf unter Vampiren als einer der gefährlichsten Bluttrinker der Nati Noctis, da sich seine „schwarze Magie“ (in Wahrheit seine Halluzinationsgabe) voll entfaltet.

Mitte 17.Jh.:
- Der dunkle Prophet zu Rom verschwindet spurlos. In Folge zahlreicher Nachfolgekriege, die als Territorialkämpfe und Religionskriege fortdauern.
- Farmund muss nun mit allen Kräften seinen Orden gegen andere Nati Noctis verteidigen und verlässt Nürnberg nur mehr selten.

Spätes 17. Jh:
- Farmund wird in einer Schlacht gegen andere Nati Noctis schwer verwundet. Der abergläubische Feind begräbt ihn lebendig und versiegelt ihn, damit er nicht „aus der Hölle zurückkehrt“.
- Schicksal von Farmunds Orden und seiner Zöglinge und ob sie die Religionskriege der Nati Noctis überdauerten, ist unbekannt.

Gegenwart:
- Im Wald von Nürnberg vom Vampir Skender befreit und aufgeweckt.

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Ausgewählte Szenen

Das Schicksal eines Spielmanns - 14tes Jahrhundert
- Das Schicksal eines Spielmanns – Leben als Mensch
- Die Kinder der Nacht (Umwandlung zum Vampir)
- Lehrzeit unter Alberich von Trier

Wanderjahre – 15tes Jahrhundert
- Unterwegs auf den Straßen des Teufels
- Der Aufstieg des dunklen Propheten
- Die großen Kriege der Nacht
- Dienst im großen Reich der Finsternis

Der Orden von Nürnberg – 16tes Jahrhundert und 17tes Jahrhundert
- Ein neues Zuhause - Der Orden von Nürnberg
- Freunde und Zöglinge
- Kämpfe und Schlachten

Das Ende der alten Welt – 17tes Jahrhundert bis 20tes Jahrhundert
- Der Niedergang der Kinder der Nacht
- Das Requiem des Spielmanns
- Nachhall - Der Tod der alten Zeit

Auferstehung
- In der Gegenwart


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Das Schicksal eines Spielmanns – Leben als Mensch



Sic ignis non refert, quam magnus, sed quo incidat
Beim Feuer kommt es nicht darauf an, wie groß es ist, sondern wo es gelegt wird. Seneca, Epistulae morales

Es war eine ferne Zeit, als es weder Telefone, noch elektrisches Licht, noch Fernseher gab, als heißes Wasser Luxus war und als Bücher wertvoller waren als Gold. Eine lang vergangene Zeit, als Himmel und Erde einander noch näher waren, als noch Wunder geschahen und sich Gottes Fingerzeig in allen Dingen fand. Eine Zeit, als Alben und Zwerge noch nicht aus Bäumen und Fels vertrieben waren und noch Drachen und Einhörner die Welt bevölkerten, als das Vieh an heiligen Nächten sprach, das Gras unter dem Fußtritt der Bösen welkte und die Dornen vor dem Gerechten wichen und als der Vögel Flug und Lied von Heil und Königsgeburt kündete und vor Seuchen und Krieg warnte. Es war zu dieser Zeit, vor über 600 Jahren, als Farmund dereinst als warmer, atmender Mensch gelebt hatte.

Das „Spätmittelalter“ nannten die Leute diese Zeit heute.

Ein Spielmann war er gewesen. Ein Mitglied des fahrenden Volks, das die Länder durchreiste und auf der Straße wohnte, die Musikanten und Vaganten, die Gaukler und Jongleure, Geschichtenerzähler, Tierbändiger, Akrobaten und Spaßmacher, die auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern auftraten, gegen ein paar Münzen oder etwas Brot und alte Kleidung als Bezahlung.

Einen guten Ruf genossen sie nicht, die Spielleute. Sie waren keinem der Stände angehörig, weder Bauernstand, noch Ritter noch Klerus. Auch zu den Bürgern gehörten sie nicht. Sie standen außerhalb der Gesellschaft. Man blickte auf sie herab, man ließ sie nur in Ställen schlafen und entlohnte sie oft nur schlecht. Sie waren rechtlos, in manch Landrecht gar vogelfrei. Der Kirche galten sie als Übel, da sie zur Sünde verführten. Denn sie spielten Musik und ermunterten die Leute zum Tanz, raubten die Disziplin, verzerrten die Mienen gläubiger Christen durch Gelächter zu Fratzen. Tanzen war ein Laster für gottesfürchtige Christen. Die schamlosen Gesten des Tanzes verdarben die Sitten und gefährdeten das Seelenheil. Die Spielleute fingen die Seelen der Menschen ein. Im Auftrag des Teufels verführten sie Menschen zum unsittlichen Feste feiern. Die Flöte des Spielmanns galt als die Stimme des Teufels. Doch insgeheim war die Anziehungskraft der Spielleute groß. Sie verkörperten Sehnsüchte und Fleischeslust.

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Die Spielleute durften die heiligen Sakramente nicht empfangen, zur Beichte waren sie ebenfalls nicht zugelassen. Manchmal durften sie nicht einmal in die Kirche. Als Farmund noch ein Junge war und einmal Fieber litt, wurde ihm die letzten Ölung verweigert und der Priester sagte ihm, dass er ohnehin schon verdammt sei. Der Junge nahm es hin, wie alle einfachen Leute das Urteil der Kirche hinnahmen und fürchtete sich schrecklich vor der Hölle. Aber die fahrenden Leute konnten nichts anderes tun, außer zu verhungern. Das was immer so gewesen. Und letztendlich kümmerte es von dem fahrenden Straßenvolk niemanden mehr. Sie liebten ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit. Sie gaben sich Spitznamen wie Nimmerselich, Lasterbalc, Schandolf und Hellefuwer (Höllenfeuer); oder gar gleich Tewfl (Teufel). In ihren Herzen entwickelte sich sogar eine Art Stolz darauf, die Sündenfestigkeit der Menschen zu prüfen. Und so lebte auch Farmund der Spielmann, der später zum Vampir werden sollte.

Schon immer hatte er ein Talent für Musik gehabt. Er beherrschte mehrere Musikinstrumente, ebenso leicht erlernte er das Singen und Tanzen. Dadurch, dass ihm dieses Talent angeboren war und es ihn auf die Straße verschlagen hatte, war er nach Glauben der damaligen Zeit mehr oder weniger als Musiker und damit als Verführer der Christenheit vorherbestimmt. Ein Schicksal, das es anzunehmen galt. Er betätigte sich auch als Geschichtenerzähler und Spaßmacher, besonders mit ironischen und witzigen Geschichten über Würdenträger und Mächtige, in die er Neuigkeiten und allerlei wissenswerte Dinge verpackte, die er auf seinen Reisen aufsammelte. Das flotte Mundwerk benutzte er im höheren Alter nur zu Auftrittszwecken und wurde ansonsten ruhiger und reifer vom Charakter.

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Er wurde irgendwo zwischen 40 und 50 Jahren alt, genauer zählte er seine Jahre nicht. Das tat damals so gut wie niemand. Die Frage lautete damals nicht "wie lange schon", sondern "wie lange noch" - Der Tod lauerte überall. Die durchschnittliche Lebensdauer im späten Mittelalter lag bei 35 Jahren. Selbst Fürsten wussten ihr Alter oft nur auf ein bis zwei Jahre genau. Das Datum der Geburt in das sündige Fleisch galt dem Christenmenschen auch nicht als erinnerungswürdig. Man schrieb das Todesdatum auf, aber nicht das Geburtsjahr.
Nur ein Viertel der Bevölkerung erreichte damals sein Alter. Damit war er schon ein alter Mann und gehörte eher zu einer angesehenen Minderheit. Eine wirklich seltene Ausnahme war er damit allerdings noch nicht. Das wäre er erst als 60jähriger oder 70jähriger Greis gewesen.

Die meisten Menschen auf den mittelalterlichen Straßen starben jung. Wer jedoch erst einmal erwachsen und abgebrüht geworden war, hatte mit zunehmenden Alter immer besser Chancen, noch älter zu werden. Als Straßenmusikant musste Farmund nicht die schwere, schindende Arbeit eines Bauern leisten, er musste nicht in den Krieg ziehen wie die Adeligen und war beweglich und erfahren genug, bei Kriegen, Seuchen und Hungersnöten in bessere Gegenden Reißaus zu nehmen. Dem Winter entfloh er in den Süden. Im Lauf der Jahrzehnte meisterte er alle Tricks, wie man den Tod vermied.

Nur dem einen übernatürlichen Tod konnte er nicht entkommen. Es entsprach dem Gesetz der Kinder der Nacht, dass ein Mensch 100 Schandtaten begangen haben musste, bevor er zum Vampir werden konnte. Farmund war in seinem sterblichen Alter schon viele Hundert Male aufgetreten. Nach der Moral von Schuld und Sühne der damaligen Zeit erfüllte er damit alle Qualifikationen. Tatsächlich waren die fahrenden Leute wichtige Rekrutierungsziele der Kinder der Nacht. Aus ihnen konnte man gute Vampire machen. Schwarze Zauberer und blutgierige Schlächter, die bewusst böse Schandtaten begingen, erwiesen sich oft genug als recht unberechenbar und als ziemlich labil. Fahrende Leute zu erwischen war außerdem leicht, schliefen sie doch irgendwo am Wegesrand. Und selbst wenn sie Weihwasser oder andere Schutzartefakte gestohlen hatten, wurde es allein durch ihre Hände sofort entweiht. Sie waren dem Zugriff des Bösen in der Nacht schutzlos ausgeliefert.

Später hieß es, Farmund der Spielmann habe bereits zu Lebzeiten allerlei Magie betrieben. Auch das war ein Handwerk der fahrenden Leute. Es hätte ihn sicher zum besonders interessanten Ziel gemacht, auch wenn es so nicht stimmte. Später hielt sich unter der Vampiren das hartnäckige Gerücht, dass er niemand anderes sei als der echte Rattenfänger von Hameln. 100 Schandtaten müsse man begehen, um den Teufelspakt zu erfüllen und von den Kindern der Nacht zum Vampir gemacht zu werden. Und er lieferte 130 Kinder. Dieser Ruf gefiel ihm und er pflegte die Legende gut. Der tatsächliche Rattenfänger müsste aber historisch gesehen aber früher gelebt haben als er.

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Die Kinder der Nacht

Mors porta vitae aeternae
Der Tod ist das Tor zum ewigen Leben. Häufige Grabinschrift

Es war geschehen, als er sich eines Nachts gerade auf dem Moos am Wegesrand schlafen legen hatte wollen. Das Datum? Um Himmels Willen, da war er überfragt. Irgendwann gegen Ende der Fastnacht war es gewesen. Es war frisch und kalt und finster und Feuer konnte er nicht machen, denn das Holz, das war feucht.

Es passierte alles blitzschnell. Plötzlich packte man ihn von allen Seiten. Mit einem Mal waren da nur viele Schatten um ihn herum und lauter kalte Hände, die ihn festhielten. Und dann sah er nur das Gras, das unter ihm hinwegflitzte, als sie ihn forttrugen, und dürres Geäst über sich. Er dachte sich noch, dass es nicht ganz so schlimm sei, da man ihn offenbar nur ganz ohne Prügel entführte und nicht gleich getötet hatte. Als es dann aber zum Friedhof ging, wurde ihm schon anders.

Und dann auch noch eine Gruft hinunter.

Er musste geschrien haben. Da waren Fackeln und sie offenbarten: Die Gesichter der Entführer, unter ihren Kapuzen waren sie weiß wie Laken! Sie beschimpften ihn, weil er schrie. Einen Grund, warum er sich beruhigen sollte, nannten sie allerdings keinen. Wann hatte es je besseren Grund gegeben, laut zu schreien? Überall um sie herum Gestalten in schwarzen Kutten. Mit bleichen Gesichtern und mit bleichen Fingern. Ein unterirdisches Reich tat sich ihm auf, wie beim Albenkönig unterm Berg. Nur dass das hier unter dem Friedhof war. Mit lauter Menschenleichen, die umherliefen. Er war nicht betrunken, aber er wünschte es sich dringend.
Ob er für sie aufspielen sollte, weil die Toten auch einmal ein Tänzchen wagen wollten?

Nein, sie wollten ihn baden. Sie steckten ihn in einen Waschzuber.

Dazu mussten sie ihn zuerst ausziehen, was im Falle des struppigen Spielmanns auch ein Wagnis war.

Und um sie herum brannten zahlreiche Fackeln, damit die Toten ihn auch in aller Pracht sehen konnten. Sie zogen ihn aus dem Wasser und untersuchten jeden Fingerbreit seiner Haut. Ja, auch da. Überall. Mit ihren kalten Fingern! Dann waren sie offenbar zufriedengestellt. Seine alte, verlauste Kleidung nahmen sie ihm weg, samt den Flöhen, die er alle einzeln beim Namen kannte, und gaben ihm stattdessen eine schwarze Kutte.

Anschließend stellte sich heraus, dass es in diesem unterirdischen Totenreich auch Kerker gab, denn in einen solchen wurde er geworfen. Dort unten erklärten sie ihm, dass sie Dämonen mit untotem Körper wären, die sich des Nachts aus Gruften und Gräbern erhoben, um die Menschen zu jagen. Bluttrinker, die sich von Menschenblut ernährten und geschaffen worden waren, um im Dienste des Teufels die Menschheit zu plagen und zu prüfen. Die „Kinder der Nacht“ nannten sie sich. Sie eröffneten ihm, dass er jetzt einer von ihnen werden würde. Das war die Essenz. Er wurde vor vollendete Tatsachen gestellt, eine Wahl gab es nicht. Sie scholten ihn, weil er nach Gott und Maria gerufen hatte. Was er sich eigentlich einbildete, als Diener des Teufels nach dem Himmel zu rufen? Wusste er denn nicht, dass ihm das als Verdammten nicht zustand? Er machte alles falsch. Aber jetzt würde das anders werden. Er sei auserwählt, um der dunklen Seite mit noch viel machtvolleren Kräften zu dienen, als seine Stimme und seine Musik es bisher gewesen waren.

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Dann blieb er zurück und es war finster, denn es gab nur das Fackellicht durchs Gitter vom Gang. Wie zitterte er und bibberte er für Stunden, bevor er aus lauter Erschöpfung in Schlaf fiel.

Direkt schlecht wurde er nicht behandelt. Er bekam eine bessere Strohmatratze, als er sonst je gehabt hatte und Medizin für seine wunden Füße und gegen Würmer und Läuse, denn die Dämonen wollten ihn in gutem körperlichen Zustand. Zuerst wollte er ihr Brot nicht annehmen, weil er fürchtete, es könne sich in eine Säuglingsleiche oder dergleichen verwandeln. Die Dämonen zuckten mit den Schultern und gingen wieder fort. Nach ein paar Nächten war er dann so hungrig, dass er das Brot trotzdem aß. Es blieb Brot. Und er trank auch den heißen Kräuteraufguss im Krug, der bereit stand und das Getränk machte keine Anstalten, sich in Blut zu verwandeln.

Wobei, wenn es nach denen ging, würde er Menschenblut ja bald gerne mögen. Ihn schauderte. Unvorstellbar.

Die Zelle war auch recht geräumig im Vergleich zu den Löchern, die die Menschen benutzten, um ihresgleichen einzukerkern. Und sie war sauber. Es gab überhaupt kein Ungeziefer. Keine Ratten, keine Kakerlaken, keine Wanzen. Nichts. Es roch nur nach Erde. Etwa fünf mal drei Mannslängen maß sie. Es war recht kühl, aber die Kutte, die sie ihm gegeben hatten, hielt schön warm. Man brachte ihm Fisch und Geflügel, wo noch erkennbar war, dass es sich um Tiere handelte. Als man den Eindruck gewann, dass er fror, bekam er sogar noch eine Decke, die auch ganz sauber und geruchsfrei war. Nur Licht gab es sehr, sehr wenig. Für sie selber war es ja taghell, wie er später erfuhr.

Immer wieder kamen die gleichen Bluttrinker. Langsam gewöhnte er sich ein wenig an ihre so bleiche Haut, an ihre Augen, wo die Iris wie Eiskristalle schimmerte und an die langen, scharfen Zähne in ihrem Mund, die aufblitzten, wann immer sie sprachen. So erreichten sie, dass er zumindest nicht mehr schrie und keinen Widerstand mehr leistete, wenn sie ihn aus dem Verlies holten. Sein Vertrauen hatten sie deswegen nicht unbedingt, aber zumindest war er gewohnt, was sie taten.

Die Narbe da, die störte! Darüber sprachen und tuschelten sie und einer von ihnen deutete und stupste mit dem bleichen Finger - wenigstens waren ihre Hände nicht mehr eiskalt, weil sie sie zuvor im warmen Wasser aufwärmten. Dieser eine Bluttrinker war ja ganz besonders aus dem Häuschen. Der gefangene Spielmann wusste nicht, was daran so schlimm war. Jeder hatte Narben. Die sammelten sich an im Laufe eines Lebens. Er hätte nicht gedacht, dass Untote so aufgeregt sprechen könnten. Noch weniger hatte er gedacht, dass er ihnen dabei in einem Waschzuber zuhören würde.

Regelmäßig badeten sie ihn in einer hell erleuchteten Kammer und sahen ihn sich an. Sie behandelten ihn mit Salben und bitteren Tinkturen. Das Ungeziefer wurde er los. Auch seine wunden Füße heilten ab. Das war sehr angenehm. Wenn nur nicht so gruselig wäre, wie sie das schafften. Ob da Babyfett in den Wundsalben steckte? - Nein, Murmeltier, sagten sie ihm. Obwohl er die Frage überhaupt nicht gestellt hatte. Auch das war unheimlich. Manchmal schienen sie zu wissen, was er dachte!

Einige Nächte später kam der unzufriedene Dämon zurück, den seine Narbe störte. Mit Bilsenkraut im Arm, frisch und wirksam. Und bald war Farmund in einem dämmrigen, betäubten Zustand und es war ihm alles egal. Es war ihm egal, als der Dämon ihm den Stoff vom Oberkörper zog. Es war ihm egal, als die Messerklinge in der Kerzenflamme glühte. Es war ihm egal, als das kochende Wasser sprudelte. Es war ihm egal, als ihm der Dämon mit dem Messer in den Leib schnitt. Und es war ihm auch egal, als der Bluttrinker sich vorbeugte, mit der Zunge über die kleine Wunde leckte und dazwischen Zauberformeln murmelte.

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Die Nacht darauf war es ihm dann nicht mehr egal, denn die Wirkung des Krauts war verflogen. Kreisch! Mit der Zunge, mit der Zunge! - Aber die Narbe, die war fort. Da war nur mehr glatte Haut, so als hätte es sie nie gegeben. Nun hatte er wohl wahre Magie kennengelernt. Eigentlich musste es ganz finsterschwarze Magie sein. Aber es ging ihm gut. Es erschien alles in Ordnung. Vielleicht, weil er ohnehin schon verdammt war? Weil die Dämonen ihn berührt hatten und es damit um ihn schon geschehen war? Vielleicht konnte ihm schwarze Magie da nicht mehr schaden?

Sein Zustand besserte sich. Das beobachteten die Bluttrinker mit Zufriedenheit. Er wurde kräftiger und seine Haut rosiger und glatter. Er hätte geglaubt, sie wollten ihn päppeln um ihn zu fressen, wenn sie nicht klargemacht hätten, dass sie ihn auch zu einem Dämon machen wollten. Obwohl er Angst vor ihnen hatte und noch mehr davor, selber ein Dämon zu werden, schlief er doch erstaunlich gut. Noch nie hatte er so gut zu essen gehabt. Kein kollernder Magen raubte ihm mehr den Schlaf. Noch nie hatte er sich die ganze Nacht kein einziges Mal kratzen müssen. Nicht einmal die Kutte kratzte, denn sie war mit ganz feiner Wolle gefüttert. Wären da nur nicht die langen Zähne und der Blutdurst.

Irgendwo in der Welt über ihnen, in weiter Ferne, musste inzwischen die Fastenzeit angebrochen sein. Doch das zählte hier unten nicht. Man servierte ihm trotzdem Fleisch. Und Farmund verspeiste alles, denn ans Fasten hatte er sich ohnehin nie richtig gehalten. Fasten konnten diejenigen, deren Teller voll gefüllt waren. Man gab ihm sogar seine Musikinstrumente wieder, damit er sich beschäftigen konnte. In langen Nächten sang und spielte er dann vor sich hin, um sich zu trösten. Er schwankte zwischen Fatalismus, dass alles noch viel schlimmer sein könnte und zwischen tiefer Furcht.

Er befand sich eingesperrt in tiefen Katakomben voll mit Untoten und sie würden ihn zu einem Dämon machen. Ein Entkommen gab es nicht. Es sei denn durch den Tod. Aber er wollte nicht sterben. Er war ein Spielmann. Und Spielleute fuhren nach dem Tode in die Hölle. Selbstmörder sowieso. Die Selbstmörder landeten in einem noch tieferen Höllenkreis als die Spielleute. Nun, als Blutdämon würde er wenigstens noch auf Erden bleiben und musste nicht gleich zur Hölle fahren. Das war doch immerhin etwas, oder? Und die menschlichen Gefängnisse waren auch viel schlimmer. Es könnte alles noch viel schlimmer sein.

In manchen Nächten saß einer der Dämonen dann auf der anderen Seite des Gitters auf der Bank und hörte seiner Musik zu. Farmund wusste nicht, wie viele Nächte, denn er hatte nur mehr wenig Gefühl für die vergangene Zeit. Hier unten herrschte ewige Nacht. Als er einmal beobachten konnte, wie sein Zuhörer nahe an der einsamen Fackel am Gang vorbeischritt, erkannte er das Gesicht. Es war sein Narbenmedicus. Der schon wieder.

Und eines Nachts erhob sich der Bluttrinker von der Bank und kam zu ihm ins Verlies. Schlagartig unterbrach der Spielmann die Musik und beobachtete den Blutdämonen wachsam. Doch dieser setzte sich nur mitten im Raum auf den Boden und wartete ab.
Stille.
„Spiel weiter“, kam letztendlich von ihm.
Und so spielte Farmund.
Fortan kam der Blutdämon immer zu ihm in den Kerker und hörte ihm aus der Nähe zu.

Nach einer Weile ließ der Blutdämon die Kapuze zurückfallen. Zum ersten Mal sah Farmund das Gesicht des Wesens vollständig und ohne Schatten. Hörner fehlten ebenso wie zweite, entsetzliche Fratzen am Hinterkopf. Das dunkle Haar bestand nicht aus Schlangen und loderte nicht als höllischer Flammenschein. Genauso wenig war der Untote halb der Verwesung anheim gefallen. Es wirkte vom Aussehen noch ganz wie ein Mensch.
Und doch war er völlig anders. Man merkte es an der Art und Weise, wie er sich bewegte. Hier war etwas absolut Nichtmenschliches am Werk. Menschen bewegten sich nicht so gewandt, als hätten sie überhaupt kein Gewicht. Und nicht so schnell und lautlos. Das blasse Gesicht schien im düsteren Licht wie aus innen heraus zu leuchten. Ein unwirkliches Leuchten, das manchmal sehr dämonisch, manchmal nahezu engelhaft erschien.

Engelhaft. Gefallene Engel.

Irgendwann sammelte Farmund all seinen Mut. Er hielt in seinem Lautenspiel inne, richtete den Blick auf den Dämon vor ihm und stellte ihm dann die eine Frage, die ihn schon seit vielen Nächten plagte: „Warum bist du hier?“ Seine Frage konnte auf mehrere Art verstanden werden. Doch hatte er die Ahnung, dass der Blutdämon genau wissen würde, was er meinte. „Warum bist du hier im Verlies und hörst mir zu.“
Eine Weile betrachteten ihn die dunklen Augen von diesem Trugbild des Lebens. „Ich werde es sein, der es tun wird“, war die Antwort. „Ich werde einmal dein Macher sein.“
Damit war es heraus. Farmund schluckte. Er wusste nur vage, was das genau hieß. Aber es hatte damit zu tun, dass dieser ihn zu einem Blutdämon machen würde. Der Spielmann lehnte den Kopf an die Wand und schloss kurz die Augen. „Du bist also derjenige, der mich endgültig verdammen wird.“
„Du bist bereits verdammt“, entgegnete der Dämon ruhig. Wie sanft und ruhig seine Stimme war, wie ein sachter Windhauch. Dämonen sollten nicht solche Stimmen haben. „Du warst verdammt, noch bevor du hierher gekommen bist. Du warst verdammt, noch bevor du diese Straße entlang gegangen bist, wo du das letzte Mal die Sonne gesehen hast. Wahrscheinlich warst du bereits verdammt, als dir noch kein Bart wuchs und genau für das hier berufen. Gott sieht alles. Das allnächtliche Dunkel bestimmt unsere Hände und unseren Willen. Mächte, die wir nicht verstehen, lenken unsere Schritte. Du bist genau hier, weil du es sein sollst.“
Daraufhin wusste Farmund nichts zu sagen. Er schloss die Augen und spürte den kalten Stein an seinem Hinterkopf. Dann stimmte er ein Lied an.

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„Zieh die Kapuze über, es ist kalt,“ sprach der Untote zu seinem linken Ohr. Farmund zögerte. Dann hob er eine Hand, zog den Stoff über sein Haar und hüllte sich dichter in seine Kutte. Unaufdringlich, jedoch ständig in seiner Gegenwart war der Blutdämon. Er saß nun immer direkt neben ihm und Farmund wusste nicht, wie es dazu gekommen war. Nacht für Nacht war das Wesen Stück für Stück näher herangerückt.
Ein wenig fröstelte er, obwohl er auf einer Decke saß und nicht auf dem kalten Untergrund. Als er den Kopf hob, war der Blutdämon verschwunden. Auch so ging es oft. Im einen Moment waren sie da und im nächsten nicht. Diese Schattenwesen bewegten sich sehr schnell und absolut lautlos. Oft hatte er auch erst nach einer Weile bemerkt, dass sein Zuhörer fort war.

Jetzt wo er ab und zu Gelegenheit hatte, seinen untoten Besucher aus der Nähe und ohne Kapuze zu sehen, wirkte es so absurd, wie schön sie waren. Sie sahen nicht tot aus, sondern eher wie… wie über dem Leben. Ihre Haut war so ungeheuer weiß. Es erinnerte ihn an… nur bei den ganz edlen Fräulein hatte er je eine solche Haut gesehen. Die, die in Schlössern wohnten und in Stoffe gekleidet waren, die so kostbar waren, das er sie mit allem Geld nicht hätte bezahlen können, das er sein Lebtag lang verdient hatte. Mit ihren Händen und Fingern so zart, als seien sie nicht für diese Welt bestimmt. Er hatte sich nicht einmal in ihre Nähe getraut.
Doch so unwirklich die Bluttrinker auch erschienen, so fühlten sie sich durchaus weltlich an. Da war keine übernatürliche, tödliche Kälte in ihnen. Sie waren keine Geister, deren eisiger Hauch allein schon den Tod brachte. Es war weltliche Kälte, die durch schlichte weltliche Dinge wie warmes Wasser beseitigt werden konnte. Und ihre Haut fühlte sich viel widerstandsfähiger an als die Haut normaler Menschen. Wie weißer Stein in Italien. So wie dieser Stein, mit ganz feinem Leinen überzogen.

Auch ein Blutdämon werden. Wenn er in ihre Gesichter und in ihre Augen sah: War da Schmerz? Wenn er darüber nachdachte: sie wirkten nicht direkt so, als ob sie leiden würden. Aber es war so schwer zu sagen. Ihr Blick, da wurde man ganz irre davon. Man versank darin. Ihre Augen, wie glitzernder Raureif, wie schimmernde Eisblumen im Kerzenlicht. Und wie die Farbe darin wechselte, war bald dunkel, mal hell, je nachdem wie das Licht einfiel. Man vergaß die ganze Welt um sich herum.
Obwohl sie davon ausgingen, dass er dazu vorherbestimmt war, einer der ihren zu werden und er sein Schicksal annehmen sollte, trauten sie seiner Selbstkontrolle doch nicht ganz. Immerhin saß er hier gefangen und sie erwarteten nicht, dass er von alleine dablieb. Wie hätte er das auch ertragen können? Ob Schicksal oder nicht, ob Bestimmung oder höherer Wille des Übernatürlichen. Menschen waren schwach. Er hätte zu entkommen versucht. Einfach aus Angst. Aus Angst vor dem, was kommen würde.

Und da war der Dämon auch schon wieder. Farmund hatte geblinzelt. So schnell ging das. Im Arm hielt er ein Bündel. Seine weiße Hand schloss das Gitter auf und die schwarzgekleidete Gestalt schwebte heran, als besitze sie überhaupt keine Beine.
„Hier nimm,“ sagte die ätherische Stimme. „Eine zusätzliche Decke.“
Farmund rührte sich nicht. Er konnte nicht. Gespenster, die scheinbar ohne Bodenkontakt lautlos herbeiglitten, machten ihn nervös.
Die Gestalt knickte ein. Der Blutdämon kniete sich neben ihm hin, langte vor und legte die mitgebrachte Decke um ihn. Farmund war recht froh, dass diesmal Stoff zwischen ihnen war. Der Bluttrinker drehte ihn an den Schultern hin und her, als er ihn in das mitgebrachte Wolltuch einwickelte, so als ob er überhaupt nichts wiegen würde. Stark wie ein Ochse musste dieses Wesen sein.

„Ist es schlimm?“, fragte Farmund. „So zu sein wie du?“, wollte er sagen, ohne es herauszubringen. Der Blutdämon sah ihn an. Seine tiefgründigen Augen waren wie zwei unergründliche Brunnen. Dann schienen sie durch ihn hindurch zu blicken, sich in der Ferne zu verlieren. „Ich glaube nicht, dass es für dich schlimmer sein wird, als ein Mensch zu sein,“ sagte er schließlich.
Abermals reagierte er auf seine Furcht, ohne dass er sie ganz aussprach. Unheimlich.

~~~*~~~

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Die Dämonen warteten nun nur noch auf die richtige Zeit, wie der Ritus es gebot. Farmund sei nun bereit. Und er war auch nicht durch ihren Anblick und die andauernde Dunkelheit wahnsinnig geworden, ein gutes Zeichen. Wie es ablaufen würde, sagten sie ihm eine Nacht vorher. Eine ganze Kompanie von ihnen rückte an, um es ihm zu erklären. Sie brachten sogar Fackeln mit und hängten sie überall auf, damit es etwas heller wurde. Alle zusammen sprachen sie und alle durcheinander. Da waren ihre ätherischen Stimmen dann nicht mehr so ätherisch.

Derjenige, der den dunklen Zauber vollbringen würde, war auch dabei. Doch ausgerechnet der hielt sich beim Reden recht zurück.

Ja, ein großes wichtiges Ritual sei es. In einem großen unterirdischen Saal. Und alle würden anwesend sein - was, alle? Alle Toten vom Friedhof? In einem großen Saal vor allen Augen musste er sich in die Arme des Blutdämonen legen und ihn an seine Kehle lassen. Er würde mit den Fangzähnen in seine Schlagader beißen und sein Blut trinken und ihm anschließend sein eigenes zu trinken geben. Dadurch würde der Fluch auf ihn übertragen werden. Er würde sterben. Und dämonische Kräfte aus der Hölle würden beschworen werden, die vom sterbenden Leib Besitz ergriffen. - Besessenheit kenne er, oder? Es sei wie Besessenheit und seine Seele würde im untoten Leib festgehalten und darin eingekerkert, eine unheilige Verschmelzung von Dämon und Mensch. Der Vorgang würde sehr schmerzhaft sein, für ihn wie auch für den Macher.

Er hatte nicht erwartet, dass es angenehm und lieblich sein würde.

Danach kam eine große Prüfung, oder überhaupt DIE große Prüfung, ob er für die Dienste des Teufels stark genug sei. Nach der Prozedur würde er in einem engen Sarg in Ketten eingemauert werden, bis der dunkle Zauber vollständig vollbracht sei und sein Blutdurst stark genug sei, um sich zu befreien. Und er sollte besser stark genug sein, ansonsten blieb er nämlich drin. Für alle Ewigkeit.

Danke, jetzt ging's ihm richtig gut.

Über seine Angst waren sie nicht erfreut. Doch erwarteten sie auch nicht wirklich, dass er sich freuen würde. Im Grunde waren sie nicht vorsätzlich zu ihm grausam, seine Gefühle spielten nur einfach im Großen und Ganzen keine Rolle. Das hier war sein Schicksal. Die einen waren als Bauern bestimmt, die anderen als Adelige, wieder andere als Handwerker und Bürger. Jeder hatte seinen ihm bestimmten Platz in der Welt. Und Farmund war als Bluttrinker bestimmt.

Als sie wieder gingen, blieb sein zukünftiger „Creator“ zurück, wie sie denjenigen nannten, der den Fluch weitergab. Das war lateinisch. Oder übersetzt „Macher“ oder „Erschaffer“ in der Gemeinsprache des Volks. Farmund kannte noch immer nicht seinen Namen, sofern Blutdämonen überhaupt einen Namen hatten. Irgendwie wirkte das langbezähnte dämonische Ungeheuer auch selbst etwas nervös. Möglicherweise gefiel ihm die Aussicht auf große Schmerzen auch nicht. Dann beeindruckend genug, dass diese Wesen überhaupt Schmerz empfinden konnten.

Besessenheit. Die Seele eingekerkert. Große Schmerzen. Jetzt waren es ja nur Worte.

Sein zukünftiger Macher setzte sich zu ihm. „Wenn es so weit ist, sollst du von alleine in den großen Saal schreiten und von alleine dem Ritual folgen“. So sprach er und probierte nichts Geringeres als ein wenig zu üben, indem er ihn in die Arme nahm und zu erreichen versuchte, dass Farmund ruhig liegen blieb, selbst wenn er sich mit den langen Fangzähnen zu ihm herabbeugte.

“Komm wieder her,“ sagte der Bluttrinker zu der Menschengestalt, die sich schlotternd gegen die andere Wand des Kerkers drängte.

Der zitternde Spielmann wollte solche Nähe nicht, schon gar nicht zu einer wandelnden Leiche. „Er wird kommen und mich holen“, dachte er. Doch das tat der Dämon nicht. Er blieb sitzen und forderte ihn nur weiter mit ruhigen Worten auf, zu ihm zurückzukehren. Farmund sollte keinen Todesschreck bekommen, wenn es so weit war. Es sei würdelos, wenn sie ihn durch den Saal schleifen oder gar fesseln müssten.
Der Bluttrinker hatte den längeren Atem.
Irgendwo in weiter Ferne, in einer Welt des Sternen- und des Mondlichts, schlugen die Kirchenglocken zweimal, als Farmund schließlich wieder zurückkehrte. Zu vertraut war der Bluttrinker ihm inzwischen geworden, um auf Dauer in Panik zu verweilen. Und doch schreckte er abermals vor den scharfen Zähnen zurück. Der wollte tatsächlich, dass er ganz entspannt liegen blieb, damit er ihm später besser in die Gurgel beißen konnte. Farmund wurde schon ganz anders, wenn er die blitzenden Beißerchen über sich sah. Irgendwann aber wurde die Hartnäckigkeit des Bluttrinkers belohnt und er blieb liegen, auch wenn die Fangzähne sich auf wenige Fingerbreit näherten. Das Unbehagen war ungebrochen, aber er lernte zumindest, sich nicht mehr zu entwinden zu versuchen.

Die Aussicht, zur Ader gelassen zu werden und zu sterben, nur um durch dämonisches Blut neu erweckt zu werden hörte sich ziemlich schaurig an. Farmund hatte jedoch nur einen Tag lang Zeit, sich darüber Sorgen zu machen.

Als sie kamen, um ihn zu holen, war sein zukünftiger Erschaffer nicht mit dabei. Vermutlich war er bereits mit irgendeiner schwarzen Magie zur Vorbereitung beschäftigt. Als Henkersmahlzeit bekam er heißen Aufguss aus Kamille, Anis und Fenchel. Aber er hätte ohnehin nichts Festes hinuntergebracht. Bevor er sein Leben aushauchte, verpassten sie ihm noch einen neutralen Haarschnitt und rasierten ihn, denn wie zu seinem Tod würde er immer aussehen.

Dann war es soweit. Die Glocken der Kirche schlugen Mitternacht.

Der Ostersonntag war angebrochen.

~~~*~~~

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Die Halle war wirklich groß. Säulen stützten sie links und rechts. Alle waren sie versammelt. Wahrscheinlich war überhaupt niemand mehr im Grab liegen geblieben. Diese erwartungsvolle Stille. All die weißen Gesichter. Wie er am Portal nervös dastand und um sich blickte, nur ein Stück weißen Leinen um die Lenden. Wie ihm das Herz bis zum Hals schlug, als die schwarzen Kutten links und rechts ihn durch den Saal geleiteten. Schwarze Kerzen auf schwarzen Kerzenständern, schwarze Kerzen an den Wänden. Ihre Flammen flackerten wie durch den Atemhauch von Geistern bewegt. Auf dem erdigen Boden zeichnete sich ein großer, mit rotem Strich gemalter Doppelkreis ab, um den herum ellenlange, schwarze Altarkerzen brannten. Über die grob behauene Decke oberhalb des Lichtkranzes der unheiligen Kerzen krochen flackernd zahllose Schatten, dunkel und wirr, als wären sie lebendig, als warte hier etwas.

Und innerhalb des zweifachen Kreises war ein schwarzer Umriss sichtbar, dunkler noch als die Schatten. Sie verdichtete sich zur Gestalt eines Bluttrinkers, gekleidet in eine wallende, tiefschwarze Kutte oder Robe. Tief in das Gesicht gezogen war die Kapuze.

Das war sein Macher, flüsterten sie.

Die Gestalt wirkte größer, als er den Dämon in Erinnerung hatte. Sein Gewand schien alles Licht von sich zu weisen. Kohlrabenschwarz war es. Dann war Farmund nahe genug, um eine unangenehme Ahnung Gewissheit werden zu lassen: Der Doppelkreis war mit Blut gezogen. Der ganze Boden war mit unzähligen Symbolen und Schriftzeichen übersät. Alle mit Blut gemalt.

Er müsse jetzt zu ihm, raunten sie ihm zu. Die ihn begleitenden Bluttrinker blieben hinter ihm zurück.

Mit Schrecken und mit Zittern im Gebein setzte er die bloßen Füße Schritt für Schritt zwischen die Zeichen, wie ihm geheißen worden war. Teuflische Symbole und fremdartige Schriftzeichen schienen unter ihm aufzuglühen, als er auf vorgeschrieben Pfad über sie trat. Ihm wollten die Knie weich werden. Ob es Menschenblut war? Lieber nicht daran denken.

Dann schließlich stand er ihm im Kreis gegenüber, dem Dämon, der ihm das Leben nehmen würde, um es durch Unleben zu ersetzen. Er blickte direkt in ein maskenartiges, regungsloses weißes Gesicht. Farmunds Herz hämmerte, als wollte es das Gefängnis seiner Rippen sprengen.
Der dunkle Stein drückte sich in seine Knie, als er niederkniete. Und der Blutdämon intonierte auf Latein unverständliche Gebete und Sprüche der Macht. Und alle Untoten antworten in schaurigem Chor. Unwirklich hallte der Gesang dieser schwarze Messe. Der Chor aus untoten Stimmen wurde von den Wänden wiedergeworfen, als wollten die Steine ebenfalls die Stimmen erheben und sich am Gesang beteiligen. Dem einsamen, kaum bekleideten Menschen lief es kalt über den Rücken. Sie sangen einen lateinischen Refrain, den er genau so wenig verstand wie den Sprechgesang seines werdenden Machers.

Es schien Ewigkeiten zu dauern. Farmund wollte nur noch, dass es endlich vorbei war. Dieses schlichte Warten auf den Biss und den Tod, das war am Allerschlimmsten.

Dann war Stille. Der Blutdämon kam wieder ins Blickfeld, als er ebenfalls niederkniete. Welch ungeheure Angst hatte Farmund, als die Arme des Untoten nach vorn griffen, die weißen langen Hände sich um ihn legten und die Zähne herabkamen und die Kapuze das Kerzenlicht ausblendete.

~~~*~~~

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Unter der tieffallenden Kapuze, in die nur Farmund hineinblicken konnte und sonst niemand, wandelte sich das maskenartige Gesicht des Bluttrinkers und zeigte tiefe Besorgnis. Der Blutdämon hielt inne. Er zögerte. Und druckste dann herum. Er war nämlich sehr nervös.
Wie unerfahren und nervös war sein Macher. Und wie ewig lange hielt er ihn nur in den Armen und versuchte, ihn zu beruhigen, anstatt bei Gott und Teufel endlich die Fangzähne einzusetzen und es einfach hinter sich zu bringen.

Was der nicht alles sagte. Der Dämon wollte nichts falsch machen. - Ach du Schande. Es war das erste Mal, dass der Bluttrinker einen neuen Blutdämon erschuf. Er wollte ihm nicht mehr wehtun als notwendig. - Der konnte versichert sein, das Weh war ihm inzwischen schon ganz egal. Der Bluttrinker mochte als untotes Wesen schon sehr lange existiert haben, aber an sterblichen Jahren war er wesentlich jünger als er. Darum erschien es ihm auch wichtig, sich nicht zu blamieren. Nicht zu blamieren! Das hatte er jetzt noch gebraucht. Ob irgendwo in den Schatten schon die Armeen der Hölle lauerten, um ihre lodernden Klauen nach seiner Seele auszustrecken?

„Du hast bisher auch alles richtig gemacht. Du wirst den Rest auch schaffen. Ob dein Biss wehtut, ist mir jetzt gleich. Siehst du, ich laufe nicht weg.“ Wohin auch? Überall waren Bluttrinker. Und jetzt, wo das Ritual im Gange war, war es ohnehin zu spät. „Tu einfach wie dir geheißen, auf dass ich es hinter mir habe. Es ist schon gut.“

Jetzt musste er den Dämonen beruhigen, der sein Blut trinken sollte.

Wie sich herausstellte, war dem Dämon damit noch nicht genug Mut zugesprochen. Zwischen ihnen entflammte alsbald eine geflüsterte Diskussion. Was für ein Anblick mussten sie gewesen sein, wie sie da aufeinander einredeten. Eine Zeitbegrenzung gab es in dieser Phase der Zeremonie offenbar nicht. Niemand kam, um einzugreifen. Keiner erhob die Stimme. Sie blieben in ihrer gestenreichen, geflüsterten Debatte vollkommen ungestört.

Es fruchtete nichts. Der störrische Blutdämon druckste weiter nur herum und ging ihm mit seinem Geschwätz auf den Geist.

Der Bluttrinker hatte auch Angst, sich selbst die Adern zu öffnen. Im Laufe der Zeremonie musste er sich nämlich selbst beißen, damit Farmund von ihm trinken konnte. Davor schauderte es ihm. - Wie es schien, hatte der Blutdämon kein Problem damit, das Blut anderer zu sehen. Aber bei seinem eigenen sah das anders aus.
„Bi dem sch...swaisse unseres Herren! Bi des Bogks Zern!“ [mittelhochdeutsch: Bei der Sch***...dem Schweiße unseres Herrn! Bei des Bocks Schwanz!] Nicht auszudenken, was mit ihnen beiden passieren würde, wenn sie es vermasselten und die Mächte der Hölle, deren Wirbelwind bereits um den Kreis jagte, um den Abschluss des Ritus betrogen wurden, zu dem sie auf den Plan gerufen waren. Wie Farmund da schon die Panik jagte! „Dû loter! Daz dich der Teuffel schende! [Du Taugenichts! Dass dich der Teufel schände!]“
„Das hat er vor Jahren schon!“, gab der Blutdämon hitzig zurück. „Davon sind die Zähne von! Und selber loter!“
„Daz dich Gots Lichname schende! [Dass dich der Leichnam Gottes schände!]“ korrigierte sich Farmund. Es war Ostersonntag.
„snurraere!“
„dû giemolf!“
„narre!“
„vrevel snûdære!“
[Selber Taugenichts! Bettelmusikant! Narr! Du maulaufreißender Possenreißer! Unverschämter Trottel!]

„Halt's Maul und tu's endlich! Ich vergehe sonst vor Angst!“ Er musste ihm direkt Anweisung erteilen, ihn endlich in den Hals zu beißen.

Farmund beendete die Auseinandersetzung letztendlich, in dem er dem Dämonen genau sagte, was er zu tun hatte. Stütze den Hinterkopf ab, setze die Zähne an die Schlagader an. Wie man zubeißt, weißt du doch oder? Oder du wärst längst verhungert.

Als Farmund schließlich den Kopf zurücklegte und der Blutdämon das Körpergewicht verlagerte, um endlich zu tun, was er tun sollte, war es vollkommen still. So als wären die anderen Bluttrinker dort draußen überhaupt nicht da. Er spürte, wie sich die Lippen des Blutdämons auf seinen Hals legten. Sie vibrierten leicht in Nervosität und Aufregung und waren wärmer, als er erwartet hatte. Ob der Bluttrinker sich warm geredet hatte? Der Blutdämon setzte mit den Fangzähnen an. Ihre Spitzen drückten leicht in die Haut direkt über der pulsierenden Schlagader. Einen Augenblick noch hielt er inne. Dann biss er zu.

Farmund schnappte nach Luft.

Der Biss tat gar nicht so weh. Er hatte mit viel mehr Schmerz gerechnet. Er konnte deutlich wahrnehmen, wie das Blut aus seinem Hals floss. Und da war der leichte Sog durch die Schluckbewegungen des Dämons, der den Blutfluss regelmäßig verstärkte. Doch irgendwie war es nicht mehr möglich, jetzt noch in Panik zu geraten. Nicht nach dem er wusste, wie viel Angst der Dämon selber hatte.
Vorsichtig stützte eine blasse Hand Farmunds Hinterkopf, der andere Arm hielt ihn umfangen. Der schwarze Stoff fühlte sich auf seiner nackten Haut an wie warmes Eis. Die Bewegung der Lippen jagte warme und kalte Blitze über seinen Leib. Nein, jetzt tat es überhaupt nicht mehr weh. Ja, auf eine eigentümliche und erschreckende Weise war es sogar erregend. Hitze wallte in ihm hoch. Seine Finger krallten sich in den schwarzen Stoff. Er wurde hart. Das hatten sie nicht gesagt. Oder hatten sie?

Der Biss erregte Lust in den Menschen. Sie versanken in einem tiefen Rauschzustand. Er erinnerte sich. Doch er fiel nicht so tief in Rausch, glaubte er, weil er ja aufpassen musste, dass alles richtig geschah. Der Blutdämon war ja so nervös.
Letztendlich stillte dann ein Lecken mit der Zunge den Blutfluss. Farmund schauderte. Er begriff, was die Gefahr war. Es hätte ihn nicht mehr gestört, wenn er weiter getrunken hätte. Immer weiter und weiter, bis kein Blut mehr übrig war. Das war wahrhaftig die Verführungskraft Satans.

Doch dieser Blutdämon würde ihn nicht aussaugen.

Der Spielmann blinzelte, schüttelte mit einer leichten Kopfbewegung den Rausch ab. Unter dem wallenden Stoff der Robe abgeschirmt vor den fremden Blicken fanden ihre Finger zueinander. Kurz hielt der Blutdämon seine Hand, blickte ihm ins Gesicht. Furcht zeigte sich keine mehr, nur wachsame Konzentration. Farmund drückte sie, wie um zu sagen: Alles ist gut, ich bin in Ordnung. Der Bluttrinker ließ los, führte das eigene Handgelenk hinauf zu seinem Mund. Farmund zuckte bei dem Anblick zusammen, als der Dämon es tatsächlich tat und sich selbst ins Handgelenk biss. Auf der Stelle begann dunkles Dämonenblut zu fließen. Blutstropfen fielen auf Farmund nackte Brust. Eine dunkelrote Spur blieb zurück, als das Handgelenk näher kam.
Das Blut war rot wie bei einem Menschen. Es war nicht einmal schwarz.
Er konnte ihm wohl kaum antun zu zögern. Farmund umfasste das bleiche Handgelenk mit den eigenen Händen, presste die Augen zu und schloss die Lippen um die Wunde.

Er hatte erwartet, dass das Blut des Dämons grauenhaft schmecken würde. Aber das tat es nicht. Wie hatte es eigentlich geschmeckt? Er hatte es erstaunlich wenig in Erinnerung. Nur an die Wirkung, an die erinnerte er sich. Schon mit dem ersten Tropfen begann ein irrer Reigen der Sinne, eine Erregung sondergleichen, ein Rausch wie Glückspilze, Tollkirsche und Nachtschatten gemeinsam. Mit Worten ließ es sich kaum beschreiben.

Allerdings war er immer noch genug im hier und jetzt, um zu bemerken, wie sich der gesamte Leib des Blutdämons in Schmerzen verkrampfte. Und nach kaum zwei Schluck wurde ihm die Blutquelle wieder entzogen. Farmund deutete auf das verwundete Handgelenk, blickte seinen werdenden Macher scharf an und befahl den Arm wieder zu sich. Der Blutdämon zitterte am ganzen Körper, Schweiß stand ihm im bleichen Gesicht. Auch Farmunds Herz schlug wild. Er wollte nicht daran denken, was gerade seine Kehle hinuntergeronnen war. Einen Augenblick lang schloss der Blutdämon die Augen, dann gab er ihm das Handgelenk wieder zurück. Farmund zog die Wunde zu seinen Lippen, bevor er sie zu deutlich sehen konnte und begreifen konnte, was er hier eigentlich machte.

Der Kopf des Blutdämons kippte nach hinten und das weiße Gesicht verzerrte sich in Schmerz. Aber diesmal ließ er es geschehen. Dann nahm Farmund nichts mehr wahr, nur den Rausch.

Stille.

Schweben in einem wunderbaren Nichts.

Die letzten Schauer des Rauschs allgegenwärtig, er lag betäubt und reglos. Nur ganz vage merkte er, wie er auf den kühlen Stein gelegt wurde.

Zuerst langsam und kaum merkbar kroch es heran. Und dann wuchs es immer schneller und immer mächtiger. Bis ihn ein Gewitterregen überraschte, ein wütender Sturm wie die persönliche Rache Gottes. Der Schmerz machte ihn wieder wach. Nur um ihm anschließend alle Sinne zu rauben.

Hier setzte sein Gedächtnis aus. Er wusste nur noch, dass er geschrien hatte.

Irgendwann, als die Agonie endlich vorbei war, lag er flach und erledigt im Staub, die steinerne Decke der Halle weit über sich. Sein Erschaffer lag vollkommen erschöpft neben ihm. Die schwarzen Kerzen waren weit heruntergebrannt. Das Knistern ferner Fackeln war laut, als bräche ein Mann direkt neben seinem Ohr Äste. Der Stein der Decke schien zu wachsen und auf ihn zu zu kommen. Jeder einzelne kleine Riss und die kleinste schillernde Bruchkante waren deutlich sichtbar und wurden größer und größer. Die Decke kroch immer näher heran, als könne er sie mit Händen greifen. Die Halle war die gesamte Welt und jeder Stein ein Berg und eine Stadt. Und sie beide, sein Macher und er, waren im Weltall allein. Doch natürlich waren sie nicht allein. Irgendwo weit hinten mussten noch die anderen Bluttrinker sein. Wenigstens hatte auch sein Macher große Schmerzen erdulden müssen. Das gehörte ja auch dazu bei einer so unheiligen Zeremonie wie dieser hier, nicht wahr?

Mühsam drehte sich sein Macher zu ihm herum und zog ihn mit vibrierenden Armen in eine enge Umarmung. Farmund umarmte ihn zurück. Früher hätte er sich gescheut, aber jetzt war er ja auch ein Dämon. Ja, auch seine Arme waren nun ganz weiß. Und sie hielten einander fest. Er war sich nicht einmal sicher, wer hier eigentlich wen festhielt.

Endlich stemmte sich sein Macher hoch, schob die Arme unter seinen neugeborenen Zögling und hob ihn hoch in seine Arme. Ansonsten hätte sich Farmund das wohl kaum gefallen lassen, aber nun war er zu ermattet für Gegenwehr.
Jetzt kam die Prüfung, sagte ihm sein Erschaffer. Wusste er bereits, war ihm egal. Er war müde.
Sein Creator trug ihn an der Menge schweigender Kutten vorbei und dann einen steinernen Gang entlang. Die Flammen der Fackeln, sie tanzten selbst hinter den geschlossenen Lidern. Schemenhafte Fratzen formten sich auf dem Stein und verblassten wieder. Flackernde Finger und Bocksfüße streckten sich aus dem schwarzen Nichts der dunklen Ecken. Im unsteten, flackernden Licht tanzten Legionen von Schatten über die irdenen Strukturen, krochen aus Ritzen und Rillen, jagten einander keck, rauften und verschmolzen miteinander und flohen in die Ritzen und Rillen zurück. Die verrückten Schatten, die jetzt wie Lebewesen tanzten, waren das Geister und Dämonen? - Ja, war die Antwort. Farmunds Verwandlung sei im vollen Gange und dadurch stünden Pforten zum Unsichtbaren offen, über die der dunkle Zauber aus der Hölle wirke. Doch diese Pforten würden sich später wieder schließen. Die Schatten könnten ihm nicht schaden, die große Kraftentfaltung sei schon vorbei.

Ein dämmrig erleuchteter Raum tat sich auf. Und abermals spürte Farmund Wasser auf seiner Haut. Noch einmal wurde er von fremden Händen gewaschen. Müde wie er war, ließ er es geschehen. Das einzige, was seine eng gewordene Aufmerksamkeit noch beschäftigte, waren all die schattenhaften Gestalten, die um das Licht der einzelnen Fackel huschten. Es dauerte nicht lang, dann zog sein Erschaffer ihm eine frische Kutte über. Und weiter wurde er getragen durch in Fels geschlagene Korridore. Kein Bluttrinker war zu sehen. Nur die flackernde Horde an Geistern und Dämonen folgte ihnen.
Angekommen in einem engen, dunklen Raum ließ sein Macher ihn in einen Sarg gleiten, schloss den Deckel über ihn und begann klirrende Ketten um den Sarg zu zurren.
Finsternis. Endlich waren all die Farben und Formen weg und auch die verrückten Schatten.

„Das du mir ja wieder herauskommst. Sonst waren all die Schmerzen umsonst,“ sagte sein Erschaffer noch. Na dann.

Dann ging er fort. Es war völlig finster und still. Endlich hatte er Ruhe. Wie war er froh.

Lange Zeit lag er still. Er wusste nicht, wie lange. Irgendetwas ging in ihm vor. Er spürte es in seinem Fleisch, in jedem Knochen. Und er hörte sein Blut rauschen. Es kribbelte. Als er kräftiger wurde, tastete ab und zu über die Innenwände des Sargs, um seine Glieder etwas zu bewegen. Wie fein er die Maserung unter seinen Fingern fühlen konnte. Noch immer fühlte er sich sehr wohl dort, wo er war. Hier war er sicher vor all Fackelschatten und den Formen und den Farben. Er lag wieder still. Nur Geräusche waren da. Die Geräusche der Kinder der Nacht ein paar Mauern weiter, wie sie redeten, wie sie sangen und beteten. Zuerst hörte er sie nur leise murmeln. Dann hörte er sie immer lauter. Und lauter. Ihre Stimmen wurden immer zahlreicher. Schließlich lärmten sie ihm schon zu viel. Sie sollten still schweigen! Aber das taten sie nicht. Also gewöhnte er sich mit der Zeit daran. Stundenlang tastete er über das Holz. Jedes Mal fand er Details, die er vorher noch nicht entdeckt hatte. Zwischendurch schlief er dann wieder. Endlich war Schluss mit der Anspannung. Niemand, der ihn schimpfte. Niemand, der ihn betatschte. Er musste keine Angst mehr haben, denn den Tod hatte er schon hinter sich. Momentan passierte nichts Schlimmes. Es war alles sehr friedlich.

Das sollte sich ändern. Als der Hunger kam.

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Zuerst war das Gefühl nur leicht. Dann wurde es stärker. Und noch stärker. Es war nicht einfach nur ein Knurren und Poltern im Magen wie sonst. Dieses Gefühl war viel mehr als das. Ein ziehender Schmerz breitete sich im ganzen Körper aus, der immer stärker wurde. Es war, als krieche ein Haufen teuflischer Schlangen durch alle seine Adern, die sich krümmten und wanden und sich unentwegt überall verbissen. Ein umfassendes Gefühl der Leere stellte sich in ihm ein. Ein Sog, der überall war und nirgends, der alle Aufmerksamkeit forderte und sich nicht ignorieren ließ, so wie der Magen es nie vermocht hatte.

Und als er dann dachte, es ginge nicht mehr stärker – wurde es noch stärker.

Aber noch war der Hunger ungerichtet. Da war kein Appetit nach Essen. Irgendwie existierte der Hunger nur als solcher, als wäre er sich selbst genug. Als wäre er nur da, um ihn zu plagen, wie geschickt direkt aus der Hölle heraus. Die verdammten Seelen dort unten konnten ja auch nichts mehr essen. Es war schrecklich. Es war ungeheuerlich.

Und dann begannen seine Eckzähne zu wachsen.

Das Zahnfleisch wurde heiß, es stach, es pochte. Dumpfer Druck im Kiefer, bohrender Schmerz in den Zähnen. Er stach sich dauernd mit den wachsenden Spitzen in die Zunge. Und in die Wangen auch. Ein Laut von Pein und Leid kam von diesem Wesen, dieser Kreatur, die da lag im Sarg eingesperrt, eingehüllt in Finsternis und mit Ketten gehalten; nicht mehr lebendig, aber auch noch nicht ganz tot. Blut sickerte durch das gefolterte Zahnfleisch, das wachsendem und heranreifendem Zahnbein weichen musste. Aber noch schmeckte das Blut für den Gaumen nicht süß, noch rauschte der rote Lebensquell nicht verlockend in den Ohren, noch blähte sich nicht die Nase nach dem Geruch von verlockend warmen Menschenfleisch. Es war noch nicht soweit. Für eine Zeit, die er nicht messen konnte, musste er den Kiefer geöffnet halten, den Mund weit in die dräuende Dunkelheit aufgesperrt. Knochen und Muskeln zerrten und zogen. Sein Atem stockte, Tränen aus Schmerz liefen unsichtbar über seine Wangen herab. Schließlich hatten sich auch sein Kiefer und seine Kiefermuskeln umgebildet und er biss sich nicht mehr dauernd selbst. Er konnte die Lippen wieder schließen.

Und dann, ziemlich plötzlich, kam es.

Es war sehr rasch. Es musste innerhalb weniger Herzschläge gewesen sein. Er wurde vollkommen davon überwältigt. Es war genau das, was er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Da war mit einem Schlag nichts mehr außer dem einen, außer der blinden, wütenden, reißenden, brüllenden Gier nach Blut. Lebendiges Blut. Menschenblut. Blut, das pochend und berauschend durch die Adern floss.

Er konnte den Menschen direkt vor sich sehen, den er begehrte, konnte sehen, wie das Blut unter dessen Haut pulsierte. Die Vorstellung füllte den gesamten Geist aus. Er konnte dieses Blut da draußen fühlen. Nicht weit entfernt, aber auch nicht ganz nah.

Die reißende Bestie wuchs und wuchs und erstarkte immer mehr und ebenso rasch schmolzen Verstand und Geist dahin. Nicht, dass er ernsthaft versucht hätte, dagegen anzukämpfen. Er wusste ja, dass das so kommen musste. Diese Bestie sollte ja wachsen. Das war die eigentliche Verwandlung. Ohne sie würde er hier nicht wieder herauskommen.

Die Bestie begann in ihrem Gefängnis zu toben. Es schrie.

Und er brüllte so laut, dass seine eigene Ohren taub wurden.

Dann war da plötzlich kein Widerstand mehr. Zackige Holzbretter bohrten sich in seinen Rücken. Er wälzte sich in eisernen, kalten Ketten. Die Bestie tobte weiter. Es streifte nacheinander alle Ketten ab, erhob sich auf die Beine und jagte der Quelle des Bluts entgegen - direkt gegen die Mauer.

Aufprall, Schmerz. Plötzliches, gleißendes Licht.

Der Krach donnerte in den Ohren. Schmerz glühte in den Fäusten. Überall lagen Backsteintrümmer auf dem Boden. Das Licht ließ ihn blinzeln und taumeln. Er roch Blut. Blut! Und während sich seine Augen noch an das Licht gewöhnten und die Bestie das Gleichgewicht suchte, ergriffen ihn Hände von allen Seiten. Wild kämpfte er gegen den Griff an. Da war eine solche Gewalt ihn ihm, dass er beinahe alle Hände wieder abgestreift hätte. Er hörte sein Brüllen von den Wänden widerhallen. Seine eigene Stimme war irgendwie anders, lauter, voller und mit einem seltsamen Nachhall. Und der Geruch nahm zu. Das Pochen in den Ohren wurde stärker. Er sah, wie sie einen bewusstlosen Körper herbeischleiften. Das war der Ursprung. BLUT! Das war der einzige Gedanke, das einzige Wissen.

Die Hände ließen los.

Er sprang. Niemand musste ihm zeigen, wo. Niemand wusste ihm zeigen, wie. Die Instinkte hatten vollkommen die Kontrolle übernommen. Mit einem großen Satz war er über der Beute und tat das erste Mal, was er fortan Nacht für Nacht tun sollte. Er holte aus, sperrte den Mund weit auf und schlug die Fangzähne tief in den Hals des bewusstlosen Körpers. Und schon hatten sich die Lippen auf die Wunden gepresst und er trank und trank und trank.

Das gesamte Universum war auf diese eine Empfindung beschränkt. Gieriges Saugen. Der rote Quell ein Hammerschlag gegen seine Kehle. Wie süß und köstlich war der Lebenssaft. Das feuchtes Pochen dröhnte ihm in den Ohren, dieser Klang des menschlichen Herzens, das ihm lebendig und warm den herrlichen Quell entgegensprudeln ließ. Und er suchte mit einer solchen Gewalt nach mehr, dass das Herz des Opfers stotterte, kaum noch Schritt halten konnte. Er fühlte den unregelmäßigen Atmen und das Zittern des ohnmächtigen Menschen unter ihm. Völlig versank er in der Ekstase seines Blutmahls.

Plötzlich erhielt er einen gewaltigen Schlag gegen die Schläfe und stürzte zur Seite. Er wurde von der Beute gelöst, bevor er den Tod schluckte.

Noch immer war die Gier ungebrochen. Er wollte wieder zurück. Er wollte Blut. Aber schon war da ein weiteres Opfer. Sofort drehte er ab und machte er sich über den zweiten Menschen her. Reue gab es nicht. Dazu war die Gier zu groß. Tief senkte er die Zähne in die Schlagader.

Man musste ihn auch vom zweiten Opfer gewalttätig lösen. Danach dauerte es etwas, bis man ihm weitere Opfer heranschafft hatte. Allerdings war er jetzt nicht mehr ganz so schwer festzuhalten. Dennoch bekam er noch nicht viel davon mit, was sie sagten oder taten. Er fing sich etliche Schläge gegen sein Gesicht ein, weil sie ihn von ihren eigenen Adern fernhalten mussten. Insgesamt nahm er das Leben von fünf Menschen in dieser Nacht. Vom letzten Opfer konnten sie ihn dann ruhig, aber energisch zurückziehen.

Dann endlich erhob er sich und blickte um sich und da war nicht mehr der rote Schleier vor seinen Augen. Endlich war das Monster befriedigt und zog sich in den Hintergrund zurück. Soeben hatte er das Blut von fünf Menschen getrunken. Er war neugeboren als Blutdämon. Und noch immer bebten in ihm Rausch und Schwindel als Ergebnis dieser Gier. Endlich waren die Adern gefüllt, endlich strömte das Leben durch seinen Leib, der nun reif und fertig umgewandelt war.

Und es fühlte sich gut an.

Er war umringt von lauter neuen Brüdern, die ihn nun umarmten und freudig willkommen hießen. Er hatte es geschafft. Er war zum vollwertigen Kind der Nacht geworden. Nun gehörte er zu ihnen.

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Doch halt, ganz vorbei war die Zeit der Prüfungen noch nicht. Plötzlich wurde er still.

Die Dämonen wichen auseinander und ein Alter trat durch ihre Reihen heran. Seine Haltung und seine Ausstrahlung markierten ihn deutlich als Anführer. Es ließ sich nicht an etwas Bestimmten festmachen, aber der Alte – 60 Menschenjahre mochte er äußerlich zählen - strahlte eine Kraft aus, die unverkennbar stärker war als alle anderen. Direkt vor Farmund blieb der Alte stehen und äugte zu ihm hinauf. Eine Hand schoss hoch zu seinem Kinn und drehte sein Gesicht hin und her. Der Alte betrachtete ihn abschätzend, wie ein Stück Fleisch, das am Haken hing. Die Stärke der Hand war unnatürlich, hart wie Fels am Grundstock eines Gebirges. Als er ihn endlich losließ, hinterließ er bei ihm das Gefühl, Glück gehabt zu haben, nicht gleich wieder fortgeworfen zu sein.

„So“, knurrte der Alte. „Du bist also herausgekommen, was? Wir werden sehen. Wir werden sehen.“

Damit ging er wieder.

Seine neuen Brüder sicherten ihm zu, dass der Meister nur am Anfang so gemein sei. Später würde er dann freundlicher werden. Farmund beschloss trotzdem, dass mit dem Meister nicht gut Kirschen essen sei. Vom Ordensmeister Alberich sollte er seinen Spitznamen erhalten. Denn der nannte ihn konsequent nur „den Spielmann“.
Noch lange sollte er schweißgebadet sein, wenn wieder einmal der Ruf durch die Gänge hallte: „Holt mir DEN SPIELMANN HER!“

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Lehrzeit unter Alberich von Trier
Media in vita in morte sumus

Inmitten des Lebens sind wir vom Tode umfangen. Notker I. von St. Gallen (840-912).

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Wie alle Anwärter der Finsternis war Farmund, so wie es der Brauch verlangte, direkt nach seiner Wiedergeburt in einem mit Ketten fixierten Sarg eingemauert worden, so lange, bis er sich befreien konnte. Eine Prüfung, ob er stark genug sei. Er musste sich erst als geglückte Umwandlung beweisen. Schwache, labile oder verrückte Vampire konnten die Kinder der Nacht nicht gebrauchen. Er überlebte die Prüfung unbeschadet und sehr hungrig. Man hatte ihn schon oft ins Gefängnis geworfen, gedroht ihn einzumauern und Hunger hatte er auch immer schon gekannt. Nach wenigen Nächten war er wieder draußen.

Das war das Ritual, das als das Allergrausamste galt und das die Ungläubigen den Kindern der Nacht zu allen Zeiten am meisten vorwarfen: Die Teufelsdiener ketteten ihre Neugeborenen in Särgen fest und mauerten sie ein. Der offiziellen Doktrin zufolge eine Marter, die ihnen Demut einschärfen und sie für den Dienst am Satan vorbereiten sollte. Ein Test, ob sie Überlebenswillen genug hatten, ganz dem Teufel zu gehören. Nur der gierigste und dämonischste Hunger konnte sie dafür prüfen und so sollten sich aus eigenen Kräften aus ihrem Gefängnis befreien. Und wenn nicht – dann blieben sie eben eingeschlossen.

Doch selbst dieses Ritual war niemals reiner Wahn, sondern hatte durchaus Logik und Sinn. Die Ordensvampire lebten eng gedrängt in Grüften und Katakomben, als langzähnige Raubtiere, die einander nicht ausweichen konnten. Nacht für Nacht stolperten sie in schmalen Tunneln übereinander. Sie konnten es nicht gebrauchen, dass ein labiler oder schwacher Vampir ihre Gemeinschaft störte und die ausbalancierte Gruppendynamik des Ordens aus dem Gleichgewicht brachte. Sie mussten sichergehen, dass ein Neuzugang nicht nur zu ihnen passte, sondern auch stabil und widerstandsfähig genug war für das Leben in der Nacht. Und das taten sie auf rabiate, aber wirksame Weise.
Wer sich nicht befreien konnte und nur noch schwächer wurde und vor sich hin litt, wurde nach einer gewissen Frist erlöst. Das stand nirgendwo in den Gesetzen und wurde den Anwärtern auch nicht gesagt. Das taten die Meistervampire einfach so. In solchen Fällen war die Auffassung, dass ein Irrtum vorgelegen haben müsse und die Person gar kein Bluttrinker sein sollte, oder dass die arme Seele durch die Nati Noctis das Fegefeuer erlitten hätte und nun gereinigt in den Himmel aufsteigen könne.

Nach dieser ersten Prüfung waren die Teufelsdiener dann auch wieder gnädig, auch wenn dieser Teil des Brauchs von ihren Feinden nicht erzählt wurde: Farmund bekam seine erste Beute direkt vor die Zähne geliefert, er musste sie nicht erst erjagen. Und die ersten Opfer des rasenden jungen Vampirs wurden gut dosiert bewusstlos geschlagen, damit sie nichts mitbekamen.

Der Erschaffer des Spielmanns war ein untergeordnetes Mitglied des Ordens. Die ersten Wochen brachte er ihm einige grundlegende Dinge bei, wie etwa richtig zu jagen, sich richtig zu Tage zu betten und die Gefahren, vor denen sich ein junger Bluttrinker in Acht nehmen musste. Über die folgenden Jahre bemessen war für den jungen Novizen jedoch sein Ordensmeister viel wichtiger, sein neuer Gebieter, von dem er auch seine Ausbildung erhielt.

Alle Ordensmitglieder ließen Farmund in den ersten Wochen besondere Aufmerksamkeit zukommen. Man belehrte ihn in den Gesetzen und der Doktrin, erläuterte ihm ihre Pflichten im Dienste des Teufels als Verführer und Prüfer der Menschheit und unterrichtete ihn in der Geschichte der Kinder der Nacht. Was ihre Aufgabe in der Welt betraf, erzählten sie ihm da nichts Neues. Und mit der Verdammnis hatte er sich schon vor Jahrzehnten abgefunden und ganz gut damit gelebt. Dann musste er sich noch die Namen der anderen Ordensmitglieder merken. Innerhalb der Verdammnis sollte er mit ihnen eine verschworene Gemeinschaft bilden, unter der Führung von Alberich, ihrem Meister.

Der Meistervampir war routiniert in seiner Rolle. Er verstand es, seine Jünger zu disziplinieren und anzufeuern und stellte sich letztendlich als fürsorglicher heraus, als er Anfangs gewirkt hatte. Er hatte auf alle Fragen eines Neugeborenen eine Antwort, und wenn keine Antwort, dann zumindest Trost. Endlos duldsam gegenüber den Neulingen, gnadenlos bei vermeidbaren Fehlern und bissig-ironisch gegenüber der Welt. Meister Alberich war alt und erfahren, wie so viele von ihnen böse aufgrund von Vorherbestimmung, nicht aufgrund von Entscheidung. Er lehrte die Doktrin, weil sie ein Teil einer göttlich bestimmten Welt war und er schuf in jedem die Motivation, sich zu verbessern und die Neugierde, über sich selbst hinauszuwachsen. Und er brachte einem bei, gewisse Fragen besser nicht zu stellen, zum Beispiel: Warum ich? Denn die einzige Antwort darauf war: Darum.

Meister Alberich gab dem Novizen einen Platz, in dem er ihn ermunterte, sein musikalisches Talent zu nutzen und der Spielmann des Ordens zu sein. Er gab ihm sogar die Sondererlaubnis, wieder seine alte farbenfrohe Kleidung zu benutzen, als er sehen konnte, dass er damit besser musizieren konnte. Er musste nicht die üblichen schwarzen Kutten tragen. Unter Alberich lernte Farmund rasch, selbst Dinge, die er niemals für möglich gehalten hatte, z.B. das Lesen. Der Meister hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, dass auch ein Kind der Nacht, das in höherem menschlichen Alter zum Bluttrinker geworden war, noch lesen und schreiben lernen konnte. Und Farmund hielt dies für unmöglich. Niemals würde er das können. Lesen, das Wissen der feinen, gelehrten Leute! Er war ein einfacher Charakter, er war auf der Straße aufgewachsen. Nie, nie würde er das können - und doch, doch. Schon bald lernte Farmund beflissentlich und eilig.

Farmund mochte für seinen Zeit ein alter Mann sein und meinen, so leicht sei er nicht zu beeindrucken. Aber vor dem Ordensmeister parierte er. Wie er Jahre später erfahren sollte, viele Meistervampire zögerten vor der Umwandlung so alter Menschen wie Farmund, weil sie schwieriger zu kontrollieren waren. Nicht so Alberich. Der freute sich nur, denn Kandidaten, die ein komplettes menschliches Leben hinter sich hatten, wurden zu guten, starken Vampiren.

„Der alte Hütehund“, wie sie Alberich nannten, wenn er sie nicht hören konnte oder sie das zumindest glaubten, duldete kein Zaudern und kein Zweifeln, kein Verharren in alten menschlichen Beschränkungen oder Vorurteilen. Er bellte seine Befehle und trieb seine Schäfchen herum, wie er wollte. Er sah, welche Talente in einem jungen Vampir schlummerten und peitschte ihn dann gnadenlos dorthin. Alberich brachte jedem seiner Jünger das Lesen bei, der nur halbwegs intelligent genug dafür schien. Und natürlich Latein, denn das war die Allgemeinsprache der Kinder der Nacht und die Sprache der Schrift. Jeder musste Latein können.

Nachdem er also auf dem Weg war, den Spielmann zu einem Gelehrten zu machen, stellte der Ordensmeister auch fest, dass der Neuzugang über große Kräfte verfügte, sowohl an Muskelkraft als auch an Magie, wie sie den Bluttrinkern angeboren war (geschärfte Sinne, Telepathie). Nun, das war nichts Überraschendes. Schließlich hatte er den Musikanten genau deswegen ausgewählt, weil er das erwartet hatte.
Nach entsprechender Befragung war dem Meister auch klar, dass Farmund mit dem Langen Messer zu fechten beherrschte, was er mit zufriedenem Knurren quittierte. Das Fechten hatte Farmund als Mensch von einem alten ausgedienten Kriegsknecht gelernt, mit dem er einige Jahre umhergezogen war. Das Leben auf den Straßen hatte ihn auch viele Schläge und Tritte gelehrt und an Finten und Hebeltechniken noch mehr. Er konnte also kämpfen. Und er war reisekundig und besaß gute geographische Kenntnisse. Daraufhin war die zukünftige Aufgabe schon einmal klar. Alberich begann ihn weiter zum Vampirboten auszubilden.

Draußen vor der Stadt, außerhalb des Territoriums des Ordens, begann eine andere Welt, in der das Gesetz der Wildnis herrschte. Dort streiften nicht ordensgebundene Blutdämonen umher und das einzige Recht, das dort unter einsamen Wölfen und unorganisierten, hungrigen Horden galt, war das Recht des Stärkeren. Boten liefen immer Gefahr, überfallen und ausgesaugt zu werden. Doch Farmund würde fähig sein, sich seiner Haut zu erwehren.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Farmund ein richtiges Zuhause. Zum ersten Mal stand er nicht außerhalb der Gesellschaft und wurde nicht verachtet für das, was er war. Die Kinder der Nacht waren die erste Heimat, die er je hatte und die Zuwendung seines Meistervampirs die erste, die er dauerhaft und ehrlich von einem Höherrangigen erhielt. Seine Bindung an den Orden wurde sehr rasch sehr eng. Die Gesetze der Kinder der Nacht mochten drückend streng und grausam sein, doch darin unterschieden sie sich im ausgehenden Mittelalter kaum von den Gebräuchen der Menschen.

Der Stundenplan war voll. Gemeinsame Jagd mit seinen Ordensbrüdern, gemeinsame Gesänge und Gebete, Übungen in Laufen, Springen und Klettern. Lehrstunden in den Ritualen. Lehrstunden in Latein. Ringkämpfe unten in den Hallen. Zeit, damit er Musik dichten konnte. Arithmetik und Geometrie. Du hast das hier fertig gelesen? Gut, dann kannst du gleich mit dem hier anfangen. Und dann, nach der Jagd, übst du das Springen, zusammen mit deinen Brüdern. Ihr seid vom Gebet der neunten Stunde befreit. Los! Meister Alberich brachte den jungen Bluttrinker an seine Grenzen. Und dann darüber hinaus, damit er weiter wuchs.

Im Übrigen hatte Farmund tatsächlich nur Brüder. Im Orden gab es keine Frauen. Mit ihnen konnte Alberich nichts anfangen. Er war der Meinung, sie sollten in eigenen Orden leben.

Bald fiel Alberich ein, den Novizen, kaum dass er seine übernatürlichen Kräfte in Grundzügen kennengelernt hatte, auch schon einmal allein auf Reisen zu schicken. Da stand Farmund im großen Saal vor dem Meister und fühlte, wie ihm in seiner Nervosität das Herz bis zum Hals schlug. Der junge Bluttrinker, der sich als Mensch so sehr in den Katakomben unter dem Friedhof gefürchtet hatte, wollte nun von dort nicht mehr fort. Das war dem Meister sehr egal. Nach Meintz (Mainz) sollte er und wieder zurück. Mit einem Brief. Das war die Feuerprobe.

Natürlich war Farmund stolz und er fühlte sich geehrt. Doch hatte er auch Angst. Er musste ja in der Nacht reisen und am Weg musste er durch den Wald. „Aber im Wald sind ja die Räuber, da kann man ja in der Nacht nicht hindurch,“ sagte der Novize naiv.
Alberich starrte ihn einige Augenblick lang an. Dann verfiel er in donnerndes Gelächter. Alle Brüder in der Nähe stimmten mit ein. Dort sind die Räuber, da kann man ja in der Nacht nicht hindurch! Bald wusste es der ganze Orden. Im Wald, da sind die Räuber. Da kann man ja nicht hin.
Alberich beugte sich vor. „Sei froh, dass sie da sind, Jungchen. Sie sind die Wegzehrung. Sonst müsstest du unterwegs hungern.“
Farmund hätte im Erdboden versinken können.
Seine dumme Aussage sorgte noch nächtelang für allgemeine Heiterkeit. „Im Wald, ist es da nicht gefährlich?“ äfften sie. „Ja, Spielmann, wenn du da drin bist, dann schon!“ riefen seine Brüder. „Steck' den Daumen in den Mund und beiß' dich selbst. Damit du dich erinnerst!“
Als Abschiedsgeschenk bekam er noch ein neues Langes Messer von erstklassiger Qualität, wo auch immer der alte Ordensmeister die Waffe aufgetrieben hatte. Damit würde der Spielmann im Ernstfall kämpfen. Die Botschaft war klar: Schaff es oder werde vernichtet. In dem Fall will ich es gleich wissen, damit ich nicht noch mehr Zeit mit dir verschwende.

Farmund bewährte sich. Er erreichte Meintz, fand den Orden dort, gab den Brief ab und kam auch heil wieder zurück. Das war sein erstes Abenteuer in der Welt der Nacht.

Aber natürlich hatte Alberich gewusst, dass sein Schüler es schaffen würde, und hatte ihm nicht erlaubt, feige unter dem Friedhof herumzusitzen.

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Es kam die Zeit der großen Pestilenz. Ein, zwei Sommer nach Farmunds Wiedergeburt in die Nacht mochte es gewesen sein. Vielleicht auch mehr, er erinnerte sich nicht mehr. Farmund erlebte sie als junger Bluttrinker mit, doch hatte er keine Zeit, um sich mit dem ganzen Ausmaß des Schreckens der Menschen zu befassen - auch wenn er die Toten in den Straßen liegen sah, die Menschen überall Schmerz fühlten und klagten und entlang der Straßen vor der Stadt die Massengräber aufgeworfen wurden. Für ihn war das nun weit weg. Er war zu sehr damit beschäftigt, seine neuen Kräfte und Sinne kennenzulernen.

Alberich verlachte die Furcht so vieler Menschen, die Apokalypse sei nahe. Eine Strafe für die Menschheit war die Pestilenz, ja. Genau so wie auch die Bluttrinker eine Strafe für die Menschheit waren. Der Meistervampir führte seinen Orden in die dunklen, nächtlichen Gassen und in die ungeschützten Häuser hinein, um sich an den Sterbenden zu laben.

Zuerst wurde dem Jungvampir schlecht vom fiebrigen Blut der Kranken. Doch sein Meister bestand darauf. - „Du bist selbst Teil der Plage, mit der Gott die Menschen straft. Das Ach und Weh der Menschheit trifft dich nicht, deine Berufung ist eine andere. Dieses Gift wird dich nicht töten. Wir jagen nicht die Gesunden, die Gott verschont haben will. Sieh, deine Brüder können es auch.“

Zuerst bekam der junge Blutdämon noch gesunde Beute und kostete nur jedes Mal vom Opfer eines Ordensbruders. Woche für Woche steigerte sein Meister dann den Anteil an pestkrankem Blut, so viel wie der Jungvampir vertragen konnte. Und irgendwann trank sein Schüler seine Pestopfer ganz aus.

Der Sommer ging dahin und die Seuche dauerte, aber den jungen Blutdämon schreckte das schwarze Blut der Pestilenz nun nicht mehr. Im Gegenteil. Die Bluttrinker konnten saufen, so viel sie wollten. Die Opfer mussten nicht wie zu Anfang, als er neugeboren war, zugeteilt und rationiert werden. Farmund kannte keinen Durst mehr. Nacht für Nacht schlug er sich den Bauch voll. So behielt er diese Jahre des großen Sterbens, wie die Chroniken sie später nannten, vor allem als Zeit der Völlerei in Erinnerung.
Ungerecht? Unfair? Die armen Menschen? Ja, natürlich. Aber die Welt war nun einmal ungerecht. Man konnte sich glücklich schätzen, wenn man einmal selbst von ihr bevorzugt wurde.

Später, als älteren Bluttrinker, sollten ihn die Geschicke der Menschen dann wieder mehr interessieren.

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Die Gemeinschaft des Orden hielt eng zusammen. Alles wurde gemeinsam getan. Es wurde gemeinsam gebetet und Liturgie gefeiert, es wurde gemeinsam gelernt und trainiert und gemeinsam gearbeitet, wie auch in den menschlichen Gegenstücken der Mönchs- und Nonnenklöster. Der Orden brach auch stets gemeinsam zur Jagd auf.

Die einzelnen Mitglieder des Ordens blieben zum Trinken nicht mehr als über ein paar Gassen verstreut. Wer Privatsphäre wollte, konnte sich um die nächste Ecke außer Sichtweite begeben. Doch den meisten war es gleich und sie stillten ihren Durst gleich nebeneinander Schulter an Schulter. Wenn es Unfälle mit heiligen Gegenständen, Bannsprüchen oder Silber gab, war immer gleich jemand in der Nähe, um zu helfen.

Doch nicht nur durch ihre Fangzähne und ihren Blutdurst brachten die Blutdämonen Schrecken und Verhängnis. Sie hatten auch andere Aufgaben. Die Bluttrinker waren auch generell die Boten der Todesomen.

War ein Mensch krank oder wuchsen in ihm Geschwüre und er würde bald sterben, nahmen das die Dämonen mit ihren feinen Sinnen war. Wie der Mensch sich anders bewegte, die veränderte Hitze seines Körpers, der Schweiß, der anders roch. Die Dämonen jagten schwarze Katzen vor seinen Wegpfad, lockten Eulen auf Äste vor seinem Haus, damit sie dort klagend riefen, brachten den Haushund dazu, zu bellen und aus der Stube des Kranken zu laufen. Oder sie kletterten die Hausmauer hoch und öffneten verschlossene Fenster; oder stiegen gar in das Haus ein und bliesen Öllampen und Kerzen aus. Es galt als Todeszeichen, wenn ohne offensichtlichen Grund ein Licht verlöschte oder ein Fenster offenstand, das niemand geöffnet hatte. Wenn ein Siechtum ansteckend war und es klar war, dass es bald noch viel mehr Tote geben würde, kletterten die Blutdämonen auf den Kirchturm und läuteten die Glocken zur Unzeit.
Todesomen waren in der damaligen jenseitsorientierten Welt besonders wichtig. Die Menschen sollten Gelegenheit haben zu bereuen und sich auf den Tod vorzubereiten. Wurde ein Mensch plötzlich und gewaltsam getötet, bekam er keine Gelegenheit mehr zur Beichte und zur letzten Ölung. Menschen, die ansonsten vielleicht doch noch bereut hätten und sich retten hätten können, würden so zur Hölle hinabfahren oder als unerlöste Seele auf Erden umherirren und als Geist spuken.

Was die Jagd betraf, so regelte ein fein ausgeprägtes Gesetzeswerk, wann ein Bluttrinker wie zu töten hatte, welche Menschen als Beute in Frage kamen und wie mit ihnen zu verfahren war.

Menschen mit reinem Glauben und von reinem Herzen waren vor den Bluttrinkern auf jeden Fall sicher. Amulette und Kruzifixe schützten durch Gottes Gnade auch sündige Menschen unter bestimmten Bedingungen. Doch hatte das Grenzen. Wer besoffen vom Bordell durch die finsteren Gassen wankte oder floh, weil er gerade im Streit beim Würfelspiel einen Mann erstochen hatte, dem nutzte auch das Kruzifix nicht mehr. Das hatte er selber soeben entweiht. Genauso wenig konnten sich ein Spielmann, ein Schinder, eine Hure, ein Bettler, ein Henkersknecht oder andere „unehrliche“ Leute mit den heiligen Zeichen schützen. Diese Leute würden ohnehin in die Hölle kommen, wie die Kirche und die Gelehrten wussten. Es war daher egal, ob sie gewalttätig und ohne letzte Ölung starben. Teilweise waren sie zu den Sakramenten ohnehin nicht zugelassen. Die Menschen, die zum unehrlichen Teil der Menschheit zählten, konnten sich nur mit Zauberei mehr schlecht als recht vor dem Tod schützen. Ein aufrechter, ehrwürdiger Bürger hingegen war unter dem Kreuz völlig sicher, selbst mitten in der Nacht. Es sei denn, er machte den Fehler, einen verwunschenen Ort oder den Friedhof zu betreten; jene Stellen, wo die Mächte der Dunkelheit stark waren. Dann war auch er Beute. Und seine gewaltsam entleibte Seele würde sich den rastlosen, unerlösten Geistern hinzugesellen, die bereits dort spukten.

In finsteren Gassen, in verwunschenen und in ungeschützten Gebäuden, auf dem Friedhof und auf freiem Feld, dort überall lauerte für den armen Sünder der plötzliche Tod. Ob der Blutdämon letztendlich zuschlug, hing von den vom Menschen getragenen Amuletten, Rosenkränzen und Kreuzen ab, dem geographischen Ort, dem Stand der Sterne und von Omen aller Art, die wiederum den Bluttrinkern erschienen.
Es brauchte Jahre, sich das komplexe Gesetzeswerk der Menschenjagd einzuprägen und all die Rituale zur Entscheidungsfindung zu beherrschen. Die ersten Jahre wurden daher Farmunds Opfer immer für ihn ausgewählt. Die anderen Jünger kannten diese Gesetze bereits blind.

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Die Sündhaftigkeit eines Menschen erkannten die Kinder der Nacht an der Aura, die sie „schîn“ oder „splendor“ nannten. Die Sünder kannten natürlich die christlichen Gesetze genau und wussten um ihre Verfehlungen. Ihr schlechtes Gewissen schlug sich in ihrer Aura nieder. Wenn Herz und Verstand nicht im Einklang miteinander standen, entstand eine Disharmonie. Aber auch wer so verworfen war, dass ihn kein Gewissen mehr plagte, verriet sich an der Aura, denn sein Laster war gegenüber anderen Eigenschaften übermächtig, drängte die Farben von Tugend und Gnade zurück.
Auch an der Körpersprache war das Sündenregister eines Menschen zu erkennen. Der unbarmherzige Geizhals bewegte sich anders als der genügsamer Mönch, der zu sich selbst gefunden hatte. Der Gierige, der Mörder, der Eitle, der Verräter, sie alle hatten ihre besonderen Bewegungsarten. Gesten und Schritte des Sünders waren unwirscher, abgehackter, weniger ausgeglichen als die des Aufrechten und Ehrlichen; sie schlichen wie Diebe in der Nacht, die die Entdeckung fürchteten. Sogar der Geruch gab dem Blutdämon Hinweise. Die Menschen schwitzten die Völlerei genau so deutlich aus wie das Gift von Hass und Grausamkeit. Zu schwach waren diese Merkmale, um von den meisten Menschen bemerkt zu werden. Ein Bluttrinker jedoch mit seinen scharfen Sinnen war perfekt dazu ausgestattet.
Zusätzlich konnten Bluttrinker die ungesagten Worte in den Köpfen der Menschen hören. All das, was sie sagen wollten, aber niemals ihre Lippen verließ. Und auch die Erinnerungen an die Sünden flammten auf und wurden direkt sichtbar, wann immer die Menschen an einer Kirche vorbei kamen.

All diese Feinheiten wahrzunehmen war eine natürliche, eingeborene magische Fähigkeit der Bluttrinker. Dies alles würde der junge Novize Farmund auch einmal können, er musste es nur lernen. Erfahrene Blutdämonen erkannten bei den meisten Menschen fast sofort, wie es um deren Seele stand.

Wo Unsicherheit bestand, um was für eine Art Mensch es sich handelte, mochten die Bluttrinker sich abwenden und auf ein eindeutigeres Zeichen warten, ob ihre Zähne hier gerufen waren. Sie mochten den Menschen aber auch beschatten und ihn länger beobachten. Das war „Die Plage“ oder „die Heimsuchung“, wie die Blutdämonen diese Art der Jagd nannten. Etlichen Menschen, die vielleicht ihr Opfer werden sollten, folgten die Bluttrinker für mehrere Nächte oder gar Wochen und zeigten ihnen Omen des Todes, der ihnen nach Willen des Dämons drohte. Das Verhalten und die Gegenwehr des Menschen bestimmten dann, ob er endgültig zum Opfer wurde oder nicht. Dies war aber kein häufiges Ereignis, da es genug sündige und zu schlecht geschützte Menschen in den Straßen gab.

Zur „Heimsuchung“ konnte es auch kommen, wenn ein lohnendes, sehr sündiges Ziel die Aufmerksamkeit, Neugier und Begehrlichkeit eines Blutdämons geweckt hatte, er es aber nicht gleich erreichen konnte, weil es des Nachts zu Hause blieb und jene Orte mied, an denen die Mächte der Finsternis regierten. In den Häusern der Menschen war die Macht der Blutdämonen begrenzt. Sie konnten oft nicht sofort töten. Die Schutzzauber behinderten sie, mit denen die Menschen allerorts ihre Wohnungen ausstatteten. Dann kehrte der Bluttrinker Nacht für Nacht zu seinem Opfer zurück, bis es am Blutverlust starb.
Nicht selten konnten die Bluttrinker die Häuser nicht einmal betreten, da Pforte und Fensterläden durch Schutzzeichen versiegelt waren. Dann machten sich nur bemerkbar und hofften darauf, dass der Mensch in Panik geriet und einen Fehler machte.

Manche Menschen verfielen in Lähmung und verendeten rasch an Siechtum, wenn Blutverlust und von Blutdämonen geschickte Alpträume sie niederwarfen. Die meisten Menschen kämpften aber angstvoll mit aller Macht um ihr Leben.

Blutdämonen waren zwar stark, aber nicht unangreifbar. Zumindest die Wirkung der meisten Amulette und Talismane, die durch Zauberei geschaffen wurden, waren dem jungen Novizen bereits bekannt. Die Menschen konnten Drudenfüße auf die Fensterstöcke zeichnen, einen Kreis aus Salz um ihr Bett ausstreuen, sich Amulette umhängen, ein Bußgewand anlegen, den Priester oder Exorzisten rufen. Sie konnten einen Magier bezahlen. Es war ein Nervenspiel. Meist siegte der Bluttrinker. Aber nicht immer. Und auch der Bluttrinker musste sich bisweilen in Acht nehmen. Vielleicht bewies sich der Mensch und es war Gottes Wille, dass er entkommen sollte. Dann war dies eine Prüfung für die wankelmütige menschliche Seele gewesen. Dem Bluttrinker blieb immerhin der Trost, dass er seine Pflicht erfüllt hatte.

Die „Heimsuchung“ oder „Visitatio“ hatte dem Glauben der Kinder der Nacht nach nichts mit Grausamkeit zu tun. Wenn die Menschen die Prüfung bestanden, gingen sie von ihren Sünden geläutert und mit neuer Frömmigkeit daraus hervor. Es war für die Menschen vielleicht nicht angenehm, doch hatten sie dadurch die Möglichkeit zu bereuen und ihre Seele zu retten. Der Menschen Furcht und Schmerz war nichts im Vergleich zu den Höllenqualen, die sonst auf sie gewartet hätten. Im Gegenteil, sie konnten froh sein, dass es Gott in seiner Weisheit zugelassen hatte, dass die Blutdämonen so wandelten und wirkten.

So hatten auch die Bluttrinker ihre Berechtigung und ihren Platz im Uhrwerk des Kosmos. Auch die dunkle Seite gehörte zur Ordnung der Welt. Das war der ewige Kampf zwischen Gut und Böse.

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Galt es Menschen heimzusuchen und zu plagen, derer sie nicht gleich habhaft werden konnten, spalteten sich die Blutdämonen nach dem ersten Trunk weiter in Gruppen auf. Die Gesättigten begleiteten dabei jene, die die Jagd noch fortsetzten. Sie blieben auf Hausdächern in der Nähe zurück, beobachteten die Menschen in den Straßen, redeten oder balgten miteinander. Mindestens einer hielt aber stets Wache, so konnte sich der Jäger ganz auf sein Ziel konzentrieren. Die „Heimsuchung“ war ein Teil des Vampirseins, wo es keine Eile mehr gab und sich die eigene Fantasie als Dämon entfalten konnte. Sie war eine Kunst, eine Meditation der dunklen Seite.
Es musste aber keiner machen, der nicht wollte. Nächtelang Opfer verfolgen war nicht jedermanns Sache. Besonders junge Bluttrinker hatten dazu nicht die Nerven und die Geduld. Farmund war da nicht die Ausnahme. Er hatte Hunger! Und wenn der Hunger dann gestillt war, interessierten ihn die Menschen schon gar nicht mehr und er wollte lieber raufen.
Nach der Jagd kehrten alle Bluttrinker gemeinsam in die heimatlichen Katakomben zurück.

Nur selten verließ ein Jünger den Friedhof einmal alleine. Es war Regel, dass man dem Meister genau Bescheid sagen musste, wohin man ging und wann man wiederkommen würde. Und wenn man dann zu dieser Stunde nicht wieder da war, wurde nach einem gesucht.

Viele Exorzisten und Magier waren unwissend und hatten nicht viel Macht. Auch gab es genug Hochstapler unter ihnen. Doch gab es auch Dämonenjäger, die ihr Handwerk verstanden und sehr gefährlich waren. Sie verstanden es, dem Dämon mit Schutzzeichen den Weg abzuschneiden und ihn in ein einzelnes Zimmer zu bannen, um ihn anschließend mit Silber zu töten. Gute Dämonenjäger waren auch gute Alchemisten. Da Bluttrinker schneller waren als Menschen, bauten sie selbstauslösende Fallen, die den Dämon mit Oleum vitrioli überschütteten (rauchender Schwefelsäure). Das tötete den Dämon selten, aber verwundete ihn. Der Schmerz und die große Hitzeentwicklung, die ihn teilweise in Flammen setzte, versetzte den Dämon in einen Zustand blinder Panik, wo er nicht mehr an Angriff oder geordnete Flucht denken konnte. War er dann waidwund und durch Bannsprüche und unter Anrufung Gottes in die Enge getrieben, machten sie ihm den Garaus, in dem sie ihn mit Weihwasser bespritzten, in dem Lapis infernalis aufgelöst war (Silbernitrat).

Manch kundiger Magier bestrich die Haut seiner Kunden gewitzt und heimtückisch mit Silberwasser oder silberhaltiger Schminke, dessen Geschmack sie geschickt mit speziellen Rezepturen übertünchten. Wenn der Dämon das nächste Mal zubiss und nicht aufpasste, vergiftete er sich selbst.

Im schlimmsten Fall kam ein erfahrener und fähiger Dämonenjäger mit Gefolgschaft in die Stadt, mit Armbrüsten und mit Silbergeschoßen. Solche Experten wussten, auf welche Weise die Dämonen jagten und wo sie bevorzugt hausten. Einen kompletten Orden der Kinder der Nacht wagten aber auch die abgebrühtesten Dämonenjäger nicht anzugreifen. Doch einzelne Ordensmitglieder konnten ihnen durchaus zum Opfer fallen. Und jeder besiegte Dämon lieferte dem Dämonenjäger wichtige Kenntnisse, um noch weitere Dämonen zu töten. Das waren Gefahren, denen nur mit Wachsamkeit begegnet werden konnte.

Doch genauso groß und oft noch viel größer war die Gefahr durch andere Bluttrinker. Wie Farmund erfuhr, manchmal kamen fremde Blutdämonen in die Stadt, einzelne starke ordensungebundene Bluttrinker, Kreaturen ohne Glauben oder Grenzen, die die Aufmerksamkeit von Menschen erregten oder ihre eigenen Blutsbrüder austranken. Das waren die Nocivi Noctis, die „Schädlichen der Nacht“. Im Gegensatz zu Nati Noctis, wie der Name der Kinder der Nacht auf lateinisch lautete. Bisweilen fielen auch ganze Horden von wilden, ungläubigen Bluttrinkern in die Stadt ein wie die Tataren. So häufig geschah so etwas zum Glück nicht nicht, aber auch nicht so selten. Alle fünf oder sechs Jahre war mit einem Zwischenfall zu rechnen. Doch brauchte die Vernichtung nur einmal zu kommen.

Regelmäßig übte der Orden unter Alberichs bellenden Befehlen Angriff und Verteidigung im Freien, damit jeder wusste, was er im Ernstfall zu tun hatte. So lange, bis der Orden funktionierte wie ein Mann. Meister Alberich besaß in seinem Orden bereits viele erstklassige Bluttrinker von großer Stärke. Doch je mehr starke Vampire ein Orden hatte, desto besser. Es war gut, dass Farmund da war.

Doch nicht nur für die Jagd oder für Kampftraining verließ der Orden den Friedhof. Bluttrinker waren neugierige Kreaturen. Wenn es Interessantes in der Stadt gab, führte Alberich den Orden im Pulk dorthin, um es sich mit seinen Jüngern anzusehen. Gerne saßen die Kinder der Nacht auf den Dächern oder lauschten gemeinsam im Schatten und beobachten und schwatzten und kommentierten. Und Alberich war der Meister der Bluttrinker und daher am Allerneugierigsten. Er wollte immer alles sehen und begutachten, auch wenn das Urteil dann nicht selten „Schwachsinn“ oder „Narretei“ lautete.

Alberich gehörte noch zur alten scholastischen Generation der Meistervampire, die ein ganzheitliches Weltbild vertraten, wo auch der Teufel und das Böse seinen Platz hatten. Hexenmagie hielt er zum größten Teil für Aberglauben, die gesamte Astrologie für faulen Zauber. Genauso wenig glaubte er, dass der Teufel sich jemals manifestieren würde, sondern dass er oder es ein vollkommen vergeistigtes Wesen sei. Und warum Gott das Böse zuließ? Nun, das war eine philosophische Frage, und über Philosophie wurde im Orden viel diskutiert. Es waren Dinge, über die Farmund sich zuvor niemals Gedanken gemacht hatte. War der Teufel eine diffuse Naturkraft, die jeden einzelnen beseele, aber unterschiedlich stark beeinflusse? Inwieweit hatte der Teufel Handlungsfreiheit und einen eigenen Willen? Was der Teufel eigentlich sei, darum wurde in den Katakomben heiße Debatten geführt. Er wurde einfach mitgerissen, weil der Meistervampir sich mit einigen anderen, sehr interessierten Jüngern nächtelang darüber ausließ. Ein neues Universum tat sich ihm auf. Und vor Spannung gelähmt war er auf seinen Stuhl gefesselt und hörte zu.

Meister Alberich war streng, unnachgiebig und gnadenlos, schaffte es aber immer wieder, so viel Seelenwärme zwischen die Zeilen zu verpacken, dass der Niedergeschlagene wieder aufstand und weitermachte. Selbst wenn man ihn am liebsten umbringen wollte, nachher war man doch stolz darauf, zu was man durch ihn geworden war. In Alberich fand Farmund seinen Meister, im wahrsten Sinne des Wortes. Er war ihm immer ein Vorbild. Auch wenn er später von ihm fortgeschickt werden sollte, um an anderen Orten den Kindern der Nacht dienstbar zu sein, behielt er ihn doch immer als harten, aber liebenswerten Vater im Gedächtnis.

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Unterwegs auf den Straßen des Teufels
Quaevis terra patria
Die ganze Welt ist Heimat. Erasmus von Rotterdam (1469-1536), Adagia

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Zu allen Zeiten, so weit man zurückdenken konnte, hatte es Bluttrinker gegeben, die trotz altem und starkem Erschaffer schwach geboren wurden, und umgekehrt Bluttrinker, deren Kräfte von Beginn an sehr groß waren. Zu letzteren zählte auch Farmund. Er war von Anfang an ein starker Vampir. Und als er seine Sinne und seine Kräfte zu beherrschen gelernt hatte, wurde er für seinen Meister bald sehr nützlich.

Er nahm weitere Botendienste wahr, zu immer weiter entfernten Orten und über immer gefährlichere Strecken. Dabei überbrachte er Neuigkeiten, mündliche Botschaften und versiegelte Briefe. Und natürlich Musik, denn er trat überall auf. Kaum ein Orden, wo er zu Gast war, bei dem er nicht auch aufspielte. Mit seiner Musik gelang es ihm bald, sich beliebt zu machen. Er begleitete die Gesänge der Liturgie mit seinen Instrumenten und spielte beim wilden, ausgelassenen Sabbatfest zum Tanz. Das Sabbatfest war das Gegenstück der Kinder der Nacht zu sterblichen Kirchenfesten und zum Karneval. Die Ordensallnacht mochte streng geregelt und reglementiert sein, doch gerade deswegen brauchte es in regelmäßigen Abständen ein Ventil, wo die Vampire ihre Gefühle herauslassen und tanzen und feiern konnten.

Vielerorts war Farmund der Spielmann mit seiner Musik bereits bekannt, bevor er überhaupt hinkam. Das geschah natürlich, weil die Orden einander von ihm erzählten. Doch hatte Alberich auch selbst dafür gesorgt, in dem er in seinen Briefen von ihm berichtete. Bevor er Farmund zu großen Reisen in die Welt hinausschickte, machte er mit seinem eigenen Einfluss und mittels seiner eigenen Bekanntheit die ganze Nacht von Europa auf ihn neugierig. Diese Starthilfe gab er ihm. Wann immer der Spielmann zurückkehrte, berichtete er von seinen Abenteuern und was er mit anderen Bluttrinkern erlebt hatte. Und wenn er etwas nicht verstand, versuchte ihm sein alter Lehrmeister mit seiner Erfahrung so gut als möglich Antwort zu geben.

Gut dreißig Jahre verbrachte Farmund bei Alberich, bevor er den Orden endgültig verließ. Er war ausgelernt und wurde von seinem Meister zufrieden und stolz aus seiner Obhut entlassen. Zum endgültigen Male tauschte er die Sandalen eines Ordensjüngers gegen die Lederstiefel eines Vampirboten. Er war nun nicht mehr an einen einzelnen Orden gebunden. Damit besaß er viel mehr Freiheit. Im Prinzip konnte er gehen, wohin er wollte. Doch gebot ihr Glauben, dass er allen Meistervampiren der Kinder der Nacht als Kurier zur Verfügung stehen musste. Dafür hatte er Gastrecht bei jedem Orden, konnte dort in Sicherheit übertagen und in dessen Territorium jagen.

Aus der heutigen Sicht wollte man meinen, sicher wäre er von den anderen Jüngern für diese Freiheit beneidet worden. In der damaligen Welt war das Gegenteil war der Fall. Der frischgebackene Vampirbote musste sich nun ganz allein um sein Heil kümmern, um alle Gebete und Rituale. Niemand stand hinter ihm und passte auf, dass er nichts vergaß und nichts falsch machte. Das erforderte in der damaligen religiösen, jenseitsorientierten Welt gute Nerven. Selbst bei Vampiren, auf die eigentlich nur mehr die Hölle wartete. Er musste sich irgendwo im Freien eingraben und konnte nicht in einem echten Grab ruhen. So etwas hielten nur sehr starke Bluttrinker aus, ohne verrückt vor Angst zu werden. Waren sie dort nicht angreifbar für die Mächte des Guten? Und er war dort draußen ganz allein unterwegs, in unbekannten und gefährlichen Gebieten, wo die Einzelgänger, die Ketzer und die Heiden lauerten. Die Ordensjünger entfernten sich nie freiwillig weit von dem vertrauten Friedhof, genau so wenig, wie die Menschen selten das Dorf verließen, in dem sie geboren wurden.

Es war nicht so, dass der Spielmann es sich aussuchen hätte können. Er hatte das Wissen und die Kraft, er war dazu ausgewählt worden. Offensichtlich war das seine Aufgabe. Er hatte nicht das Recht, sich zu weigern. Dazu gab es nicht einmal die Idee. Doch Alberich hatte ihn weise seinen Stärken und Interessen gemäß ausgebildet. Farmund gefiel es, dass er seine Talente nun zum Wohle aller einsetzen konnte. In vielerlei Hinsicht tat er dasselbe, was er auch als Mensch getan hatte, doch erhielt er nun wesentlich mehr Achtung dafür.

Die nächsten Jahrzehnte waren für ihn sehr aufregend - reiselustig und neugierig wie er war - weil er nun überall hin reisen konnte, wo er als Mensch nicht hatte hin können. Als Vampirmusikant und Vampirbote durchstreifte er Europa von Norwegen bis nach Neapel und nach England, von Kastilien bis in die Walachei. Er war der einzige, der verrückt genug war, nach Island zu fahren, um zu sehen, ob es dort Vampire gab.

In Deutschland stellte er sich gern als "Farmund Wunnsam" vor. In deutschen Landen und in England war er aber auch als „Faramund" bekannt. Andere Bluttrinker in England nannten ihn „Raedwulf“. „Grettir“ war sein Name bei den Vampiren des Nordens. In Frankreich hieß er “Baisescu“. Oft aber nannte man ihn einfach nur „den Spielmann“. Natürlich, weil er ein fahrender Vampirmusikant war. Zum anderen, weil Alberich in seinen Briefen ihn stets so bezeichnet hatte: als seinen Spielmann, der sehr vielversprechend wäre. Das war hängengeblieben.

Tatsächlich war Farmund von Anfang an mehr als nur ein einfacher Bote. Er war ein Zögling Alberichs, das wussten die Kinder der Nacht. Aus Alberichs Schule kamen nur erstklassige Vampire - wenn sie sie überlebten. Das öffnete ihm viele Türen. Oft nahm man es sogar als Ehre, ihn zu Besuch zu haben. So fragte man umgekehrt Farmund, wohin er denn als Nächstes fahren würde. Oder man bat ihn höflich, doch diesen oder jenen Ort auf seine Reiseliste zu setzen, um eine Nachricht zu überbringen.

Stets trug der Vampirmusikant dabei seine farbenfrohe Kleidung, wofür er überall bekannt wurde. Nur auf seiner Brust an der linken Seite befand sich das Emblem der Kinder der Nacht, als Zeichen seiner Zugehörigkeit. Da und dort versuchte einmal ein Meistervampir ihn dazu zu bewegen, die übliche schwarze Ordenstracht anzulegen, allerdings ohne viel Erfolg. Der größte Erfolg war eher ein vorgezogener, eiliger Aufbruch des Spielmanns. Und ohne sein Gewand wäre der Spielmann wohl auch nicht mehr der Spielmann gewesen. Wenn Alberich ihm schon erlaubt hatte so herumzulaufen, wer sollte ihn daran hindern?

Farmund sah es persönlich sogar als sehr vernünftig an, schon aus weiter Ferne erkennbar zu sein. Jeder erkannte ihn an seiner Kleidung. So musste er nicht gegen den scharfen Wind rufen oder versuchen, in fremde Geister Worte zu pflanzen - nicht dass er von den eigenen Brüdern angegriffen wurde. Selbst die Heiden wussten, wer er war. Natürlich besaß auch er eine schwarze Kutte, doch blieb die üblicherweise in der Satteltasche von seinem Ross verstaut. Die führte er mit sich, weil sie wetterfest war und holte sie nur bei Sturm und Gewitter hervor.

Er besaß einen großen, schwarzen Hengst namens Phlegethon, der ihn durch ganz Europa trug und perfekt allen gedanklichen Kommandos gehorchte. Tagsüber bewachte er den Ruheplatz seines Herrn. Der Hengst entstammte den Gestüten einiger spezialisierter Orden der Kinder der Nacht, wo sie Höllenpferde mit besonders langen Eckzähnen züchteten, die im Gegensatz zu anderen Tieren die Bluttrinker nicht fürchteten und in der Nacht besser sahen als gewöhnliche Pferde. Falls er nicht selbst im Sattel saß, trug sein Pferd ihm zumindest die Post und seine Ausrüstung, so dass er sich ungehindert bewegen konnte, was in manchen unsicheren Gegenden sehr wichtig war. Und der Hengst war ein Mitstreiter, mit dem man rechnen musste. So manchem potentiellen Post- und Pferdedieb zerbiss er das Gesicht und brach er mit den Hufen alle Knochen. Auch wenn Farmund nicht die Gabe besaß, mit Tieren so zu kommunizieren wie einige andere Bluttrinker dies vermochten, beschäftigte er sich doch intensiv mit seinem vierfüßigen Freund. Und umgekehrt war auch sein schwarzes Ross darauf gezüchtet und dazu ausgebildet, Bluttrinker möglichst gut zu verstehen.
Nur auf Eilstrecken blieb der Spielmann ohne Pferd, denn über größere Entfernungen war er laufend auf den eigenen Beinen schneller. Nach Island und ganz hoch in den Norden reiste er ebenfalls ohne Reittier. Nach England setzte er aber mit Ross über. Dort galoppierte er dann unternehmungslustig über die Kreidehügel, mit Briefen in der Tasche und der Laute auf dem Rücken.

Der Spielmann erlebte viele Abenteuer, nicht nur, weil er durchaus hin und wieder überfallen wurde. Bald griffen die Kinder der Nacht zu vielen Gelegenheiten auf ihn zurück. Sie konnten diesen starken Bluttrinker aus Alberichs Schule gut gebrauchen. Hin und wieder gab es Probleme mit einem benachbarten heidnischen Orden. Dann wieder galt es Dämonenjäger zu besiegen. Oder einzelne verrückte alte Vampire schlichen umher, zerstörten ganze Dörfer, attackierten blind andere Bluttrinker und mussten zur Sicherheit aller zur Strecke gebracht werden. Manchmal fielen wilde Räuberbanden oder Ketzerhorden in eine Stadt ein und das Territorium des dortigen Ordens musste mit Blut und Asche verteidigt werden. In solchen Fällen rief man nach Farmund, um seinen Brüdern und Schwestern beizustehen.
Oft betraf es aber einfach nur eine Ehrenwache bei einer Zeremonie oder eine Leibwache bei Verhandlungen mit fremden Bluttrinkern. Da griff man gerne auf Farmund zurück.

Vor allem aber ging es zu allen Zeiten um den Austausch von Informationen. Denn eine Post gab es noch nicht. Oder vielmehr, die Post des Spätmittelalters bestand aus Farmund dem Spielmann und einigen anderen starken Vampiren, die zu Fuß oder beritten die Nacht Europas durchstreiften.

Wenn der Spielmann bei einem Orden eintraf, gab er etwaige Briefe ab, berichtete dem Meistervampir in wohl geformten Worten von den Neuigkeiten fremder Länder und gesellte sich dann am liebsten zu den einfachen Jüngern, um mit ihnen zu schwatzen und zu musizieren. Ab und zu bildete sich der Meistervampir aber ein, er müsste ihn bei sich behalten und versuchen, ihn in hochkarätige Gespräche zu verwickeln. Das machte den Spielmann dann eher nervös.

Die Kinder der Nacht und ihre Kulte der Teufelsverehrung waren über ganz Europa verbreitet. Doch obwohl sie alle den Satan anbeteten und sich in seinen Diensten glaubten, taten sie das doch mit abweichenden Riten. Der Spielmann begegnete vielen Sitten und Gebräuchen. Viele Wege führten zu Satan. Doch über eines waren sie sich alle einig: Bluttrinker gehörten zum dunklen Teil der Schöpfung. Überall mussten die Bluttrinker das Licht der Sonne fürchten und das reinigende Feuer und die Symbole des Abglanz Gottes auf der Erde. Überall fürchteten sie das Silber, das edle Metall des irdischen Widerscheins des Himmels, aus dem die heiligen Messkelche gefertigt wurden. Und überall herrschte in ihnen allumfassende Gier nach Menschenblut. Bluttrinker zählten zur Klasse der erdgebundenen Dämonen oder der mächtigeren bösen Geister mit Körper und galten als Kreaturen des Chaos.

Nicht jeder glaubte, dass tatsächlich noch eine Menschenseele in ihnen eingeschlossen war. Tatsächlich waren einige Gelehrte damals der Meinung, dass Bluttrinker überhaupt keine Seele hätten. Die Seele hatte den Körper mit dem Tod des Menschen verlassen, oder noch schlimmer, sei bei dem Vorgang der Umwandlung vernichtet worden, und der Dämon, der in den toten Leib gefahren war, übernahm lediglich die Erinnerung des einstigen Menschen. Die Bluttrinker fürchteten die Zerstörung dieses Körpers, schleuderte sie das doch von dieser schönen Erde zurück in die Flammen der Hölle. Einige konnten sich ganz deutlich an die Qualen in der Hölle erinnern. Die Vampire hatten ihre eigenen Medien, die in Trance fielen und den Willen der Unterwelt mitteilten oder von Visionen des Höllenfeuers berichteten und dem unermesslichen Leid der Verdammten. Allerdings war es auch egal, denn früher oder später würden sie ohnehin dorthin wieder zurückkehren. Sie waren bereits verdammt.

Einige Orden kannten die Vorstellung, dass man vielleicht, wenn man dem Teufel besonders gut gedient hatte, wieder von der Hölle zurück auf die Erde geschickt würde, in einen anderen sterbenden Menschenkörper hinein. Woanders hielt man Satan zwar für den höchsten ihrer Herrn, glaubte jedoch, dass ihr direkter Vorgesetzter in der Hölle Asmodeus wäre, der Fürst des zweiten Höllenkreises.

Die Lehre einiger dieser spätmittelalterlichen Orden war sehr Verzweiflung stiftend, die anderer fast schon tröstend und behaglich. Die meisten Kulte schrieben ihren Mitgliedern ein asketisches, mönchisches Dasein vor. Einige wie Alberichs Orden ähnelten eher einer unterirdischen Universität, bei denen Gebete mehr der inneren geistigen Disziplinierung dienten. Doch wenn Alberich auf einen Bluttrinker getroffen wäre, der ihm ins Gesicht gesagt hätte, dass es den Satan nicht gebe, hätte er ihn trotzdem ohne Wimpernzucken in die Flammen geworfen. Bluttrinker, die nicht bereit waren, dem Teufel zu dienen, galten als Heiden oder Ketzer, wurden abgelehnt und teilweise verfolgt. Doch gab es auch unter den Kindern der Nacht solche und solche. Es gab einige, die sehr aggressiv waren und andere, die sich friedlicher verhielten. Bei den sehr Dogmatischen und Freudlosen gab der Spielmann nur die Briefe ab und hielt sich immer nur für kurze Zeit auf. Dort war er als fröhlicher Musikant sicher an der falschen Stelle. In Aragon forderte man ihn hingegen sogar auf, er solle doch zu den Mauren nach Granada gehen, um deren Trommelspiel zu erlernen und empfahl ihm welche, die ihn nicht gleich verbrennen würden.

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Der Aufstieg des dunklen Propheten

Audite verbum Domini, qui tremetis ad verbum eius!
Hört das Wort des Herrn, die ihr zittert vor seinem Wort! Biblia Sacra Vulgata, Jesaia 66,5

Vos ex Patre Diabolo estis et desideria Patris vestri vultis facere.
Ihr seid Kinder des Teufels und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Biblia Sacra Vulgata, Joh 8:44

Die Welt sollte sich wandeln. Es war in den Jahrzehnten um 1400 und in denen, die danach folgten, als der dunkle Prophet aus Rom nach und nach die Macht an sich riss. Der dunkle Gebieter zu Rom hatte einen direkten Draht zur Unterwelt und war vom Satan berufen worden, den Kult zu erneuern und die Nachlässigkeit auszurotten. Dazu gehörten strengste Regeln, Askese und ständige Märtyrerschaft, sowie eine strenge Ordenshierarchie mit absolutem Gehorsam. Seine Missionare strömten von Rom aus überall nach Europa.

Die meisten Nati Noctis waren ihm anfangs freiwillig gefolgt, auch wenn sie später etwas anderes behaupteten und unter seinem Joch ächzten. Man wollte glauben, dass er tatsächlich der Vertreter des Teufels auf Erden war, mitreißend und begeisternd waren die Reden seiner Missionare und der Prophet aus Rom schien schwarzes Licht auszustrahlen und jede Antwort zu kennen.

Und wer es nicht von allein tat, wer ihm nicht folgen wollte und sich gegen den Willen des Teufels stellte, der musste dafür bald büßen. Mittels größter Grausamkeit, Schrecken verbreitender Strafexpeditionen, Exekutionen und Folter peitschte der dunkle Prophet überall in Europa sein sehr strenges Konzept durch, wie die Vampire dem Teufel zu dienen hätten. Die Zaudernden wurden unterworfen, die Widerspenstigen ausgerottet und durch linientreue Meistervampire ersetzt, Amen. Möge Dunkelheit mit euch sein und euch inspirieren, mögen alle Ketzer und Häretiker vernichtet werden, dem Willen des dunklen Herrn gemäß.

Und der dunkle Prophet herrschte als Großmeister über alle Nati Noctis, mit seinem Hauptorden in Rom und zahlreichen ihm nun angegliederten Satelliten-Orden in allen Herren Länder des Abendlandes.

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Die Glaubensgrundsätze änderten sich in ganz Europa. Nun sollten die Jünger nur noch beten, Bildung war für sie überflüssig. Sie sollten gehorchen. Nur der Meistervampir, der sich vom Wissen nicht in Versuchung führen ließ, sollte Bildung besitzen. Und es wurde für einfache Jünger der Nati Noctis immer schwieriger, zu reisen oder überhaupt, den Orden zu wechseln.

Irgendwann durften dann nur noch Meistervampire reisen. Farmund Wunnsam war zu diesem Zeitpunkt bereits seid etlichen Jahrzehnten treu in den Diensten der Nati Noctis. Er durfte weiterhin reisen, ja musste es sogar im Auftrag von Rom. Er spielte kräftemäßig in derselben Liga wie ein Meistervampir und war stärker, als den neuen Anführern wohl war, aber offensichtlich war er nicht sehr helle, dafür zuverlässig. Das war praktisch. Boten wurden nach wie vor gebraucht, sogar mehr als zuvor. Nun wurden nicht nur Neuigkeiten, sondern auch ständig neue Vorschriften und Befehle weitergegeben.

Farmund war nie Meistervampir in dem Sinn, dass er einen Orden anführte. Nie wurde er offiziell in den Stand der Meistervampire erhoben, nie durchschritt er den großen Zeremoniensaal zu Rom, nie kniete er vor dem Großmeister nieder und empfing die unheilige Weihe. Manch Heiden sprachen freilich von jedem Vampir ab einem gewissen Alter, einem bestimmten Bekanntheitsgrad oder einer bestimmten Kampfkraft als Meistervampir. Doch den Titel strebte er gar nicht an.

Damit war er die Ausnahme, denn jeder wollte ein Meistervampir werden. Innerhalb der steilen Hierarchie der Nati Noctis strebten unentwegt ehrgeizige Mitglieder nach Einfluss und Macht, und schafften einander rücksichtslos mit Intrigen und Ränkespielen aus dem Weg. Der Kampf war gnadenlos, denn das Leben unter den Kindern der Finsternis war nun sehr hart für die einfachen Vampire geworden.

Die einfachen Jünger mussten sich mit engen Schlafnischen in gemeinsamen Katakomben begnügen, die Meistervampire hatten eigene Privaträumlichkeiten mit einem eigenen Sarg. Die Allnacht der Jünger war von strengen Regeln und Pflichten bestimmt, die Meistervampire hingegen konnten sich die Zeit einteilen. Die Jünger hatten kaum Rechte, die Meistervampire hingegen alle. Die Jünger waren mehr oder weniger Leibeigene des Meistervampirs, der sie auch töten konnte, wenn er wollte, das gestand ihm das Gesetz zu.

Eine Flucht gab es nicht. Ausbrecher aus dem Orden wurden gnadenlos verfolgt, wieder eingefangen und grausam hingerichtet. Wer einmal die Lehre angenommen gehabt hatte und sie dann leugnete, war ein viel schlimmerer Frevler als jene Heiden dort draußen, die die Wahrheit nur noch nicht kennengelernt hatten. Ein Vampir war ein einsamer Wolf, ein blind jagender blutrünstiger Dämon, der nur durch massive Kontrolle und Repression mit anderen Vampiren zusammengehalten werden konnte, so nach der Lehre. Niemals würde sich ein Vampir von alleine in die Ordnung eines Ordens einfügen.

Als Meistervampir konnte man genauso wenig fliehen - die wurden sogar noch hartnäckiger verfolgt, da sie ja schon Meister gewesen waren und ihr Verrat dadurch größer war. Aber man konnte zumindest besser leben und über die anderen bestimmen. Man war auf der Seite der Starken. Es war die einzige Möglichkeit, ein etwas besseres Leben und mehr Freiheit zu bekommen.

Jeder wollte Meistervampir werden, außer Farmund dem Spielmann. Farmund hatte als Bote einen Job, den kaum einer wollte, und hielt sich aus den Intrigen heraus.

Doch man war nicht auf ihn neidisch, denn der hatte nicht genug Grips, um es zu genießen. Glaubte man. Während andere sich auf dem Weg nach oben gegenseitig umbrachten, blieb der Spielmann dort, wo er war – und überlebte. Er überlebte mehrere Meistervampire und wurde wie ein Teil der Einrichtung weitergereicht, während die Aufstrebenden, die das Pech hatten, Anhänger des Verlierers gewesen zu sein, ein grausames Ende fanden. Und wenn er einmal einen Befehl verweigerte, dann glaubte man, er habe nur nicht begriffen und ließ es gut sein, was auch sehr vorteilhaft war.

Doch dumm war Farmund nicht. Er hatte nur rechtzeitig erkannt, dass es manchmal vernünftig war, nicht klug zu sein. Er wählte seine Ruf wohl. Wahrscheinlich war er intelligenter als etliche der Meistervampire, unter denen er diente.

Doch wenn der Großmeister zu Rom nicht gekommen wäre, der dies alles anstieß, dann vielleicht ein anderer. Es war ein Gedanke jener Zeit. Der Dominikanermönch Heinrich Kramer schrieb den Hexenhammer, das unheilvolle Standardbuch der Hexenverfolgung, abgesegnet vom Papst. Es würde jahrzehntelang wie ein Fluch all seine Leser fanatisieren. Der Dominikanermönch Girolamo Savonarola errichtete nicht weit von Rom, in Florenz, ein theokratisches Schreckensregime und verbrannte Kunstwerke und Bücher. Die Menschen sollten beiden entsagen und nur noch beten. Dieses Gedankengut formierte sich als eine Art Gegenbewegung zur Renaissance. Als konservativer, reaktionärer Gegensatz zu der neuen Idee der Renaissance, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und den Glauben zurückzudrängen.

Es kam zu einem Bruch in der Welt, einer stärkeren Auftrennung zwischen Gut und Böse, einer stärkeren Polarisierung zwischen Dunkelheit und Licht, so wie es in der menschlichen Welt zu einer Auftrennung zwischen Katholiken und Protestanten kam. Der Teufel begann physischer und lebendiger zu werden, er begann die Welt stärker zu beeinflussen. Und alles Hexenwerk wurde real. Die Jagd nach den Ketzern hatte erst richtig begonnen.

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Die großen Kriege der Nacht

Ubi est, mors, victoria tua ? Ubi est, mors, stimulus tuus ?
Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg ? Biblia Sacra Vulgata, Korintherbrief 1,15,55

So lange der Erneuerer aus Rom noch nicht ganz gewonnen hatte, waren die Kämpfe unter den Kindern der Nacht heftig und grausam. Ständig gab es Schlachten um Glauben und um Territorium. Die Zeiten waren wild und roh. Die Führung in Rom wurde nicht uneingeschränkt akzeptiert, immer sagte sich jemand los und wollte eine neue Doktrin einführen. Meistens eine, die zwar anders, aber nicht minder streng war, als sie die Linie in Rom ohnehin schon vertrat, denn die liberalen Orden fügten sich eher und wollten nicht noch mehr Blut vergießen. Während dieser Konflikte wurde der Spielmann, im Grund den Musikinstrumenten zugetan, zum Heer eingezogen und ein Instrument des Krieges. Er erhielt eine Ausbildung zum Soldaten und wurde in unter mehreren Meistervampiren weiter in den Kampfkünsten ausgebildet. Jeder, der ein Schwert halten konnte, musste nun kämpfen.

Und dann standen die Bluttrinker einander auf Einöden und Totenackern als Heere gegenüber und gingen mit Hellebarden, Speeren, kurzen und langen Messern und Schwertern aufeinander los, um einander niederzumachen. Und Farmund der Spielmann zog mit dem Langen Messer eine Schneise durch die Reihen der Feinde. Seine schwarzen Beschwörungen, für die er später berühmt werden sollte, setzte er hierbei noch nicht ein. - Seine Kräfte waren erst in Entwicklung, entfalteten sich Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Auf den Schlachtfeldern dieser Nächte konnte er sich nur mit seiner körperlichen Kraft, seiner Geschicklichkeit und seiner Schnelligkeit seiner Haut erwehren. Da ging es ums Hauen und Stechen und darum zu hoffen, dass bis zum Ende der Nacht alles erledigt wäre, oder man würde mitten im Kampf von der Sonne überrascht. Mehr als einmal war es knapp, mehr als einmal wurde er übel verwundet.

Es wurde exerziert und trainiert, zum musizieren und tanzen war kaum noch Zeit. Gegen die Übermacht des Feindes kam die Feuerprobe. Farmund entwickelte sich zu einem fähigen Kämpfer, ansonsten wäre er rasch gestorben. Dennoch sah er sich doch selbst nie als Krieger. Für seine eigenen Begriffe blieb er trotzdem stets in erster Linie ein Spielmann und ein Bote.

Es gab gewonnene Schlachten, es gab verlorene Schlachten. Man siegte und wurde besiegt. Dann gehörte der Streifen Land eben dem anderen oder der Ketzerorden existierte munter weiter. - Farmund dem Soldaten war es egal. Hauptsache, man lebte noch. Farmund war nie der Feldherr dieser Schlachten. Er stand an der Front und gehorchte. Nur selten übernahm er kleinere Kommandos, wenn sie ihm zugeteilt wurden.

Als die Wirren am Schlimmsten tobten, erfuhr er irgendwann, dass Alberich, sein alter Lehrmeister verschwunden war. Zu diesem Zeitpunkt, als er davon hörte, war es schon ein paar Jahre her. Es hieß, er sei ins Feuer gegangen. Überraschend kam es nicht. Es war nämlich so, dass Bluttrinker nicht älter als 250 bis 300 Jahre wurden. Mit dem Alter wurden sie vom Satan abberufen. Dann wurden sie verrückt und stürzten sich in ins Feuer oder in die Sonne. Oder wurden gestürzt, zum Schutz für die anderen. Natürlich war er traurig. Aber Alberich hätte geglaubt, er hätte ihn falsch erzogen, wenn er getrauert hätte. Der alte Alberich hatte seinerzeit gesagt, wer wage, um ihn zu trauern, für den kehre er aus der Hölle zurück, um ihm lange Nägel durch die Fußsohlen bis hinauf zu den Knien zu treiben. Und durch den Hodensack. Also riss der Spielmann sich zusammen.

Jedoch gingen unter der Hand Gerüchte um, der Großmeister zu Rom habe Alberich aus dem Weg schaffen lassen. Das schmerzte. Es war vorstellbar, dass der alte Alberich lieber unterging, als von seinen Prinzipien abzuweichen. Und da er so viel Respekt genoss, hatte der dunkle Herrscher von Rom ihn lieber im Geheimen umbringen lassen. Wenigstens hatte ihn dann keiner mehr verrückt sehen müssen. Es wäre Alberich lieber gewesen im Kampf zu sterben, anstatt einfach nur verrückt und tatterig zu werden. Aber eigentlich hätte der Herrscher auch einfach aussitzen können, bis der Alte von alleine weg war. Er hätte nicht riskieren müssen, durch diese Tat seinen Ruf zu schädigen. So gesehen machte das Gerücht keinen Sinn.

Der Spielmann hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn er musste um seine eigene Existenz bangen. Alberichs Andenken hielt er am besten in Ehren, in dem er sich nicht umbringen ließ.

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Dienst im großen Reich der Finsternis

Nemo cum diabolo iocatur impune.
Niemand treibt ungestraft mit dem Teufel Scherze. Walther von Châtillon (um 1135-nach 1200)

Der dunkle Prophet dehnte seine Macht weiter aus und befriedete nach und nach alle Gebiete, bis endlich weitgehend Ruhe herrschte. In seinem gesamten Reich vereinheitlichte er das Gesetz und die Rituale. Zum ersten Mal in der Geschichte, so weit die Nacht zurückdenken konnte, besaßen die Orden der Nati Noctis Europas einen gemeinsamen, überall gültigen Kodex. Der Kodex der Nati Noctis sollte vom zentralen Rat in Rom immer wieder erweitert und modifiziert werden. Ein neuer Wind wehte durch Europas Nacht, und er blies direkt aus der Hölle.

Das Gesetz des dunklen Propheten ähnelte dem klassischen Kodex in vielen Dingen. Der Kodex Roms führte auch zum ersten Mal flächendeckend den Namen „Vampir“ als Bezeichnung für Blutdämonen unter den Nati Noctis ein. Allerdings gab es auch einige wichtige Unterschiede, darunter:

- Nur dem Meistervampir war es erlaubt, andere Vampire zu töten oder deren Tötung anzuordnen. Der Meistervampir durfte jeden Vampir seines Ordens töten, denn sie waren seine Verantwortung und seine Leibeigenen, so wie alle Vampire Leibeigene des Satans waren. Der Meistervampir musste alle fehlerhaft umgewandelten Vampire töten, die durch mangelnden Verstand oder mangelnden körperlichen Zustand nicht von alleine überleben konnten. Er musste alle Vampire töten, die alt und verrückt geworden waren. Er musste die Sünder töten oder bestrafen und musste all jene töten, die so schwer verletzt waren, dass sie nicht von alleine heilen und überleben konnten.

- Nur der Meistervampir durfte die Erschaffung neuer Vampire erlauben oder anordnen. Ein Vampir, der das Blut eigenmächtig weitergab, ohne Erlaubnis oder Befehl dazu zu haben, wurde mit dem Tod bestraft. Es gab zahlreiche Erweiterungen mit Vorschriften, welche Menschen zum Vampir gemacht werden durften. Diese Vorschriften füllten ganze Bücher.

-nur der Meistervampir durfte beurteilen, wer den Kodex gebrochen hatte und wer nicht.

- Die Jagd auf alte, verrückte Vampire, die eine Schneise des Bluts durch die Menschheit zogen und das Geheimnis der Vampire bedrohten, war für alle Nati Noctis heilige Pflicht.

- der Punkt von Großherzigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Menschen fiel weg.

- der Punkt von der Ehre, ein Vampir zu sein, fiel weg.

- dafür gab es einen zusätzlichen Punkt, der den Meistervampir zur Überwachung der Einhaltung aller Rituale und des Sabbat verpflichtete.

- ein zusätzlicher Punkt zur Verpflichtung aller Jünger der Nati Noctis zur Mission und zum heiligen Krieg gegen die Ketzer und Heiden.

Daneben gab es noch zahlreiche weitere Anordnungen und Gebote, die den gesamten Ablauf des Lebens der Nati Noctis bestimmten. Diese Entwicklungen verfolgte Farmund gut, der als Bote natürlich immer glänzend informiert war.

Es wurde geregelt, welcher Kalender galt. Die Stunden der Nacht wurden einheitlich benannt. Es wurde geregelt, welche Feiertage einzuhalten waren, an denen nicht gejagt werden durfte.
Der Ablauf der Liturgie wurde einheitlich vorgeschrieben.
Genauso, wie die schwarze Ordenstracht der Nati Noctis auszusehen hatte und welcher Stoff zu verwenden war.
Es gab neue Regelungen zur Erschaffung neuer Vampire. Es gab mehr Regelungen zur Erschaffung neuer Vampire. Es gab schon wieder neue Regelungen zur Erschaffung neuer Vampire.
Auch, wie die einfachen Jünger unterzubringen waren, dafür gab es Vorschriften; bis hin zur Größe der Schlafnischen in den Katakomben.
Und nicht nur das, die Position der Nati Noctis zu den neuen Entwicklungen in Medizin und Naturwissenschaften wurde festgeschrieben, die Position zu Hexerei, zu menschlichem Krieg und zur Beeinflussung menschlicher Politik (die verboten war).

Die meisten der neuen Gesetze waren strenge Auslegungen uralter Traditionen, oder deren Zusammenfassung und Vereinheitlichung. Die Mienen der Meistervampire, die die Anordnungen entgegennahmen, waren oft sehr steif. Niemand wollte gern von den eigenen Gebräuchen lassen. Doch anmerken ließ sich keiner mehr etwas, aus Furcht, sonst den den Weg aller erklärten Feinde Roms zu gehen.

Das Sabbatfest blieb auch unter dem dunklen Propheten erhalten. Wie der Spielmann von italienischen Meistervampiren erfuhr, hatte der Großmeister aber durchaus mit dem Gedanken eines vollständigen Verbots des Sabbats gespielt – was für den bluttrinkenden Musiker entsetzlich gewesen wäre. Doch hatte er tiefes Vertrauen in die Nati Noctis, dass ihre Meistervampire das nicht zulassen würden. Und so geschah es auch. Selbst im gesetzgebenden zentralen Rat von Rom, der aus Meistervampiren bestand, die der dunkle Prophet als seine Ratgeber und Minister ausgesucht hatte, fand ein Totalverbot keine Mehrheit. Und das war der freudloseste Haufen, den man sich denken konnte.

Während das Sabbatfest an sich nicht verboten wurde und auch nicht festgeschrieben wurde, wie oft pro Jahr es gefeiert werden durfte, versuchte Rom allerdings ständig, die Anzahl oder Art an erlaubten Musikinstrumenten zu beschränken oder vorzuschreiben, dass nur religiöse Lieder gesungen werden durften. In diesem Bemühen erzielte Rom genauso viel nachhaltige Wirkung wie die Kirche bei Reglementierung der menschlichen Feste und des Karnevals: Nämlich keine. Rom war in Italien und die Entfernungen waren weit. Man konnte den Kopf eines Ordens austauschen, den Meistervampir. Aber nicht die Köpfe aller Jünger. Hier biss sich die Obrigkeit die Fangzähne aus. Das Sabbatfest in Rom selbst war natürlich entsprechend freudlos, doch überall sonst bestand das Fest ungehemmt fort. Je düsterer und härter die Allnacht, desto wilder der Sabbat. Mehr denn je brauchten die Vampire der Nati Noctis dieses Ventil.

Einiges, was aus Rom kam, war tatsächlich sehr grausam. Eine neue Regelung aus Rom legte fest, dass ein neugeborener Vampir fünf Jahre lang in einem Sarg gefesselt eingemauert werden sollte. Erst dann solle er als Mitglied des Ordens akzeptiert werden. Schweren Herzens hielten sich die alten Meistervampire daran. Sie wussten, dass Rom immer wieder Jünger von ihnen austauschen, nach Rom zitieren oder Gutachter schicken würde, ob die Gesetze eingehalten wurden. Es war genug bekriegt und getötet worden. Rom hatte nun die Oberhoheit.

Später wurde die Frist dann auf drei Jahre reduziert. Noch später dann auf ein Jahr. Danach wurde die Regel umgeändert darin, dass die Prüfung so lange dauerte, bis es dem jungen Vampir gelang, von alleine aus dem Grab heraus zu brechen, mindestens aber ein Jahr. Das setzte sich aber in der Praxis nicht durch, denn die Meistervampire mauerten niemanden wieder ein, der es einmal geschafft hatte, sich zu befreien. Die Regelung wurde daher in dieser Form bald wieder aufgegeben. Im Allgemeinen schafften es die Jungvampire, sich nach einigen Nächten zu befreien, womit die alte Tradition aus dem Mittelalter wieder hergestellt war. Den Betroffenen schien das unendlich lang genug.
Damit erging es dem Ordenskodex der Nati Noctis ähnlich wie seinen menschlichen Gegenstücken in der christlichen Ordenswelt, die mit der Realität kollidierten und von der Realität zurechtgestutzt wurden.

Dem Spielmann war nichts davon anzumerken, dass er mit Roms grausamen Gesetzen ein Problem hätte, oder mit den Befehlen, mit denen er gegen die Ketzer losgeschickt wurde, die die Wahrheit von der dunkle Prophets Lehre nicht sehen wollten. Und doch... einmal verschlampte er einen Befehl aus Rom zur Vernichtung eines kleinen Ordens in den Bergen, weil es angeblich Ketzer wären. Eigentlich sollte er den Befehl überbringen und dann selber dabei helfen. Stattdessen saß er am Wegesrand und blickte zu den Sternen hoch. Er verschaffte ihnen Zeit. Dadurch wurden sie gerettet, weil sie weiter in die Berge flohen und es anderswo Krieg gab, so dass Rom sie später einfach vergaß. Und er selbst ging ganz woanders hin und stellte sich dumm. Er befand sich nördlich der Alpen und nahm die Befehle Roms nur indirekt entgegen. Wer als dumm galt, dem war eine gewisse Fehlerrate gestattet. Doch musste er trotzdem genau aufpassen, wo und wann er das tat.

Die Gesetze Roms schrieben die einheitliche schwarze Ordenstracht der Nati Noctis bis ins Detail vor. Doch hatte man es nicht so dringend, in seinem speziellen Fall die Anordnungen Roms zu exekutieren. Farmund war nicht der Gewalt eines einzelnen Ordensmeisters untergeordnet. Darum wartete ein jeder darauf, dass ein anderer ihn zähmte. Und wenn auch noch der Spielmann finster angezogen wäre, wären die Zeit wirklich finster geworden ...

Im Lauf der zweiten Hälfte des 15ten Jahrhunderts erblühte das geeinte Reich und kam zu großer Macht. Des dunklen Propheten wichtigste Gegner waren besiegt und brieten in der Hölle. Farmund konnte sich im Reich frei bewegen und brachte wieder Nachrichten und Musik zu den Orden wie früher. Doch war es Rom zu melden, bei welchem Orden er sich gerade aufhielt. Man hielt ihn sich auf Abruf bereit, wenn man ihn wieder für eine Strafexpedition oder gegen die Ketzer brauchte. In vielerlei Hinsicht hatte er sein altes Leben wieder aufgenommen, doch verlief nun alles ernster und blutiger.

Seine halluzinogen Kräfte begannen sich zu entfalten und er wurde für seine schwarzen Beschwörungen bekannt; seine Visionen, die sich zu seiner größten Waffe entwickeln sollten.

Die Nati Noctis wohnten zur Herrschaft des dunklen Propheten in größeren Städten und Ballungsräumen in Italien, in Frankreich, in Spanien, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Niederlande waren frei von Nati Noctis. Es gab sie nur vereinzelt und im Osten der britischen Inseln und nur im Süden Skandinaviens, und diese Außenposten konnten sich bereits leisten, Roms Lehre sehr frei zu interpretieren. Von Polen bis Ungarn faserte die Macht der dunkle Propheten aus. In diesen Gebieten hatten sie zahlreiche immer wieder aufbrandende kriegerische Auseinandersetzungen mit orthodoxen Orden. Auf dem Balkan gab es eine ständig wechselnde Demarkationslinie zu den osmanischen Vampiren, ständig umkämpft um jeden Schritt Grassoden und jeden Grabstein.

Die Orden in Skandinavien, die formal den Kindern der Finsternis angegliedert waren, vertraten die Doktrin der dunkle Prophets oft nur zum Teil. Im Heiligen Römischen Reich waren erzkatholische und liberale Orden verteilt wie in einem Flickenteppich. Das führte auch immer wieder zu Konflikten. Die Alpen mitten in Zentraleuropa waren ein schwieriges, ja peinliches Gebiet für die Nati Noctis. Dort gab es viele Häretiker, teilweise sehr mächtige. Es konnte gefährlich sein für ein Kind der Nacht, die Alpen zu überqueren. Immer wieder versuchten sie, über die großen Alpentäler weiter ins Gebirge vorzudringen und stießen auf erbitterten Widerstand.

Farmund der Spielmann konnte fast überall die Alpen überqueren, wo er wollte, sofern ihn der Allmächtige nicht selbst mit dem Blitz erschlug. Denn die Andersgläubigen kannten ihn von früher. Doch an der Poebene machte er Halt. Hier musste ein anderer ihm die Post abnehmen. Weiter ging er nicht. Farmund ging nie nach Rom. Er mied ganz Italien, um nicht nach Rom zu geraten. Er erfand Ausreden und ließ sich von Meistervampiren anderswo in Europa per Notruf herbei zitieren, damit er nicht nach Italien und vor allem nicht nach Rom musste.

Freudlos und streng war das Leben in Rom. Dort ging es düster zu. Man konnte allerdings nicht behaupten, dass es dort langweilig wäre. Das war der falsche Ausdruck. Aufregung gab es dort genug, aber nicht von der unterhaltsamen Sorte. Dort tobten die Machtspiele der Machthungrigen am wildesten. Im oberirdischen Rom der Renaissance konkurrierten reiche Familien rücksichtslos um die einflussreichen Posten und den Papsttrohn, mit denselben Methoden wie die Mafia in späteren Tagen, und im unterirdischen Rom der Bluttrinker ging es genauso zu. Borgia über der Erde, Borgia unter der Erde. Da wurde intrigiert und vergiftet, Meuchelmörder beauftragt und Rufmord betrieben. In den Katakomben Roms überlebten nur die Verschlagensten und Rücksichtslosesten. Dort wollte der Spielmann nicht hin. Die hätten ihm seine Fassade nicht mehr abgekauft. Er hätte Stellung beziehen müssen und wäre unweigerlich in den Sog der dortigen Ränkespiele hineingeraten.

Außerdem hätte er vielleicht versucht, dem Großmeister die Kehle herauszureißen. Das wäre natürlich sein Ende gewesen. Der dunkle Prophet war selbst sehr stark und er war gut bewacht. Farmund kannte sehr wohl die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten.

Für die folgenden 200 bis 300 Jahre sollten die Nati Noctis, strenggläubig und fundamentalistisch, ja fanatisch wie sie waren, den nächtlichen Schrecken Europas darstellen. Als eifernde Teufelsanbeter errangen sie traurige Berühmtheit.

Nur mehr wenige Prozent von ihnen sollten zu lesen und zu schreiben beherrschen. Doch da die Nati Noctis ihre Jünger nicht mehr belehrten, begannen ihnen mit der Zeit die guten Meistervampire auszugehen. Die Jünger besser auszubilden kam aber niemand mehr auf die Idee. Dann hätten diese ja Kritik üben können und wären nicht mehr so leicht vom Meistervampir beherrschbar gewesen. Diese Tradition gab es nicht mehr. Stattdessen versuchte man, gebildete Personen direkt aus dem Schoße der Menschheit zu stehlen und noch als Jungvampire in Führungspositionen hochzuziehen. Es funktionierte, weil die Jünger auf blinden Gehorsam gedrillt waren, aber diese Jungvampire behandelten ihre Untergebenen oft nicht sehr gut. Sie hatten immer den Komplex ihres jungen Alters zu kompensieren und waren oft sehr fanatisch. Anstatt mit ihren Jüngern zu diskutieren, lagen sie stundenlang betend in ihrer Klause vor dem umgekehrten Kreuz und erflehten vom Satan die Kraft, ihre Aufgaben der Dunkelheit und aller Bosheit gemäß zu vollbringen.

In tiefen Erdschlünden legten diese blutjungen Meistervampire Folterkammern an und nannten sie „Kapellen der Wahrheit“. Erst wenn die Schreie der Gequälten für viele Nächte oder gar Mondzyklen lang erklungen waren, glaubten sie, dem Willen des Teufels Genüge getan zu haben. Die Ketzer lernten dort die Wahrheit kennen. Und auch jeder, wer einen Fehler machte und die Erwartungen des Ordensmeisters enttäuschte. Man konnte nur froh sein, wer nicht Jünger eines solchen eifernden Ordensmeisters war. Doch manchmal war auch der Spielmann dem Befehl solcher Gebieter untergeordnet, wenn sie Rom angeschrieben hatten, um ihn gegen einen Feind herbeizuholen. Zu solchen Orden kam auch er nur im schwarzen Habit geritten, nicht in seiner bunten Tracht, und hielt sich an alle Vorschriften und Befehle wie ein Golem. Und so rasch wie möglich wieder fort von dort.

Oft genug starben diese Eiferer letztendlich selbst eines gewaltsamen Todes. Wie es schien, war die Hölle doch nicht immer glücklich, dass sie ihnen so viele Bluttrinker verfrüht hinunter schickten.

Da der Druck der erstickend strengen Gesetze und die Allmacht und die Willkür ihrer Ordensmeister auf ihnen lastete, gab es in vielerlei Hinsicht keinerlei Zurückhaltung mehr unter den Kindern der Finsternis. Sie wurden wahrhaftig zu Dämonen und zum Schrecken aller Vampire, die nicht ihrem Glauben anhingen. Die Jünger verrohten in jeglicher Hinsicht. Später sollte dieses Verhalten dann als normale, eigentliche Natur der Vampire angesehen werden.

Der Spielmann, der selbst stets sehr menschlich geblieben war, hatte mit den Kreaturen, mit denen er nun oft zusammen lebte, nicht mehr viel Ähnlichkeiten. Er ertrug dies aufgrund seines hohen sterblichen Alters und weil er schon als Lebender so viele Höhen und Tiefen des Lebens durchlebt hatte, weil er Erfahrung und Bildung besaß und so hinter die Kulissen blickte, und weil seine Persönlichkeit so sehr gefestigt war, dass er nicht mehr leicht durchdrehen konnte, egal wie es zuging. Die Eiche war fest fest verwurzelt und auch wenn die Äste im Sturm schwankten oder auch abreißen und Wunden hinterlassen mochten, der Stamm blieb unberührt. Doch trotzdem war es sehr wichtig für ihn, regelmäßig alte Bekannte und Veteranen aufzusuchen, die wie er die Kriege überstanden hatten und nun auf verschiedene Orden in Europa verstreut waren, um auch einmal zu entspannen. Gemeinsam ließen sich die Zeiten durchhalten.

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center]Der Orden von Nürnberg - Ein neues Zuhause[/center]

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center]Freunde und Zöglinge[/center]
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center]Kämpfe und Schlachten[/center]
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Der Niedergang der Nati Noctis

Bellum omnium contra omnes
Krieg aller gegen alle. Thomas Hobbes, Elementa philosophica de cive, 1642


Im Ende richteten die Nati Noctis nicht viel Schaden an der Menschheit an. Die Bluttrinker hatten niemals einen nennenswerten Einfluss auf die Anzahl der Menschen. Da forderten der schwarze Tod und der Hunger an Opfern viel mehr. Ihre Hexen vollbrachten keine Wetterzauber und wollten das auch gar nicht, sie hatten nicht mehr Hass und Missgunst in sich als andere Menschen auch. Im Grunde taten sie nicht mehr als sehr wild zu feiern, was in der modernen Zeit wohl kaum strafbar gewesen wäre. In einer Zeit, wo die Christen gespalten waren zwischen Katholiken und Protestanten, sorgten die Nati Noctis dafür, dass die Menschen aller Glaubensrichtungen, aller Stände und Zünfte, Arme wie Reiche, immer noch durch eine gemeinsame Angst vor dem Dunkel der Nacht vereint wurden; eine Finsternis, die sie all die Unterschiede zwischen ihnen vergessen ließ, wenn die Sonne unterging und sie gemeinsam schlotterten. Die Nati Noctis einten die Menschen durch ihre gemeinsamen Urängste und waren die Richter der Meineidigen und der Heuchler, die die Gesellschaft noch schlimmer schädigen konnten als die Schlächter und offensichtlichen Bösewichte. Sie mögen so manche Ungleichheit und Grausamkeit in der Geschichte der frühen Neuzeit gemildert haben, die die Menschen plagte und beugte. So todbringend die Nati Noctis selbst auch waren, ohne sie wäre die Geschichte der Menschen vielleicht noch blutiger und grausamer verlaufen.

Doch die Nati Noctis sollten untergehen. Die Geschichte der Menschheit und die Geschichte der Schatten der Nacht sind miteinander verknüpft und in ewiger Wechselwirkung miteinander verwoben wie ein Spinnennetz. Die Nacht folgt dem Tag und der Tag der Nacht. Der Winter tauscht den Platz mit dem Sommer. Der Schatten folgt dem Stand der Sonne. Und wie der Tag sich änderte, sollte auch die Nacht sich ändern. Die gesamte Welt sollte sich wandeln. Der Mond sollte über einem neuen Zeitalter aufgehen und seine Lichtstrahlen wie Tränen auf die Todeskrämpfe des alten Zeitalters ergießen. Die alte Welt sollte untergehen und all ihre Kreaturen mit ihr. Das Mondlicht sollte sich in Seen aus Vampirblut spiegeln.

Der Todeskampf dauerte lange, denn Untote vergehen nicht so leicht. Doch es begann Mitte des 17ten Jahrhunderts.

Dass irgend etwas in Rom geschehen war, war in Nürnberg bald klar. Es kam nämlich nichts mehr aus Rom. Und das war schon eine deutliche Nachricht an sich, war der zentrale Rat ja ansonsten unermüdlich darin zu kontrollieren und zu befehlen. So wie es in der Heiligen Stadt zuging, konnte man sich auch denken, was passiert sein musste.
Entweder kämpfte der Herrscher gerade gegen Intriganten, die ihn vom Thron stoßen wollten, oder dies war schon gelungen und sie kämpften untereinander. Wer hätte gedacht, dass sich eines Nachts sogar jemand an den Großmeister selbst heranwagen würde, dessen Autorität bisher immer unangetastet geblieben war? Wohl niemand, die Idee allein hätte schon als absolut abwegig gegolten. Zumindest vor dieser höchst verdächtigen Stille.

Vielleicht war der Herrscher ja durch das Alter verrückt geworden und damit angreifbar geworden – immerhin war er tatsächlich schon sehr alt. Das schien der Ordensmeisterin am wahrscheinlichsten zu sein. Doch wollte dieser Gedanke auch schier den Verstand überfordern. Man wollte ihm zwar nicht in allem gehorchen, aber er war immer noch der Großmeister, oder? Er war kein normaler Bluttrinker. Ausgerechnet er sollte verrückt werden? Er war dem Teufel so treu und so nützlich. Warum in aller Welt sollte der Satan seinen großen Propheten zu sich holen? Der Spielmann hatte sich immer vorgestellt, dass er selber lange vorher verrückt werden würde, bevor es einmal den Großmeister erwischte.

Auf jeden Fall musste in Rom das jemand angezettelt haben, der so blind nach Macht gierte oder so erzgläubig war, dass ihn das Risiko nicht aufhielt. Doch wenn man lange genug wartete, gab es immer einen, der vor nichts zurückschreckte. Es war wohl gut, von Rom in Ruhe gelassen zu werden. Wer nachfragte, wurde vielleicht selbst mit hineingezogen.

Inzwischen war der Spielmann ebenfalls schon zu den ältesten Bluttrinkern der Nati Noctis aufgerückt. Nun machte er sich Gedanken über seine eigene Endlichkeit. Damals hielt sich niemand der Vampire für unsterblich. Irgendwann kam der Alterswahnsinn, unaufhaltsam. Und dann war es vorbei. Nur die Kinder der Jahrtausende mochten verschont bleiben, doch wer konnte von sich schon behaupten, so zu sein? Jeder Vampir, dessen Alter nachprüfbar war, war über die 300 nicht wesentlich hinaus gekommen. Und auf die bewegte sich der Spielmann unaufhaltsam zu. Das Verschwinden des Herrschers machte ihn tief besorgt, es machte ihn furchtsam und grüblerisch. Der ganze Orden versicherte ihm, dass er bei bester geistiger Gesundheit wäre. Er bat von sich aus die Meistervampirin, seinen Geist zu durchsuchen, was sie auch tat und sie sagte dasselbe, was der Orden auch sagte: nichts deute darauf hin, dass er in der nächsten Zeit verrückt werden würde. Er zwang seine Zöglinge zu dem Schwur, dass sie mithelfen würden, ihn ins Feuer zu werfen, bevor er seinen eigenen Brüdern und Schwestern etwas antat. Mit diesem Testament gewappnet beruhigte er sich etwas.
Meisterin Wilbeth duldete nicht, dass er sich isolierte und vor sich hin grübelte. Wenn er sich gar nicht zu den anderen gesellen wollte, nahm sie ihn mit zu sich in ihre Privatgemächer und übte mit ihm neue französische Redewendungen und Wörter ein. Wenn man sich alt fühlte, war es das Beste, etwas Neues zu lernen. Damals begann Französisch gerade Latein als Universalsprache der Menschen abzulösen. Sie hatte eine ihrer sprachgewandtesten Vampirinnen zur Dienstreise nach Frankreich geschickt, mit dem Auftrag möglichst viel zu hören und aufzuschreiben. Dann setzte Wilbeth sich auf die große, lange Kleidertruhe, die sie als Bank benutzten, und er durfte den Kopf auf ihren Schoß legen und sie fragte ihn französische Vokabel ab. Wer wollte denn da verrückt werden? Mit der Zeit gewöhnte er sich dann daran, dass er den Großmeister offenbar überdauerte.

So vergingen einige Jahre des unbehaglichen Abwartens und der Unruhe. Einzelne italienische Vampire gelangten nach Norden. Es waren Überlebende aus Kämpfen, die in den an Rom eng angegliederten Orden Norditaliens gefochten wurden. In Rom herrschten, wie es schien, Wahnsinn und Chaos und die Anhänger verschiedener Meistervampire töteten einander auch in den benachbarten Orden. Aus Rom selbst entkam niemand. Es wurde teilweise auch immer noch behauptet, dass der Großmeister noch lebe. Das schien aber nicht realistisch, denn der hätte die Sache längst unter Kontrolle gebracht. Und wenn er fort war, wer würde nach ihm kommen? Welcher Eiferer würde nun die Macht an sich reißen?

Dann kam Nachricht aus Paris, die an die anderen Orden Europas weitergereicht wurde. Es wurde bestätigt, dass noch immer Rom in jedem Stollen gekämpft würde. Der Großmeister sei offensichtlich verschwunden. Und nein, Armand würde nicht nach Rom gehen, um die Nachfolge der dunkle Prophets zu übernehmen. Dieser Zusatz ließ vermuten, er wäre vielleicht von irgendwelchen hoffnungsvollen untergeordneten Vampiren aus Rom darum gebeten worden. Das wäre nicht überraschend, schließlich war Armand zu dieser Zeit der stärkste Vampir der Nati Noctis.
Tatsächlich gehörte Armand zu den reaktionärsten Elementen der Führungsriege der Nati Noctis und hätte von der Gesinnung her gut in den zentralen Rat der Freudlosen und der Strengen hinein gepasst. Er war mehr oder weniger Roms Außenstelle. Und er war für seine besondere Grausamkeit bekannt, die der des ehemaligen Großmeisters in nichts nachstand oder sie sogar noch übertraf. Dass dieser Verrückte das Regiment übernahm fehlte gerade noch. Zum Glück hatte er daran kein Interesse.

Armand half Rom nicht. Damit war er nicht alleine. Auch die anderen Meistervampire Europas rührten keinen Finger. Das System der Nati Noctis basierte auf Repression und Gewalt, nicht auf echter Loyalität; und nun fiel alles auseinander wie ein Kartenhaus.
Viele einfache Jünger glaubten immer noch, dass nur ein starker Vampir Ordnung schaffen musste. Doch die Meistervampire, die mehr Bildung und Erfahrung besaßen, wussten, dass Italien nicht zu halten war. Dort konnte man sich nur die Finger verbrennen. Selbst für Armand wäre es nackter Wahnsinn gewesen, in diesen Höllenpfuhl zu gehen. Der Hölle zu dienen und in der Hölle sein waren zwei unterschiedliche Dinge. Wer auch immer in Zukunft südwärts der Alpen Orden gründen würde, es würden nicht Nati Noctis sein.

Der Großmeister war, wie es nach der in den Folgejahren stückweise zu Tage tretenden Information erschien, tatsächlich von sich aus verschwunden. Offenbar aus Altersschwachsinn, wie ihm alte Vampire nunmal anheim fielen. Sogar ihn, den dunklen Propheten selbst. Mehr war an dieser bitteren Erkenntnis nicht dahinter. Doch der Sturm folgte erst noch und seine Vernichtungskraft sollte überwältigend sein.

Das Herz, das den Körper am Leben erhielt, das die Wissensströme und das Leben durch das Reich transportierte, existierte nicht mehr. Lauter kleine Herzen kämpften um die Nachfolge, doch letztendlich waren sie zu schwach und sie pumpten in unterschiedliche Richtung. Ein Körper ohne Herz ist zum Untergang verurteilt, auch wenn die einzelnen Körperteile noch eine Weile weiterzuarbeiten vermögen.

Das Verschwinden des Großmeisters war ein Schock, ein Schock, der den Kontinent wie eine Flutwelle überrollte. An IHM schien die Zeit vorüber zu gehen, ER schien eine ewige Konstante zu sein, auch wenn sich die Generationen der Vampire abwechselten, die Alten verrückt wurden und neue Vampire erschaffen wurden. Jeder mochte vom Teufel in die Hölle abberufen werden, aber nicht ER. Nicht der dunkle Prophet.
Rom war im Chaos versunken, als sich ehrgeizige Anwärter auf den Thron gegenseitig niedermetzelten. Der Kampf war erbarmungslos, wie so oft in der Geschichte, wenn der Imperator starb und die Söhne um die Nachfolge kämpften. Hoch schossen die Flammen in Rom und ihre Funken setzten die eng angegliederten Orden in Italien in Brand. Blutige Machtkämpfe um die Nachfolge löschten den Orden von Rom fast völlig aus. Die Überlebenden flohen, während alte Feinde, die bisher durch die Stärke der Nati Noctis abgeschreckt worden waren, im Land südlich der Alpen aus allen Löchern und Winkeln strömten. Italien, die Hochburg der Nati Noctis, sollte fortan von ihnen nahezu leergefegt sein. Das Herz der Nati Noctis existierte nicht mehr. Mehr noch als das Verschwinden des Großmeisters selbst war es das, was der Moral der Nati Noctis unwiederbringlichen Schaden zufügte.

An Führungsstellen überall in Europa saßen machtgeile Fanatiker, die das System dort hinauf verfrachtet hatte. Nach dem Ende von Rom dauerte es nicht lang, und der Rest von Europa versank in kleinkarierten Territorialkriegen. Jeder erklärte den anderen zum Ketzer, um sein eigenes Gebiet auszuweiten. Ganze Orden wurden vernichtet, ganze Landstriche wurden ihrer nächtlichen Bewohner beraubt. Nur in einzelnen Städten, wo besonders besonnene oder starke Vampire herrschten, gab es noch Inseln des Friedens. Diese Meistervampire jedoch waren in Bemühung um Erhaltung ihres Friedens zur völligen Starrheit verdammt. Jede Änderung der althergebrachten Doktrin hätte anderen Orden eine Ausrede zum Angriff geboten. Als die Welt sich zu verändern begann, sollten die Nati Noctis nahezu handlungsunfähig sein.

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Requiem des Spielmanns

Dies irae, dies illa solvet saeclum in favilla
Der Tag des Zornes, jener Tag wird die Welt in Asche zerfallen lassen


Die Zeiten für den Orden von Nürnberg waren finster geworden. Ständig wurden sie angegriffen und in heftige Kämpfe verstrickt. Natürlich hofften alle, der Spielmann würde noch möglichst lange existieren. Doch er war nun greis geworden. Mit 300 Jahren war er für die Begriffe der Nati Noctis ein Methusalem. Er war alt, greis, müde, launisch und halb verrückt.

Halb verrückt vor Angst, verrückt zu werden. Halb verrückt vor Angst vor der Hölle.

Doch aggressiv und gefährlich wurde er dabei nicht. Darum ließ man ihn noch älter werden und hegte ihn und pflegte ihn, so gut man konnte. Die Zeit vor der dunkle Prophet war für ihn in ferner Vergangenheit zu einer Einheit verschmolzen, ohne klare Chronologie. Er wusste nicht einmal, wie alt er genau war. Er war zu alt und zu verwirrt, um rechnen zu können. Und er wollte es gar nicht so genau wissen, denn wenn sich herausstellte, dass er 299 Jahre alt war, würde er im nächsten Jahr gewiss verrückt. Für eine solche Erkenntnis wäre er nicht stark genug. Tatsächlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits an die 320 Jahre lang Vampir. Aber das wusste niemand. Keiner besaß das Alter und die Erinnerung, um das Alter Farmunds besser einzuschätzen als er selbst.

Ob ihm das Wissen um sein wahres Alter geholfen hätte? Vielleicht. Vielleicht hätte es ihn aber auch sofort von der Planke gestoßen. Hier wandelte sich die alte Stärke des Spielmanns, seine soziale Natur, zum Nachteil. Denn aus dem Druck der Erwartung und dem Glauben der Allgemeinheit konnte er sich nicht lösen. Wenn man mit Sicherheit wusste, dass niemand die 300 geistig heil überstand, wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass dies auch geschah? Besonders wenn die Religion die knochenzermalmende Angst hinzufügte, nun mit Sicherheit zur Hölle zu fahren?

Vor allem wurde Farmund von fürchterlichen Ängsten vor der Hölle geplagt. Er hatte schreckliche Angst vor dem Höllenfeuer. Wie die Qualen sein würden. Wie es wehtun würde. Es gab Zeiten, da wollte er am liebsten laut um Gnade schreien. Aber er war verdammt. Es gab kein Entkommen. Es gab keine Gnade. Bluttrinker waren Leibeigene des Satans. Menschen konnten erlöst werden. Doch Blutdämonen nicht. Für die war es zu spät. Die Verdammten konnten nicht mehr aus, da gab es kein Entkommen. Nicht einmal durch Sonne oder Feuer, dann fuhr man eben gleich zur Hölle.

Warum er als Mensch nicht hatte erlöst werden können? Darauf wusste er keine Antwort. Wer war er, als kleines Rädchen im Gefüge der Welt, danach zu fragen? Da konnte er gleich vermessen Gott fragen, warum Gott die Welt nicht so geschaffen hatte, das der kleine Spielmann sie verstehen konnte. Manchmal gab es eben nur das Wissen, dass man nichts wusste. Das hatte schon Sokrates gesagt und der war sogar noch Heide gewesen.

Nach der Lehre einiger Orden wäre Farmund sogar niemals ein richtiger Mensch gewesen, sondern nur ein in einem fleischlichen Körper eingeborener Dämon ohne echte Seele, auf die Erde gekommen, um sie Seelen mit Geige, Sackpfeife und spitzer Zunge der Hölle zuzuführen. Wenn das so war, dann hätte er sich irgendwann schon früher für den Satan entschieden und war wohl als Sternschnuppe vom Himmel und in die Hölle gefallen, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte.

Wenn er von vornherein ein Dämon gewesen, dann gehörte vielleicht zu jenen, die die armen Seelen auspeitschten und nicht zu denen, die selbst ausgepeitscht wurden. Und dann fragte er sich, wie er das übers Herz bringen sollte, um Gnade flehende Seelen im Feuer zu rösten und auszuweiden und zu zerreißen. Ob es Pausen gab, in denen man mit den anderen Teufeln beisammen sitzen und reden konnte? Ob man auch einmal zusammen sang? Er wusste es nicht.

Ob er so gute Arbeit geleitet hatte, dass er vielleicht in diese Welt wiedergeboren werden würde, wie manche Orden es für möglich gehalten hatten? Nein, vermutlich nicht, wenn er so zurückdachte. Wie oft er der Lehre des dunklen Propheten nicht gefolgt war! Der hatte seine Anordnungen ja direkt aus der Hölle gehabt. Und er hatte sie ignoriert, einfach aus Vergnügungssucht. Was war, wenn es tatsächlich für Bluttrinker nicht richtig gewesen war zu feiern? Wenn er, Farmund, die falsche Musik gespielt hatte?

Besser hatte er einfach nicht zu handeln vermocht. Dadurch kam er sich unzulänglich vor, schwach im Geist und im Willen. Doch wenn er stark gewesen wäre, hätte er sich ja schon im Himmel nie für den Teufel entschieden und wäre ein Engel geblieben. Farmund kam sich schrecklich sündenbeladen vor. Vielleicht würde er auch einfach nur auf ewig im Höllenfeuer Qualen erleiden.

Irgendwann war es dann so weit, dass er es sogar aussprach, allein in der Zelle bei Wilbeth, wo er in ihren Armen lag und ganz am Ende war.

Das Feuer.

Der Spielmann war jetzt so weit, dass er lieber gleich Schluss machen wollte, als diese Angst und diese Ungewissheit noch länger zu ertragen. „Ich verbiete es dir“, sagte Wilbeth. Damit war die Sache erledigt. Natürlich war es Rationalität. Der Orden brauchte die Kampfkraft des Spielmanns, so lange er noch konnte. Wenn er im Kampf starb, hatte sein Tod wenigstens einen Sinn gehabt. Aber sie wusste auch, dass die Qualen der Hölle viel schrecklicher sein würden als die Ängste, die er jetzt durchlitt, so schlimm sie ihm auch erschienen. Doch mehr als ihn im Arm halten und sein Haar streicheln konnte sie nicht.

Die Hölle würde kommen. Sie kam zu ihnen allen.

Dann und wann ging Wilbeth so weit, ihm zu befehlen seinen Geist zu öffnen. Dann dämpfte sie mit der ihr eigenen Magie seine Angst wie bei einem sterblichen Opfer, nur um ihm ein paar Stunden Ruhe zu verschaffen. Ob sie irgendwo tief drin der fantastischen und absurden Hoffnung anhing, ihr Spielmann könnte es schaffen und einer der sagenhaften Altvampire werden? So wie auch viele seiner Zöglinge es hofften? Vielleicht tat sie das.

Jedenfalls kümmerte sie sich so gut um ihn, wie es ging. Der ganze Orden tat das. Sogar Frodewin. Jetzt wo der Spielmann alt und angreifbar geworden war, gab es keine Streitereien mehr zwischen ihnen. Frodewin behandelte ihn wie ein rohes Ei. Nun umarmte er ihn sogar zur Begrüßung, was er früher nie getan hatte. Und wenn Wilbeth zu tun hatte und der Spielmann sich nicht zu den anderen gesellen wollte, dann blieb Frodewin bei ihm und wich nicht von seiner Seite.

In diesen düsteren Jahren schwebte die Gefahr als Damoklesschwert über ihnen allen. Überall in den Landen um sie herum herrschte Krieg. Orden wurden vernichtet und gemetzelt. Oft mussten sie um ihr Leben kämpfen. Jedes Mal wurden die Angriffe gegen Nürnberg mächtiger und gefährlicher.

Zum Glück konnte der Höllenhund noch kämpfen, auch wenn er oft nicht einmal mehr musizieren wollte. Doch niemand wusste, wie lange Nürnberg noch standhalten würde.

Von ihren menschlichen Ordensmitgliedern hatte Nürnberg sich weitgehend getrennt und sie ihn unzugängliche Alpentäler geschickt. Nun war der Kontakt zu den Bluttrinkern nicht länger ein Schutz, sondern im Gegenteil eine große Gefahr für sie. Die meisten der Menschen hatten angesichts dieser Aussichten auf das Blut lieber dankend verzichtet. Selbst ohne mathematische Kenntnisse konnten sich einfache Menschen sich ausrechnen, dass sie als Sterbliche eine höhere Lebenserwartung hatten.

Farmund verabschiedete sich schweren Herzens von einigen Freunden für immer, bevor sie mit ihren Familien gegen die Alpen zogen. Dann waren auch sie weg, fort. Und ihm blieb nur ein Abbild ihrer in seinem Herzen.

Der Orden von Nürnberg war vielen Eiferern schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Zu liberal. Zu keck. Zu erfolgreich. Und als Anführer auch noch eine Frau! Die Bluttrinker von Nürnberg wussten alle, dass letztendlich auch die große Stärke des Spielmanns und die Kraft all seiner Zöglinge sie nicht würden retten können. Der Feinde waren viele. In dem Moment, wo sie sich auch nur temporär gegen sie verbündeten, waren sie geliefert. Die Stimmung im Orden war gedrückt. Aber trotzdem wollte niemand fliehen. Hier in Nürnberg waren ihre Freunde, ihre Kameraden. Wohin sollten sie auch gehen? Der Krieg war überall. Die Vampire lebten in diesen Jahren sehr von einer Nacht zu anderen, genossen die Schönheit jeder Stunde, die ihnen geschenkt wurde.

Den Sabbat feierten sie mit nahezu fröhlicher Verzweiflung.

Wenigstens sollte Farmund später nicht das Gefühl haben, es seien Dinge ungesagt geblieben. Alle Abschiedsworte waren längst gesagt. Vor der Schlacht war die Totenmesse schon gelesen. Sie wussten alle, dass jeder Kampf ihr letzter sein konnte.

Und trotz allem, trotz dieser Düsternis, hütete die Meistervampirin einen kleinen Funken Hoffnung, baute Wilbeth trotzdem auch für die Zukunft vor, falls sie das Wunder geschehen und der Orden dies doch alles irgendwie überleben sollte und diese Wirren einmal ein Ende hatten.

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Missmutig blickte Farmund auf die junge Sterbliche ihm gegenüber und er hasste sie. Wilbeth wollte ihn zwingen, sie zur Vampirin zu machen! Tatsächlich hatte er nur halb hingehört und überhaupt nicht verstanden, worum es ging. Jeder im Orden hatte davon gewusst. Überall war überlegt worden, wie man man ihm das am besten beibringen konnte. Der alte Spielmann war schon seid Jahren nicht mehr bereit gewesen, neue Vampire zu machen, weil er fürchtete, er könne verrückt werden, bevor er sein Kind fertig ausgebildet hatte. Und in welche Welt würde sein Kind auch geboren werden? In diesen Feuerofen des Kriegs? Der ganze Orden hatte versucht, ihn darauf vorzubereiten. Es klappte trotzdem nicht besonders gut.

Farmund kam vor, als würde über seinen Kopf entschieden und jeder würde erwarten, dass er diesen Akt tat, der als einziger wirklich immer seine persönliche Sache gewesen war.

Die erste Begegnung zwischen der Nachfolgerin und dem Spielmann war nicht besonders erfolgreich. Der alte, greise Bluttrinker war misstrauisch, verhalten und schweigsam. Mit der Zeit aber wurde er durch die Hartnäckigkeit und Behutsamkeit der jungen Menschenfrau etwas zugänglicher und begann mehr Achtung und Zutrauen zu ihr zu entwickeln. Diese junge Hexe vor ihm war intelligent, gebildet und souverän und in vieler Weise... Wilbeth sehr ähnlich.

Die Meistervampirin war selbst bereits alt. Sie musste an ihre Nachfolge denken. Und was war, wenn sie im Kampf fiel? Ein letztes Mal sollte der Farmund der Spielmann noch sein mächtiges Blut weitergeben. Ihre erwählte Nachfolgerin stammte aus Wilbeths sterblicher Blutlinie. Wilbeth wollte ihr Blut mit dem seinen verbinden. Das Mädchen hier sollte ihr gemeinsames Kind sein.

Nach Wilbeths Vorstellung würde ihre Nachfolgerin sich um die Hexen kümmern und Frodewin um die Bluttrinker. Mehr oder weniger ranggleich, wenn sie miteinander auskamen. Frodewin hatte ohne Zweifel das Zeug, den Orden gut zu führen. Aber es brauchte jemanden, der für die Hexen sorgte, was Frodewin nicht tun konnte. Doch Frodewin hatte seinen alten Stolz vollkommen abgelegt. Nachdem er die Nachfolgerin in Augenschein genommen hatte, machte er sogar klar, dass er sie als würdig ansah und sich auch weiterhin mit der Nummer Zwei begnügen würde.

Alles schien sich gut zu entwickeln. In vielerlei Hinsicht wurde die Nachfolgerin bereits wie eine Herrscherin behandelt, auch wenn sie noch ein Mensch war. Frodewin begleitete sie oft und schien sogar recht zu ihr hingezogen zu sein. Sie trug ihre Verantwortung mit Stolz und Würde. Doch noch war sie zu jung. Sie musste noch älter an Menschenjahren werden und Lebenserfahrung sammeln. Wilbeth war so weit gegangen, sie als Mann verkleidet auf der Universität studieren zu lassen. Sie hatte alle Geister manipuliert und ihr alle Tore geöffnet. Das hätte sie dem dunklen Propheten nun nicht mehr erklären können. Aber der war weg und der Feind stand ohnehin schon vor den Toren.

Die junge Nachfolgerin wusste auch, vielleicht würde es nie dazu kommen, dass sie die Macht übernahm. Weil der Feind übermächtig geworden war. Manchmal war es so gefährlich, dass sie völlig in die Welt der Menschen zurückkehren und den Vampiren fernbleiben musste. Und es konnte auch gut sein, dass sie als Vampirin kürzer existieren würde als als Mensch. Doch das schreckte sie nicht ab. Sie sah dies als Berufung an und würde vor ihrem Schicksal nicht davonlaufen.

Sie und Frodewin waren die junge Generation. Sie sollten den Orden in die Zukunft führen, wenn Wilbeth und Farmund einmal nicht mehr da waren. Doch Wilbeths Pläne sollten nicht aufgehen. Der Spielmann sollte fallen, bevor er sein Blut an die Nachfolgerin weitergeben konnte. Und auch Wilbeth selbst, bevor deren Ausbildung abgeschlossen war.

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In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde der Spielmann in in einer kriegerischen Auseinandersetzung von mehreren Kugeln angeschossen und schwer verbrannt. Neun Kugeln von Heckenschützen durchbohrten ihn von allen Seiten und dann kamen die Fackelträger. In derselben Schlacht fiel auch die Meistervampirin von Nürnberg. Sie zog es vor, sich selbst zu verbrennen, als in Gefangenschaft zu geraten. Was aus dem Rest des Ordens wurde, wer getötet wurde und wer überlebte, ist unbekannt.

Der große, alte Orden nun Nürnberg fiel einem kurzweiligen Bündnis mehrerer kleiner fanatischer Orden zum Opfer. Und es war nutzlos, denn nach dem Sieg dauerte es keine zwei Wochen und sie fielen übereinander her und vernichteten sich gegenseitig.

Die Wirren der damaligen Kriege und die rasch aufeinander folgenden Schlachten machen eine Datierung schwierig. Gerüchte von falschen Siegen und angeblichen Niederlagen machten die Runde. Genauso behaupteten noch jahrzehnte später Vampire, sie hätten den Höllenhund gesehen. Im Grunde war die gesamte Nacht Deutschlands ein einziges großes Schlachtfeld.

Es gab nicht die Infrastruktur, um dauerhafte Bündnisse zwischen den Orden zu schließen und um Frieden zu schließen. Das Netz aus starken, eigenverantwortlichen Vampirboten des Mittelalters war längst vernichtet. Dieses Netz war durch im Körper und Geiste schwächere, fanatische Befehlsempfänger ersetzt worden, die nur mehr einzelnen Orden gehorchten. Sie spionierten und intrigierten, logen und verbeiteten Gerüchte. Sie verrieten und mordeten, denn keine regel und keine Ehre galt gegenüber dem Ketzer. Niemand wusste genau, wer Freund und wer Fanatiker war. Gerüchte waren allgegenwärtig. Kundschafter und Spione machten sich Reime auf die Gedankenfragmente der Jüngsten.

Um zu verhandeln, waren auch die meisten Jünger als Vampire zu schlecht ausgebildet. Sie waren nicht zu einem disziplinierten Geist und zur Selbstkontrolle erzogen. Das einzige, was sie wirklich gut konnten, war zu glauben und blind zu kämpfen. Also taten sie beides umso hingebungsvoller.

In den Aufzeichnungen derer, die in der Lage waren, aus der Ferne zu beobachtete, steht nur der Zeitraum verzeichnet, in dem der Spielmann verschwand und in dem der große Orden von Nürnberg offensichtlich sein Ende fand. Oder zumindest zersprengt wurde. Ohne den Orden von Nürnberg als letztes ausbalancierendes Element in Zentraleuropa kehrte vollkommenes Chaos ein. Für die Geschichtsexperten war die markante gestalt des Spielmanns neben Wilbeth das letzte wesentliche, regulierende Element gewesen, das nun fehlte. Wegen Nürnberg hatten die Eiferer noch nicht ganz machen können, was sie wollten. Darum hatten sie den Orden auch unbedingt vernichten wollen. Und nun taten sie, was sie wollten, zu ihrem eigenen Untergang.

Das Heilige Römische Reich war immer ein Flickenteppich gewesen – nun zerfiel alles in komplettes Chaos, ein vollkommener Zerfall aller Ordnung und Strukturen, und wich geifernder Raserei.

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Nachhall - Der Tod der alten Zeit

Pulvis et umbra sumus
Staub und Schatten sind wir. Horaz, Carmina


Die Feinde wagte nicht, den Höllenhund zu töten. Zu sehr waren sie Furcht und Aberglauben geplagt, er möge aus der Hölle zurück auf die Erde geschickt werden, mit größeren Kräften noch und mit Wunsch nach Rache. Er beschwor ja ohnehin schon eine Armee von Dämonen, was würde er werden, wenn er sie in der Hölle direkt aufsammeln konnte. Darum beschlossen sie, ihn lebendig zu begraben. Mit vielen starken Siegeln sollte er gebunden werden. Auf diese Weise, gehalten zwischen Tod und Leben und seiner Macht beraubt, würde der Höllenhund ihnen vom Leib bleiben. Und welche bessere Strafe konnte es geben, der wahren Lehre getrotzt zu haben? Ihnen eine solche Angst eingejagt zu haben. Die Leben so vieler Jünger gefordert zu haben? Sie holten sie ihre besten Magier und Beschwörer. Und mit vielen Worten der Macht, die gesprochen und gesungen wurden und in Stein gemeiselt wurden, hoben zum richtigen Planetenstand ein Grab aus an einem ausgesuchten Ort, während er schwer verletzt und gebunden zuhören musste. An einem Ort, wo sich die Erdstrahlen der Magie kreuzten. Und das Grab wurde mit zahlreichen Runen und Bannsprüchen ausgekleideteten Granitplatten ausgekleidet. Und da hinein wurde der Höllenhund versenkt, und mit das gab mit einer sorgfältig vorbereiteten Steinplatte versiegelt, mit neun Bannsprüchen der besten ihrer Magier. Und dann jubelten sie.

Nicht alle Teufelsanbeter waren froh über sein Ende. Andere hatten den Höllenhund bewundert, zumindest aus der Ferne. Man erzählte Geschichten über ihn. Und wie die Nachricht die Runde machte, er sei besiegt und vernichtet, so machten auch Gerüchte die Runde, er sei noch gesehen worden. Nach einigen Jahrzehnten wurde er zur Legende. Und seine Heldentaten und seine Schandtaten wurden zu Mythen.

Das Ende des Spielmanns, eine solche markante und bekannte Gestalt der Nati Noctis, war bereits ein deutliches Symptom. Es war das Ende einer Ära. Es waren nicht nur einfach schwierige Zeiten. Der Untergang der Nati Noctis war bereits im vollen Gange, auch wenn sie es nicht wussten.

Von völlig unerwarteter Seite trat eine neue Gefahr hervor, eine heimtückische Gefahr, denn sie kam leise. Sie war nicht auf eine bestimmte Person festzulegen, noch auf einen bestimmten Ort, genauso wenig wie der Nebel oder die Luft zum Atmen. Sie kam von allen Seiten gleichzeitig und zugleich von innen heraus.

Bisher hatte es keine Vorstellung von Fortschritt in der Welt gegeben. Alles drehte sich in einem ewigen großen Kreis vom Untergang und von der Neuentstehung von Imperien und Königreichen. Die Herrscher wechselten, aber nicht die Welt selbst. Sie bestand aus festen Kategorien von Himmel, Hölle und Erde, von Menschen, Engeln und Dämonen und von verschiedenen Ständen von Sterblichen, die alle jeweils ihren genau definierten, unveränderlichen und von Gott gewollten Platz in Universum einnahmen. Die Nati Noctis konnten der Wissenschaft entkommen, die besagte, dass die Erde um die Sonne kreise und nicht die Sonne um die Erde. Aber nicht den Menschen. Nicht den Worten, nicht den Erinnerungen, nicht dem Blut.

Es war, dass das Individuum gegen seinen festgelegten Platz in der Welt aufzubegehren begann. Das Individuum wurde wichtig. Das Individuum begann zu denken. Es lag in jedem Tropfen Blut. Es wurde alles in Frage gestellt. Es war, als ob die Welt wegbrach, Stück für Stück. Es war ein Feind, gegen den es keine Waffen gab. Die Aufklärung kroch heran.

In den Naturwissenschaften hatten die Nati Noctis Neues immer nur zögernd neue Erkenntnisse übernommen. Doch ihr Konservativität zog sich in alle Bereiche hinein. Man stritt sogar darum, ob man beim Sabbat die neuen Musikinstrumente des 16ten Jahrhunderts übernehmen sollte (Streichinstrumente wie Gamben und Violinen). Die Musik, sie klang dadurch so vielfältig, so komplex und so harmonisch. Es war der Blutdämonen nicht, mit der schönen Musik der Engel zu konkurrieren. Das durften Vampire nicht.

Der zentrale Rat der Nati Noctis war durchwegs von reaktionären Elementen beherrscht gewesen. Ihre Ideologie war für eine sich wandelnde Welt ohnehin schlecht geeignet. Die gesamte Kultur der Nati Noctis basierte auf der theologischen Vorstellung einer starren Welt, in der es keinen Fortschritt gab und wo jeder Klasse von Kreaturen von Gott oder Teufel ihr eigener fest definierter Platz zugewiesen war. Und die intelligentesten Köpfe unter den Teufelsanbetern, die die Notbremse hätten ziehen können, die etwas bewirken hätten können, waren damit beschäftigt, sich in unaufhörlichen Kämpfen gegenseitig aufzureiben.

Oder vielleicht wollten die Kämpfe auch gerade deshalb nicht aufhören … Damit man die Fratze dieser neuen Welt nicht schauen musste. Die Aufklärung hatte ihren Gang genommen, und dann wurde es ihr Laufschritt. Wenn man die Welt nicht bekämpfen konnte, dann zumindest andere Vampire. Im Laufe des 18ten Jahrhunderts sank die Anzahl der Nati Noctis rapide.

In der ersten Hälfte des 18ten Jahrhunderts erschien es, wenn das Gemetzel so weiterging, als würde das Römische Reich alle seine Bluttrinker verlieren. Auch in den Nachbarländern war es nicht wesentlich besser. Dadurch, dass die alten Orden verschwanden und nur noch Einzelgänger übrigblieben, die sich vollkommen unkontrolliert verhielten, kam es zu einem sprunghaften Anstieg fehlerhafter Neuschöpfungen. Innerhalb von Jahrzehnten stieg ihre Anzahl zu ganzen Herden an von geistig zurückgebliebenen und misslungenen Vampire, die niemand mehr ausmerzte oder deren Entstehung verhinderte. Besonders im Osten und am Balkan, wo die Reibfläche zwischen den großen Religionen war; zwischen katholischem und orthodoxem Christentum, zwischen Christentum und Islam.

Das führte zu den Vampirhysterien des frühen 18ten Jahrhunderts und einer Reihe wissenschaftlicher Publikationen zu dem Thema Wiedergänger, die die Existenz von Vampiren durchaus für möglich hielten. Mit einem Mal schien es, als könnten die Bluttrinker sich nicht mehr verbergen. Wie das die wenigen Uralten unter ihnen, Beobachter seit Jahrhunderten, tief besorgte. Letztendlich kam es dann aber doch nicht so weit.

Als die Dichte an Vampiren so gering geworden war, dass die Übriggebliebenen sich wieder anderen Dingen zuwenden konnten, war es dann zu spät. Die Welt war so fremd und unbegreiflich geworden, alles Bekannte so tiefgreifend zerstört, dass vor allem die älteren überlebenden Nati Noctis in ihrer Verzweiflung in die Sonne oder ins Feuer gingen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war es dann fast schon vorbei. Niemand hatte auch nur nachzuhelfen brauchen.

Andere Vampire als die Nati Noctis konnten Europa widerstandslos übernehmen. Ungebundene freie Vampire zogen in die Städte Süd- und Mitteleuropas ein. Manche von ihnen nannten sich sogar wieder Nati Noctis, obwohl sie mit den alten Orden nichts mehr zu tun hatten, weder von Blut, noch Tradition noch Theologie. Sie wurden von den Meistervampiren der wenigen übrig gebliebenen Orden durchwegs akzeptiert, was unter dem dunklen Propheten niemals passiert wäre.

Die Eiferer von einst waren zahm geworden.

Oder zumindest zahnlos, genau so wie es zur selben Zeit der kirchlichen Inquisition erging.

Im frühen 19. Jahrhundert verschwanden die letzten Reste der Nati Noctis völlig. Das alles jedoch erlebte der Höllenhund aber nicht mehr mit. Er ruhte zu diesem Zeitpunkt unter Erde, Stein und Siegeln in tiefem, unheiligen Schlaf unter der Erde.

Das späte 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert brachten den völligen Zerfall der Ordensstrukturen mit sich. Die Vampire wurden zu genau den einsamen Wölfen, die die Nati Noctis in ihnen immer gesehen hatten. Fortan sehnten sich die Vampire zwar nach Gesellschaft, doch ohne sie halten zu können. Sie entglitt ihnen wie Sand zwischen den Fingern.

Es gab Heerscharen junger Vampire, die sich in unsteten Leben von Ort zu Ort durchschlugen und in ständig wechselnden heimatlosen Banden umherzogen, jede einzelen von ihnen nur einen Atemhauch lang existierend im Angesicht der Ewigkeit. In ständiger Furcht vor den älteren Blutrinkern lebten die jungen, in Angst vor den Kodextreuen, die sie Unwissende verachteten und jagten und töteten, wo immer sie ihrer habhaft wurden. Zum ersten Mal tauchten Vampirclubs auf, Treffpunkte für junge Vampire, die in der Menge Schutz suchten. Sie waren Bollwerke in einer feindlichen Welt.

Viel Wissen ging verloren. Dafür wurden Mythen und Aberglaube von Mund zu Mund weitergegeben. Die Anteil schwacher und fehlerhaft gemachter Vampire blieb hoch. Viele jungen Vampire lernten nur mehr durch Versuch und Irrtum, wie neue Vampire zu erschaffen waren. Der eine Aberglauben wurde durch den anderen ersetzt.

Nur zu Vollmond solle es funktionieren. Man könne nur zwei Vampire in seiner Existenz erschaffen, beim dritten starb man selber. Es war richtig, dass man als Vampir kein fließendes Wasser überqueren durfte; wenn man es dennoch tat, erwachte man am nächsten Abend nicht mehr. Bei dem einen Neugeborenen waren die Fangzähne nicht richtig durchgebrochen, der nächste wirkte geistig verwirrt und war nicht mehr der Alte, der dritte hasste seine neue Existenz und attackierte den Macher. Diese Schöpfungen wurden einfach im Stich gelassen, denn die verstörten jungen Macher waren nie dazu ausgebildet worden, für ihre Taten Verantwortung zu übernehmen. Man erzählte das Geheimnis der Vampire der Freundin, der Familie dem Lehrer in der Schule. Man machte kurzerhand die gesamte eigene Familie zu Vampiren, bis hin zum fünfjährigen kleinen Bruder, damit man sie nicht verlieren konnte.
Kein Wunder, dass die Alten die Jungen, wenn sie so einen Wahnsinn anstellten, nur noch ausrotten wollten. Und die alten Geschichten aus den Zeiten der alten Orden, der Scheiterhaufen und der alten Gesänge waren längst unwirklich und fern geworden, verzerrt und mit Fantasie angereichert.

Der Name Alberich lebte in einigen Landstrichen Mitteleuropas als Metapher für einen guten Lehrmeister fort, obwohl die jungen Vampire nicht mehr wussten, dass es ihn je real gegeben hatte und wenn, wo seine Schule gewesen war.

Wilbeth verschwand aus der Geschichtsschreibung. Aus der Erinnerung der Nati Noctis wurde sie getilgt, weil sie nicht ertragen konnten, dass unter ihren großen Anführern eine Frau gewesen war. Wilbeth wurde von den Geschichtenerzählern der Nacht einfach nicht erwähnt, bis sie nach ein, zwei Generationen aus dem Gedächtnis der Bluttrinker verschwunden war. So wie es den weiblichen Bildhauern im Florenz erging und den Malerinnen in Venedig, und den Komponistinnen der Klassik, die zwar alle zu Lebzeiten berühmt waren, nach ihrem Tode aber durch Nichtnennung durch die Historiker dem Vergessen anheim fielen. Doch in der Erinnerung der Menschen blieb Wilbeth erhalten. Zumindest in den unzugänglichen Gebieten der Alpen, wo ihre menschlichen Anhänger hingezogen waren. Von ihnen wurde sie weiter verehrt, auch dort, wo sie als Bluttrinkerin nie hingekommen war. Als Lokalheilige fand sich ihr Anlitz an Portalen, auf Fresken und Statuen in kleinen Dorfkirchen wieder, überall wo ihrer gedacht wurde, Seite an Seite mit Schutzfrauen aus anderen Legenden, Einbeth und Borbeth.

Erst im späten 20ten Jahrhundert begannen Historikerinnen den Legenden von der Wilbeth, Meistervampirin der Nati Noctis, nachzuforschen und suchten nach den raren Erwähnungen in verstaubten Archiven. Doch war akademisch umstritten, wo ihr Orden gewesen sein sollte. Die meisten glauten, das müsse in den Alpen gewesen sein, dennn dort fanden sich die meisten Überreste ihrer Anbetung. Aber die Alpen waren immer ein Gebiet gewesen, wo die Teufelsanbeter der alten Zeit nur begrenzte Macht gemacht hatten. Das machte irgendwie keinen Sinn. Einige (männliche) Historiker waren der Meinung, Wilbeth hätte es genauso wenig gegeben wie die Päpstin.

Und der Spielmann? Die Erinnerung an ihn war im 20ten Jahrhundert längst im Reich der Sagen und Legenden versunken. Da und dort tauchte er als ein mythischer Held in buntem Gewand und fahrender Vampirmusikant auf, der die Musik des Teufels spielte. In den den meisten Geschichten der Vampire aber war er ein fürchterliches Ungeheuer, das bekämpft werden musste, der Grundtypus des gefährlichen, alten Vampirs. Er wurde zum Schreckgespenst in Märchen und Fabeln. In Europa erzählten Macher ihren Zöglingen, wenn sie nicht gehorchten, werde der Spielmann sie holen kommen und aus ihrem Schienbeinknochen eine Flöte schnitzen. Doch wusste jeder, dass der Vampir, der Ursprung dieser Sagen sein mochte, schon lange, lange Asche war - wenn er überhaupt je existiert hatte.

~~~*~~~

In der Gegenwart

Noctes atque dies patet atri ianua Ditis
Tag und Nacht steht das Tor zur finsteren Unterwelt offen. Vergil, Aeneis 6,127



Ankunft

~ Lieber Flöte als Trübsal blasen ~

~ Wer den Teufel zum Freund hat, hat's gut in der Hölle ~


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Farmund
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Sonstiges: Farmunds Fangzähne sind stets sichtbar, weil er sie nicht zurückziehen kann.
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Charblatt: viewtopic.php?f=60&t=232
Notizen: viewforum.php?f=504
FAQ: http://faq.vampir-rollenspiel.de

Re: [in Arbeit] Farmund Wunnsam

Beitragvon Farmund » 17.09.2016, 10:28

In welcher Stadt wird Dein Charakter seinen Hauptsitz haben?
Phoenix

Copyright Deines Avatars
meins ;)

Herkunft der anderen Illustrationen:
eigenes Fotos von einer Säule, Stiftsmuseum Millstatt in Kärnten

Maciejowski Bible, France, ca. 1250
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... uselang=de

Rothschild Canticles, eine Zitate- und Gebetesammlung aus dem frühen 14ten Jahrhundert, Frankreich.
Flickr Account der Beinecke Library, Yale University, Creative Commons License CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
https://flic.kr/s/aHsjpS5AYh

Große Heidelberger Liederhandschrift, Codex Manesse, 1305-1340, Zürich
https://commons.wikimedia.org/wiki/Code ... uselang=de

The Hague, 1327, Frankreich
National Library of the Netherlands, http://manuscripts.kb.nl/show/manuscript/71+A+24

Hours of Catherine of Cleves, 1440, Niederlande
http://www.themorgan.org/collection/Hou ... ves/thumbs

Livre d'heures de Catherine de Rohan et de Françoise de Dinan, Mitte 15tes Jahrhundert, Frankreich
http://www.tablettes-rennaises.fr/app/p ... tory-ready

Très Riches Heures du Duc de Berry, das Stundenbuch des Herzogs von Berry, Frankreich, zwischen 1410 und 1489
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... uselang=de
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... uselang=en

Trivulzio Book of Hours, 1465, Flandern
https://www.kb.nl/en/themes/middle-ages ... rs-ca-1465

Schedel'sche Weltchronik, 1493
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wol ... riert).jpg

Hausbuch von Schloss Wolfegg, Ende 15tes Jahrhundert
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hau ... gg_03r.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hau ... dehaus.jpg

Hieronymus Bosch, 1450-1516
Versuchung des heiligen Antonius
http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Bosch, ... .+Antonius
Garten der Lüste, zwischen 1480 and 1505
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... ch_023.jpg
Das jüngste Gericht, circa 1486-1510
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... ieluik.jpg
Versuchung des heiligen Antonius, Detail, ca. 1500

Hans Holbein der Jüngere, 1497-1543
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... AT_XVI.jpg

erste Straßenkarte Mitteleuropas, 1501
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... arte_1.JPG

Pieter Bruegel der Ältere, 1525-1569
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pie ... roject.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... fdeath.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... Kueche.jpg

Vergänglichkeitsbuch des Wilhelm Werner von Zimmern, Deutschland, 1540-1550
http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlun ... Bpage%5D=1
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... entanz.jpg

Soll bei den Korrekturvorschlägen die Interpunktion mit angeführt werden?
Das hatten wir schon.

Wie hast Du hier her gefunden?
Ich war schon hier. :grins:

Sonstiges
Danke an Abraxas für die unendliche Mühe! Danke an Skender! Toll, dass so viele hier wieder weitermachen. Ich freu mich schon aufs Spiel.

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Re: [in Arbeit] Farmund Wunnsam

Beitragvon aBraXaS » 17.09.2016, 10:34

:herz:
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Re: [R]: Farmund Wunnsam

Beitragvon aBraXaS » 10.10.2016, 20:57

Ich freue mich auch unendlich, dass Du wieder mit dabei bist :) Die Bilder, die Du eingefügt hast, sind total toll und passend. Gefällt mir übermäßig gut :) Und ich bin gespannt, wenn der ganze LL steht :D Aber auf Deinen Wunsch wird jetzt schon erst mal verschoben und dann sind wir hier sortierter. Ich hoffe, es passt so mit dem "Radikal" beim klassichen Kodex weiterhin und wenn Du Unterkunfts- und Areawünsche hast, bitte einfach sagen, dann richte ich Dir alles sofort ein :)

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war eigentlich vorher schon hihi

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